Bahnreisen in Deutschland und Europa sind im Trend. Aber: Ferne Länder entdecken und gleichzeitig Langstreckenflüge vermeiden? Diese Kombination ist zwar möglich, aber aufwendig und zeitintensiv. Trotzdem: In Zeiten von „Fridays for Future“ können viele Menschen Fernreisen mit dem Flugzeug nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren. Wird die Zukunft des Reisens nachhaltiger?

Elias Bohun (20) ist davon überzeugt. Gemeinsam mit seinem Vater Matthias hat er das Online-Reisebüro „Traivelling“ gegründet, das seit Mitte Januar Zugreisen verkauft – nicht nur für Ziele in Europa, sondern sogar bis nach Asien und Nordafrika. Auf der Website können Reisende Anfragen für individuelle Reiseziele und -routen stellen. „Traivelling“ sucht dann die beste Verbindung und bucht die Tickets in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort.

Fernreisen im Zug: Wie geht das? 

Die Idee dazu kam dem Österreicher im Jahr 2018. Nach seinem Schulabschluss wollte er einige Monate in Asien verbringen. Weil er viel Zeit im Gepäck hatte, sollte es diese Fernreise werden – die aber gleichzeitig möglichst ökologisch sein sollte. Also schlug er seiner damaligen Freundin vor: Lass uns mit dem Zug nach Vietnam reisen!

Bahnreisen im Ausland: Mehr Zeit fürs Abenteuer

Dabei stellte Elias allerdings schnell fest, dass es ganz schön kompliziert sein kann, für jedes Reiseland eine Bahnverbindung zu buchen. Oft hätten sie die Tickets von Agencys – also externen Reiseagenturen und Reisevermittlern – gekauft und vor Ort hinterlegen lassen.

Stolzer Zugreisender: Elias Bohun vor der Transsibirischen Eisenbahn.

„Es ging zum Glück alles gut und war eine urtolle Erfahrung“, sagt er im Gespräch mit dem reisereporter. Allerdings sei es immer wieder ein ziemlicher Nervenkitzel gewesen, ob die Zugtickets tatsächlich für die beiden hinterlegt worden seien. 

Fernreisen im Zug schaffen völlig neues Bewusstsein für Entfernungen

Während dieser Reise wurden Elias zwei Dinge klar. Erstens: So weite Strecken mit dem Zug zurückzulegen ist eine völlig andere Art des Reisens. „Man bekommt ein ganz neues Gefühl für Entfernungen“, sagt er. „Wir sind auf dem Weg nach Vietnam quasi durch alle Klimazonen der nördlichen Hemisphäre gereist.“ Solche Erfahrungen überfliegt man im Flugzeug buchstäblich. 

Durch die Zugfenster sah Elias verschiedene Städte und Landschaften vorbeirauschen.

Außerdem stellte der 20-Jährige schnell fest, dass es bislang keinen Anbieter gibt, der Zugreisen auf der ganzen Welt verkauft – selbst innerhalb Europas verschiedene Zugtickets zu kombinieren sei schon schwer.

Gemeinsam mit seinem Vater Matthias Bohun will er das ändern: Die beiden haben ein Reisebüro für Fernreisen ohne Flugzeug gegründet. Ihre Website „Traivelling“ ist in einer Beta-Version bereits online. Ende August 2020 soll die neue Website mit der Datenbank live gehen, auf der Kunden dann auch über eine Buchungsmaske buchen können. Für die Zukunft planen Elias und Matthias außerdem, ein analoges Reisebüro zu eröffnen.

Zugreisen deutlich nachhaltiger als Flüge

Aber: Sind die Fernreisen auf der Schiene tatsächlich umweltfreundlicher als im Flieger? Ein Beispiel: Bei einem Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Hanoi werden für rund 2,8 Tonnen COausgestoßen. Das ergeben Rechner wie „Myclimate“. 

Dem Umweltverband VCD zufolge werden bei Flugreisen rund 5,6-mal mehr Treibhausgase pro Personenkilometer und elfmal so viele Stickoxide freigesetzt wie bei Fahrten mit der Deutschen Bahn. Besonders auf so weiten Strecken wie von Deutschland nach Südostasien ergibt das einen beträchtlichen Unterschied. Weil die Treibhausgase beim Fliegen zudem in so großer Höhe ausgestoßen werden, ist ihre Auswirkung auf die Atmosphäre sogar noch gravierender als am Boden. 

Ökologisch verträglichere Fernreisen anbieten – diesem Ziel kommen Elias und Matthias Bohun mit „Traivelling“ also ein ganzes Stück näher. Und viel teurer als Flugreisen seien die Bahnfahrten übrigens nicht: Die Zugfahrt nach Hanoi koste um die 650 Euro, je nach Reisezeit und Verfügbarkeit. Nonstopflüge von Frankfurt in die vietnamesische Hauptstadt mit Vietnam Airlines gibt’s je nach Buchungslage ab knapp 600 Euro, in der Regel liegt der Preis aber darüber.

 

Bei seiner Zugreise nach Vietnam machte Elias einen Ausflug zur Chinesischen Mauer.

Für Elias ist „train travelling“ (deutsch: reisen im Zug) eine Möglichkeit, nachhaltig und entschleunigt zu reisen und dadurch andere Länder und Kulturen viel tiefer kennen zu lernen. Und Fernreisen sind im Trend: 2019 entschieden sich 17,2 Prozent der Deutschen für eine Fernreise als Haupturlaubsreise. Zehn Jahre zuvor waren es nur rund zehn Prozent.

Corona-Pandemie hat die Zugpioniere zur Vollbremsung gezwungen

Elias beobachtet ein großes Interesse an Zugreisen – auch wenn die meisten Kunden bislang Reisen innerhalb Europas buchten, etwa nach Spanien, Großbritannien oder Norwegen. Aber auch entferntere Ziele wie Kasachstan haben er und sein Vater schon Reisen ermöglicht.

Insgesamt haben die beiden seit dem offiziellen Start von „Traivelling“ Mitte Januar 120 Zugreisen organisiert und durchgeführt, rund 80 Prozent ihrer Kunden kommen aus Deutschland. Doch dann kam Corona: Für April und Mai waren viele Reisen gebucht, die nicht durchgeführt werden konnten. Gleichzeitig brach die Nachfrage nach neuen Reisen komplett ein. Mittlerweile buchen wieder einige ihre Zugreisen – allerdings viel weniger als vor der Krise, erzählt Elias im reisereporter-Interview. 

Zugreiseveranstalter will Fernreisen revolutionieren

Für die Zukunft hat Elias trotzdem große Visionen: „Wir wollen das Reisen revolutionieren“. Denn die Corona-Zwangspause haben er und sein Team nicht untätig verbracht. Derzeit arbeiten sie an einer riesigen Datenbank, die die Preise von allen Zügen, Bussen und Fähren vergleicht und so das günstigste Angebot für die Kunden findet, die sie gebündelt buchen können. Dadurch sollen Fernreisen mit dem Zug so einfach werden wie nie.

Elias ist sich sicher: Ökologisch verträgliches Reisen wird in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. „Mit jedem Monat, mit jeder Woche, die verstreicht, wird das Thema Klimaschutz dringender.“ Die Corona-Zeit könne die Entwicklung in Richtung „Slow Travel“ zudem weiter verstärken.

„Ganz schnelles Reisen ist vielen plötzlich nicht mehr so wichtig, Corona hat bei vielen den Stress rausgenommen.“ Gleichzeitig freue man sich jetzt sogar darüber, einfach mal wieder nach Italien zu kommen. Und je kürzer die Entfernung, desto eher ist der Zug für viele Menschen eine echte Alternative zum Flug.