Der Durchbruch kam – vorsichtig gesagt – schleppend: Als der spanische Entdecker García López de Cárdenas 1540 als erster Europäer den Grand Canyon erkundete, soll er nach kurzer Zeit resigniert haben: „Diese Gegend ist wertlos.“ Drei seiner Soldaten brachen den Abstieg in die Schlucht wegen Wassermangels ab und der ganze Trupp machte sich aus dem Staub. Ein Indianerstamm, der schon lange dort lebte, war wieder unter sich.

Es dauerte mehr als 300 weitere Jahre, bis sich die nächsten Entdecker trauten, den Grand Canyon zu erkunden. Das Ergebnis: ähnlich. „Nach dem Betreten bleibt nichts anderes übrig, als zu gehen“, urteilte Leutnant Joseph Christmas Ives 1857 bei seinem Versuch, den Colorado River mit einem Dampfboot zu bezwingen. „Unsere Gruppe war die erste und wird zweifellos die letzte Gruppe von Weißen sein, die diesen profitlosen Ort besucht.“ Es kam anders.

Erinnerungen an die Urbewohner: Viel Altes ist abgesehen vom Canyon selbst nicht geblieben – aber an mehreren Stellen erinnert der Nationalpark mit Malereien an jene, die hier gelebt haben.

Grand Canyon ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der USA

Der Grand Canyon, die 450 Kilometer lange Schlucht im US-Bundesstaat Arizona, gehört heute mit mehr als sechs Millionen Besuchern jährlich zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des Landes und obendrein zum Weltnaturerbe der Unesco. Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1919, wurde der Grand Canyon zum Nationalpark ernannt, was ihn unter einen besonderen Schutz stellte. Er ist für viele Amerikaner längst so etwas wie der Uluru, der Ayers Rock, für Australien: ein ganz besonderes, wenn nicht bisweilen sogar mystisches Stück Erde.

Der Desert View Tower ist für viele der erste Stopp nach dem Passieren des Kassenhäuschens im Südosten des Nationalparks. Er macht seinem Namen alle Ehre, auch wenn es eigentlich keines Aussichtsturms bedarf, um beim Anblick der gewaltigen Schlucht des Grand Canyon in ehrfurchtsvolle Stille zu verfallen. Bis an den Horizont zieht sich die tiefe, hügelige Landschaft, rotbraun marmoriert wie das Badezimmer eines alten Luxushotels. Nur dass hier nie ein Mensch seine Hände im Spiel hatte. Die Natur hat das Gebiet über Jahrmillionen geformt.

Colorado River hat Canyon geschaffen

„Wie ein großes Akkordeon hat sie die Gegend zusammengepresst und wieder auseinandergezogen“, verdeutlicht es Rachel Comb. Die Parkrangerin bringt Besuchern in kleinen Touren die Geologie des Nationalparks näher. Ganz unterschiedliche Gesteinsschichten aus unterschiedlichen Perioden bilden den Canyon. Der Colorado River schließlich fraß sich über Jahrmillionen auf seinem Weg von den Rocky Mountains nach Mexiko mitten durch diese Landschaft und legte die Gesteinsschichten frei.

Der Canyon verändert je nach Tageszeit ständig sein Aussehen.

Sue Finley, Mitarbeiterin der Red Feather Lodge

Sue Finley mag vor allem die Unterschiedlichkeit dieser Landschaft. „Jede Stelle sieht anders aus“, sagt die Mitarbeiterin der Red Feather Lodge am Rande des Nationalparks. Seit 18 Jahren schon arbeitet und lebt sie in der Gegend, kennt den Canyon von oben wie von unten. Sie verstehe diejenigen nicht, die nur für einen kurzen Abstecher kommen. „Der Canyon verändert je nach Tageszeit ständig sein Aussehen“, findet Finley. Jeder Anblick sei anders, jeder sei es wert, genossen zu werden.

Und in der Tat: Eben noch schien die flache Morgensonne über die Landschaft, tauchte die Schlucht in ein beinahe schon unnatürliches rötliches Licht. Jetzt trifft sie in einem nur unwesentlich anderen Winkel auf den Canyon und legt den Blick auf das frei, was ihn geschaffen hat, den Colorado River.

Wie ein harmloser Bach sieht er von hier oben, aus weiter Entfernung im südlichen Bereich des Parks, aus. In Wahrheit ist er viel breiter, durch seine Schleifen verschlungen. „Und er kann launisch sein“, betonen die Parkranger im Besucherzentrum. Je nach Regenmenge donnert auch heute noch an einigen Stellen das Wasser mit hoher Geschwindigkeit durch den Canyon.

Bright Angel Trail ist beliebtester Wanderweg der Gegend

An diesem Tag ist es trocken. Und angenehm warm. Während im Süden Arizonas mehr als 40 Grad herrschen, zeigt sich das Wetter hier oben in 2.100 Metern Höhe mit zehn Grad weniger vergleichsweise mild. Gerade noch angenehm genug, um auf dem Bright Angel Trail ein Stück in Richtung Colorado River zu marschieren.

Es ist der wohl beliebteste Weg nach unten, aber komplett hinab und wieder hinauf nicht an einem einzigen Tag zu schaffen. Deswegen planen viele ein paar Stunden ein, um den steilen Weg zumindest ein paar Dutzend Höhenmeter in Richtung Fluss zu gehen und die Ruhe zu genießen. Und um rechtzeitig wieder oben zu sein.

Immer am Abgrund entlang: Vom Bright Angel Trail aus hat man den perfekten Blick auf den Grand Canyon.


Wer den Weg bis zum Ende schaffen will, muss vorausplanen: Es gibt neben einem Campingplatz nur eine einzige Übernachtungsmöglichkeit, die Phantom Ranch mit einigen wenigen Betten und noch weniger Zimmern. Beides ist oft auf Monate im Voraus ausgebucht.

Jeder Übernachtungstag landet zudem zunächst in einer Lotterie – wer teilnehmen will, sollte dies 13 Monate vor dem geplanten Reisedatum tun. Die Touren in den Canyon aber sind so beliebt, dass Besucher bereitwillig an der Verlosung teilnehmen.

Aus Sicht von Laura Chastain, der Managerin des Grand Canyon Chamber of Commerce and Visitors Bureaus, sollte eine Wanderung zum Pflichtprogramm gehören. „Ich möchte, dass die Menschen die Magie erfahren, die Geräusche des Windes in der Schlucht, das Singen der Vögel, die Eidechsen und all die anderen Kreaturen erleben, die sie auf dem Weg entdecken können, wenn sie langsamer werden.“

Zeit spiele bei einem Besuch des Nationalparks eine wichtige Rolle: „Ich bin traurig, wenn die Leute in unserem Büro anhalten und mir sagen, dass sie nur ein paar Stunden Zeit haben und nicht für den Sonnenuntergang bleiben können.“ Ihnen entgehe die Erfahrung, die Verwandlung des Grand Canyon in den Abendstunden zu erleben.

Diese Veränderung am Abend kommt nicht nur durch das Licht zustande. Es sind auch die Menschen, die dann anders wahrgenommen werden. Knapp 1.500 Einwohner leben direkt im Nationalpark in Grand Canyon Village.

Einige Hotels sind hier angesiedelt, die Zugverbindung aus Williams, gut 100 Kilometer südlich, endet ebenfalls hier. Das Dorf mit einigen Läden, einem Andachtsraum und der medizinischen Notfallstation entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Canyon zunehmend touristisch erschlossen wurde.

Es gibt viele Wege, den Nationalpark Grand Canyon zu entdecken – die Eisenbahn fährt direkt hinein in das Dorf des Grand Canyon.

Der Colorado River trennt den Nationalpark

Die meisten Bewohner sind Mitarbeiter im Park. Der Colorado River hat nicht nur den Canyon erschaffen, er trennt heute den nördlichen und südlichen Bereich des Nationalparks. Während das Gebiet südlich des Flusses in einigen kleinen Bereichen gut erschlossen wurde, ist der Norden noch immer rauer. Und dieser Teil des Canyon-Randes liegt 300 Meter höher als der südliche. Es ist hier kühler, die Vegetation hat sich anders entwickelt – und es gibt, meist anders als im Süden, im Winter Schnee.

Wer den Grand Canyon näher betrachten will, kommt an einer Wanderung nicht vorbei – zum Beispiel auf dem Bright Angel Trail, der hinunterführt an den Colorado River.


An diesem Tag ist das Kassenhäuschen im Norden geschlossen, wenn auch nicht wegen Schnees. Wespennester hätten die Arbeit in diesem Bereich erschwert, heißt es auf der Website. Deswegen müsse an anderer Stelle direkt im Nationalpark bezahlen, wer ihn besuchen möchte. Dabei sind Wespen gar nicht mal das Gefährlichste, das einem in dieser Gegend begegnen kann.

Auf Flusshöhe leben unter anderem Pumas und Kojoten. Tiere, denen Besucher oben aber nicht unbedingt über den Weg laufen. Dafür treffen sie hier, vor allem in der Dämmerung, auf Elche, Dickhornschafe oder sogar Bisons. Wie selbstverständlich grasen sie am Rande der Arizona State Route 64, die den Nationalpark im Südosten durchquert, unbeeindruckt von den Touristenströmen, die sich gegen Abend aufmachen zu ihren Quartieren. Dann gehört der Grand Canyon ganz ihnen.

Las-Vegas-Besucher kommen gern mit dem Helikopter


Die Abende und Nächte in dieser Natur sind einzigartig, doch auch die Tage lassen sich auf unterschiedliche Weisen erleben. Vom Flughafen im Süden des Parks gibt es jeden Tag Flüge mit dem Helikopter und Kleinflugzeugen, ebenso – mit deutlich längerer Anreise – von Las Vegas aus.

Außerhalb des eigentlichen Nationalparks ragt ein hufeisenförmiger Skywalk 150 bis 240 Meter über den Abgrund. Ein Investor hat ihn 2007 auf dem Gebiet der Hualapai-Indianer eröffnet. Canyon-Expertin Laura Chastain aber empfiehlt eine andere Weise, das Gebiet zu erleben: „Ein Flusstrip ist das ultimative Erlebnis, wenn man dafür Zeit hat“, sagt sie. Neben einigen Tagestrips gibt es Bootstouren, die sich über ein bis zwei Wochen erstrecken. „Jeder, den ich von den Teilnehmern bislang gesprochen habe, sagte, es habe sein Leben verändert.“

Vom Skywalk aus hast du eine ganz besondere Sicht auf den Grand Canyon.


Ein neues Leben dank des Colorado Rivers? Kaum vorstellbar. Aber dann steht man nach der Rückkehr vom Bright Angle Trail oben am Abgrund, auf seltsam angenehme Weise geschafft vom steilen Aufstieg, und blickt noch einmal in den Canyon hinein. Den ganzen Tag schon drehte sich der Kopf in immer diese eine Richtung, als wenn die rotbraune Steinlandschaft ihre Betrachter wie ein Magnet anziehen würde. Aber nun, nach einem Ausflug in die Tiefe, wirkt das alles irgendwie ein Stück vertrauter.

Der Grand Canyon muss nicht gerade das Leben verändern. Aber er erdet jeden, der ihn besucht. Eine wertlose Gegend? Niemals.

Tipps für deine Reise nach Arizona

Anreise: Condor fliegt mehrmals wöchentlich von Frankfurt am Main direkt nach Phoenix in Arizona. Von dort sind es mit dem Mietwagen gut drei Stunden Fahrt bis zum Grand Canyon. Viele andere große Fluggesellschaften bieten die Verbindung mit Zwischenstopps an – meist via Frankfurt, London, Amsterdam oder Kopenhagen.

Von April 2020 an fliegt die Lufthansa-Tochter Eurowings fünfmal wöchentlich direkt ab Frankfurt. Von Williams in Arizona gibt es eine Zugverbindung nach Grand Canyon Village.

Beste Reisezeit: Am besten im Frühjahr oder Herbst – die Sommer können heiß werden, die Winter kühler, und es kann dann schneien. Theoretisch ist ein Besuch aber das ganze Jahr über machbar. Die Temperaturen am 300 Meter höher gelegenen Nordrand (North Rim) können bis zu fünf Grad Celsius unter denen am Südrand liegen.

Eintritt: Der Nationalpark erhebt eine Eintrittsgebühr von 35 Dollar pro Auto, 20 Dollar für Fußgänger (es gibt Gratis-Shuttlebusse im Park). Ein Jahrespass für alle US-Nationalparks kostet 80 Dollar – er kann sich schon beim Besuch von drei Parks lohnen. An einigen Tagen im Jahr entfällt die Eintrittsgebühr.

Rundflüge: Vom Grand Canyon Airport in Tusayan sowie von Las Vegas gibt es Rundflüge mit Flugzeug und Helikopter über den Grand Canyon. Sie kosten je nach Tageszeit und Länge ab rund 150 Dollar pro Person, geflogen wird in sicherer Höhe über das Gebiet.

Bootstouren: Es gibt Bootstouren in unterschiedlichen Längen. Eine Tagestour ist ab rund 90 Dollar buchbar.

Wandern: Um zum Colorado River zu wandern, sollte man zwei Tage einplanen. Solche Touren müssen außerdem bei der Parkverwaltung angemeldet werden. Generell dauert es durch die steilen Wege doppelt so lang nach oben wie nach unten. Es ist zwingend notwendig, ausreichend Wasser und Verpflegung zu Wanderungen mitzunehmen. Aber selbst wer nicht bis ganz nach unten will – eine Tour auf einem der Wanderwege bietet in jedem Fall sehenswerte Erlebnisse.

Übernachten: Komfortabel und frisch renoviert, knapp außerhalb des Nationalparks: Red Feather Lodge, 300 AZ-64, Grand Canyon Village, AZ 86023.
Direkt im Park, schöne Sonnenaufgänge: El Tovar Hotel, 9 Village Loop Drive, Grand Canyon Village, AZ 86023.
Motelähnlich im Nichts, kurz vor dem Park: Cameron Trading Post, US-89, Cameron, AZ 86020.
  

Die Reise wurde unterstützt vom Arizona Office of Tourism. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.