Statistisch gesehen ist das Flugzeug nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel. Dennoch übermannt uns oft das Gefühl von Hilflosigkeit. Auf modernste Technik, bis zur Millisekunde getaktete Flugpläne und Abläufe und sehr gut geschultes Personal – darauf verlassen wir uns.

Doch aktuelle Zahlen der Bundesstelle für Fluguntersuchung (BFU), die dem „NDR“ vorliegen, lassen vermutlich den ein oder anderen zusammenzucken. In dem Bericht wurden Alarme von Kollissionswarnungen festgehalten, die Piloten zu sofortigen Kursänderungen auffordern. Außerdem wurden darin auch Fälle festgehalten, in denen die Piloten und nicht etwa Systeme die Beinahe-Crashs meldeten. 

Beinahe-Crash mit Flugzeugen: Der Luftraum über Deutschland ist extrem voll

Die Bilanz aus den vergangenen vier Jahren: Über Deutschland kam es zu mehr als 170 „potenziell gefährlichen Annäherungen von Luftfahrzeugen“. Luftfahrtexperten gehen von einer noch viel höheren Dunkelziffer aus. Wie kann das bei all den Sicherheitsvorkehrungen möglich sein? 

Einer der Gründe klingt fast banal: immer mehr Flieger in der Luft. Das bekräftigt Christoph Strümpfel vom Institut für Luft- und Raumfahrt der TU Berlin im Interview mit dem „NDR“: „Der deutsche Luftraum ist einer der meistfrequentierten Lufträume in Europa.“ 

In gemischten Lufträumen setze man, wo Verkehrsflugzeuge mit Privatfliegern zusammentreffen, auf das fliegerische Prinzip „sehen und ausweichen“, prangert er an.

Passagiermaschine von Lufthansa und Segelflieger trennten nur wenige Meter 

Dieser „gemischte Luftraum“ in der Umgebung von Verkehrsflughäfen, der von kleinen und großen Fliegern genutzt wird, berge demnach ein hohes Kollisionsrisiko. Als Beispiel werden die Flughäfen Weeze und Paderborn mit mindestens acht Fällen gefährlicher Annäherungen zwischen Verkehrsflugzeugen und Segelfliegern im Jahr 2018 genannt. Vereinzelt mussten dabei Passagiermaschinen ausweichen, um einen Crash zu verhindern. 

Und auch im laufenden Flugjahr gibt es beispielsweise diesen beunruhigenden Zwischenfall: Am 23. Juli 2019 wären beinahe ein Airbus A321 von Lufthansa und ein Segelflugzeug in der Luft zusammengestoßen. Die betroffene Segelflug-Pilotin Anne-Sophie Polz beschreibt den Schreckmoment so: „Plötzlich tauchte neben mir ein großer Schriftzug ‚Lufthansa‘ auf, in etwa 40 bis 60 Metern Entfernung.“ An Bord waren 175 Menschen, die Maschine steuerte auf den Hamburger Flughafen zu.

Gründe für die Gefahrenzone Luftraum

In diesem Fall könnte die Inkompatibiltät der Warnsysteme der Grund gewesen sein, nehmen die Experten vom BFU in einem vorläufigen Untersuchungsbericht an. Dadurch konnten die Flugzeuge sich gegenseitig gar nicht wahrnehmen. Außerdem könnte die mangelnde technische Ausstattung des Segelfliegers dazu geführt haben, dass er weder auf dem Radar der Lufthansa-Piloten noch auf dem der Fluglotsen auftauchte.

Als weiterer Grund für die riskanten Situationen werden auch gefährliche Entscheidungen seitens der Piloten in Passagiermaschinen in der Statistik genannt, etwa, wenn sie wegen Zeitdrucks Abkürzungen durch mit Segelfliegern gemeinsam genutzte Lufträume nehmen.

Gibt es eine Lösung? Christoph Strümpfel sieht den Gesetzgeber in der Pflicht. Die BFU forderte schon vor zwei Jahren eine verpflichtende Ausrüstung aller Luftfahrzeuge mit sogenannten Transpondern. Das sind Sender, die die Position und den Kurs eines Flugzeuges aussenden.

Allerdings hat die Deutsche Flugsicherung Anfang 2019 festgestellt, dass es dann zu einer Überlastung der Funkfrequenzen kommen könnte. Nicht gerade sicherheitsfördernd. Auf die ultimative Lösung müssen wir also noch warten und bis dahin letztlich auf das Können der Piloten vertrauen.