Youtuber Drew Binsky hat mehr als eine Million Abonnenten. In den vergangenen Tagen lud er mehrere Videos von seinem Urlaub in Syrien hoch. Darin läuft er mit Selfie-Stick durch Damaskus, Latakia, Aleppo und Homs. Er beschreibt das Land als atemberaubend, günstig und freundlich, während im Hintergrund Schüsse fallen. Sind solche Videos eine Chance für wirtschaftlichen Aufschwung in dem Land, oder zeugen sie von einer unglaublichen Naivität und Ignoranz seitens der Reisenden?

Syrien: Der Krieg dauert an

Seit 2011 wird in Syrien gekämpft, geschossen und gemordet. Seitdem steht das autoritäre Assad-Regime im Kampf mit Oppositionellen, die sich ursprünglich für eine Demokratisierung des Landes einsetzten. Im Laufe der Jahre mischten sich immer mehr Parteien in die Kämpfe ein, auch internationale Mächte beteiligten sich – nicht selten, um eigene Interessen zu verfolgen.

Geflüchtete syrische Kinder im Flüchtlingscamp im Nordirak.
Millionen von Syrern mussten ihre Heimat verlassen und wurden in Flüchtlingslagern untergebracht. Foto: imago images/snapshot

Doch obwohl heute, Ende 2019, viele Regionen von der Regierung als stabil und sicher propagiert werden, fallen nach wie vor Schüsse und Bomben. Nach wie vor sterben Menschen, nach wie vor zwingt der Krieg Menschen in die Flucht. Laut UN-Angaben flüchteten seit 2011 mehr als 5,5 Millionen Syrer aus ihrer Heimat, die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Die Zahl der Todesopfer wurde zuletzt 2016 von den UN auf mehr als 400.000 geschätzt.

Dark Tourism: Warum Urlaub in Kriegsgebieten?

Trotz des Krieges gibt es einzelne Touristen, die nach Syrien reisen, um dort ihren Urlaub zu verbringen. So auch der Youtuber Drew Binsky, der vor wenigen Wochen für 14 Tage durch das Land reiste. Obwohl so ziemlich jedes Land der Welt Reisewarnungen für Syrien ausgesprochen hat, darunter auch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, gelang es dem US-Amerikaner, ein Visum für seine Dark-Tourism-Reise zu erhalten.

Syrische Soldaten in Manbij.
Die Kriegshandlungen in Syrien dauern an. Foto: imago images/Xinhua

Der Begriff Dark Tourism bezeichnet Urlaube in Ländern und an Orten, in beziehungsweise an denen sich Kriege, Katastrophen und besonders tragische Geschehnisse ereignet haben. Dark Tourism findet weltweit statt.

Urlaub in Syrien: Wo liegt das Problem?

Auf seiner Reise hatte Youtuber Drew rund um die Uhr Guides an seiner Seite, die ihn durch das Land führten. Von Plätzen in Damaskus und Stränden an der Küste berichtet er genauso wie von seinen Erlebnissen in Aleppo und Homs. Nur die Hintergründe des Krieges und dessen fatale Auswirkungen auf die Bevölkerung finden in seinen Videos keinerlei Erwähnung.

Zerstörtes Haus in Homs.
Die Stadt Homs wurde von etlichen Bomben getroffen und schwer beschädigt. Foto: imago images/Xinhua

Auf einem Turm in Aleppo hört der Youtuber Bomben in wenigen Kilometern Entfernung detonieren. Dann folgt ein Schnitt. In der nächsten Szene grinst Drew mit einem Saft in der Hand in die Kamera und macht sich auf Street-Food-Tour in der zerbombten Stadt. Wie gefährlich die Situation für ihn wirklich war, lässt sich anhand der gewählten Videoausschnitte schwer einschätzen.

Doch seine unkritischen Videos haben Hunderttausende Zuschauer, die das Bild von einem Syrien als tolles Reiseziel möglicherweise genauso wenig hinterfragen – was zu einem gefährlichen Trend führen könnte.

Trotzdem ist eine Reise nach Syrien nicht einfach so als pietätlos abzustempeln. Das Assad-Regime bemüht sich derzeit sogar um mehr Touristen in den angeblich stabilen Regionen, die die Wirtschaft ankurbeln sollen. Der studierte Islamwissenschaftler und Mitarbeiter am libanesischen „Middle East Institute for Research and Strategic Studies“, Konstantin Rintelmann, hat eine klare Meinung zu dem Thema.

Dark Tourism in Syrien: Das sagt ein Experte zu dem Thema

„Generell stellt sich ein moralisches Dilemma, wenn man als Tourist in autoritär geführte Länder reist“, erklärt er im Gespräch mit dem reisereporter. Gerade der Nahe Osten weise eine schlechte Menschenrechtsbilanz auf. „Anders als Tauchurlaube in Ägypten oder die boomenden Couchsurfing-Trips durch den Iran, bei denen in der Regel nur ein Visum eingeholt werden muss, lassen sich Reisen nach Syrien so gut wie gar nicht ohne intensive Absprache mit den Regierungsbehörden organisieren.“

Jeder Tourist wird unweigerlich vor einen Propaganda-Karren gespannt.

Konstantin Rintelmann, Islamwissenschaftler

Dem Wissenschaftler zufolge befinde sich die Regierung Assad in einer internationalen Isolierung und aktuell in einer schweren Wirtschaftskrise. Durch Tourismus versuche man nicht nur die Wirtschaft anzukurbeln, sondern sich auch auf der internationalen Bühne zu rehabilitieren.

Experte: Reisen nach Syrien spielen autoritärer Regierung in die Karten

„Reise-Vlogger mit Millionen von Followern erweisen sich als besonders nützlich, um das Regierungs-Narrativ zu verbreiten: Assad sei der einzige Garant für Frieden und Sicherheit“, so Rintelmanns Einschätzung. „Angesichts von Hunderttausenden Toten und Millionen von Flüchtlingen, die auch nach ihrer Rückkehr Folter und Ermordung zu befürchten haben, ein höchst zynisches Spiel, bei dem man nicht mitspielen sollte.“

Ob Drews Videos dem Land nun wirklich als Werbung nützlich sind und wie unkritisch der Youtuber wirklich ist, sind Fragen, über die wohl nur spekuliert werden kann.