Schon wenn du aus dem Flugzeug steigst, wird klar: Auf der madagassischen Insel Nosy Be tickt die Uhr in einem anderen Takt. „Mora Mora“ oder auch „Immer mit der Ruhe“ lautet das Motto der Madagassen.

Und mit dem werden Besucher bereits am Flughafen begrüßt – kein Stress, kein Druck und vor allem eines nicht: Eile. Und so lernst du die erste Lektion in Entschleunigung bereits, bevor du den Koffer vom Gepäckband hievst: Schnell das Geld auf den Tisch legen, das Visum bekommen und ins Hotel fahren – so funktioniert das hier nicht.

Die Natur ist so gut wie unberührt

Aber es ist genau diese Ruhe, mit der Nosy Be das Herz der Urlauber gewinnt. Denn den hitzigen Alltag vergisst man schnell, wenn einen die Madagassen mit ihrer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erobern. Doch es ist nicht nur das:

Die Natur auf der Insel im Indischen Ozean ist so gut wie unberührt, die Pflanzen strahlen in sattem Grün, es duftet nach Ylang-Ylang. Eine Insel mit Charme. Die Straßen sind holprig, am Wegesrand stehen Häuser mit Dächern aus Wellblech, vor ihnen spielen Kinder im Sonnenlicht. Schnell ist man dabei, sich wieder auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu konzentrieren.

Auf Nosy Be duftet es vielerorts nach Ylang-Ylang.


Wie wesentlich die Dinge sein können, erklärt Roger Sirice. Er lebt in einem Fischerdorf direkt am Wasser. Wäscheleinen sind am Strand gespannt, Elektrizität gibt es nur in einzelnen Hütten. Von hier aus startet er seine Touren in einen unberührten Regenwald. Seit Jahren bringt er Touristen auf eine kleine Insel und zeigt ihnen Tierarten, die sie vorher noch nie gesehen haben. Die Überfahrt beginnt auf traditionelle Weise – in einem Fischerboot. „Besser die Schuhe ausziehen, sonst werden die Füße noch nass“, sagt er, grinst dabei breit und schiebt das Boot aufs Wasser hinaus.

Die Tour führt vorbei an Landzungen, breiten Regenwäldern und Felsen. Sirice erklärt: „Für unser Dorf ist es wichtig, dass wir diese Touren anbieten, wir können so von den Urlaubern profitieren.“ Doch ganz einfach sei es nicht – die großen Tourismusanbieter würden es den Einheimischen erschweren, Fuß in der Branche zu fassen. Das zeigt sich auch an den Besucherzahlen: Gerade einmal 4.000 der Inselgäste bekommen das Naturschutzgebiet überhaupt zu Gesicht. „Dabei kann man hier die Tier- und Pflanzenwelt Nosy Bes in ihrer ganzen Pracht beobachten.“

In den Baumkronen sitzen die Lemuren

Sirice kennt sich aus, er ist mit den Tieren groß geworden. Er weiß genau, in welche Baumkrone er blicken muss, um die Lemuren zu entdecken, welches Blatt er umdrehen muss, um einen Blick auf das kleinste Chamäleon der Welt zu erhaschen. Zwei Dinge sind dabei ganz wichtig: Stille und Gelassenheit. Flüsternd streicht er durch den Regenwald, legt immer wieder seinen Zeigefinger auf die Lippen. Denn nur, wer wirklich leise ist, kann erkennen, wie lebendig dieser Regenwald ist.

Außer dem kleinsten Chamäleon der Welt findet man in den Bäumen der Regenwälder in Madagaskar frei lebende Lemuren.


In dem Naturschutzgebiet gibt es noch mehr zu sehen – zum Beispiel den heiligen Vagina-Stein. Viele Madagassen glauben daran, dass ihre Vorfahren als Heilige wiedergeboren werden. Sie bringen Opfergaben an ausgewählte Gedenkstätten. „Der Vagina-Stein steht für Fruchtbarkeit“, erklärt er. Denn Frauen haben auf Nosy Be einen besonderen Stellenwert: Sie bringen das Leben. „Würde es die Frauen nicht geben, wären wir alle nicht auf der Welt“, sagt er und beginnt damit die Lektion in madagassischen Beziehungsstrukturen.

Nur rund 5 Prozent der Menschen auf Nosy Be sind verheiratet. Dafür hat Sirice auch die passende Erklärung parat: „Für uns ist die Ehe heilig, wenn wir uns dazu entschließen zu heiraten, dürfen wir die Ehe nicht brechen. Dabei gibt es auf Nosy Be doch viele schöne Früchte, die alle probiert werden wollen.“ Das gelte für Männer wie für Frauen. Patchwork-Familien, gleichberechtigte Sexualität? Auf Nosy Be keine Seltenheit.

Die Löhne in den Hotels sind niedrig, Familien davon zu ernähren ist so gut wie unmöglich.

Herilaza Hugues, Untersützer der Frauenbewegung


Doch das birgt auch Schattenseiten. Viele männliche europäische Touristen kommen auf die Insel, um die offenen Beziehungsmodelle und die Armut der Frauen auszunutzen. In Marodoka, dem ältesten Dorf Nosy Bes, hat sich deswegen eine Frauenbewegung formiert.

Herilaza Hugues erklärt: „Nosy Bes Haupteinnahmequelle ist der Tourismus. Allerdings beherrschen hauptsächlich Europäer den Markt. Die Löhne in den Hotels sind niedrig, Familien davon zu ernähren ist so gut wie unmöglich. Viele Frauen haben deswegen häufig gar keine andere Wahl, als sich zu prostituieren. Für sie ist es die einzige Möglichkeit, überhaupt vom Tourismus zu profitieren.“ Hugues ist einer der Unterstützer der Frauenbewegung. Sie soll eine Offensive gegen die Ausbeutung sein.

Um der Prostitution im Land entgegenzuwirken und den einheimischen Tourismus zu fördern, hat sich in Marodoka auf Nosy Be eine Frauenbewegung formiert. Sie bringt Besuchern die Inselkultur näher.


Wer eine Tour durch Marodoka bucht, unterstützt damit die Einheimischen und ist nah dran – am wirklichen Inselleben. Denn die Frauen zeigen ihre Kultur, tanzen stammestypische Tänze, präsentieren selbst gefertigte Stoffe und erklären, wieso sie weißes Sandelholz im Gesicht tragen – nämlich um sich vor der Sonneneinstrahlung zu schützen. „Es ist eine Begegnung der Kulturen. Und das ist es doch, was eine Reise sein soll“, sagt Hugues.

Ylang-Ylang-Destillerie steht Besuchern offen

Zu der Begegnung der Kulturen gehört auch der Duft von Ylang-Ylang. Nördlich von Marodoka befindet sich die Destillerie, in der die Essenz von Ylang-Ylang gewonnen wird. Seit 1929 wird die Grundsubstanz für viele hochpreisige Parfüms von hier aus in die ganze Welt exportiert.

In großen Kupfertanks werden die Blätter innerhalb von zwölf Stunden zu dem teuren Öl gekocht. Ein Liter kostet umgerechnet 100 Euro. Die Besichtigung der Destillerie ist ein echter Geheimtipp – gerade einmal 20 Besucher kommen pro Tag, um sich die Produktion an den kilometerlangen Ylang-Ylang-Feldern anzusehen.

Inzwischen ist die Sonne über Nosy Be eins mit dem Himmel geworden. Orange, Rot, Blau und Lila verschmelzen über dem kleinen Dorf – ein Sonnenuntergang, wie man ihn nur über Afrika sehen kann. Die Grillen zirpen, die Welt scheint entschleunigt. Und eines ist dabei ganz gewiss: Es liegt in der Hand der Touristen, dass dies auch so bleibt.

Tipps für deine Reise nach Madagaskar

Anreise:Ethiopian Airlines bietet dreimal pro Woche Flüge von Frankfurt am Main in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba und von dort aus nach Nosy Be an. Tickets für Hin- und Rückflüge gibt es ab 648 Euro.

Einreise: Bei der Einreise am Flughafen von Nosy Be muss für 35 Euro ein Visum erworben werden. Bezahlen kann man – wie häufig auf der Insel – mit Euro.

Klima: Anders als auf dem Festland von Madagaskar ist das Klima auf der Insel Nosy Be das ganze Jahr über sonnig und bei rund 30 Grad Celsius gleichbleibend warm. Die beliebtesten Reisemonate sind von April bis Dezember. In dieser Zeit fällt kaum Regen.

Unterkunft: Meeresrauschen zum Einschlafen: Kleine Lodges direkt am Wasser gibt es im Hotel Manga Soa Lodge ab 105 Euro die Nacht.
Das Vanila Hotel und Spa ist ein exklusives Drei-Sterne-Hotel mit Infinity-Pool. Doppelzimmer mit Blick auf den exotischen Garten sind für 125 Euro buchbar.

Attraktionen: Roger Sirices Touren durch den Regenwald sind buchbar unter Telefon (0 02 61) 3 28 63 65 81. Für umgerechnet 50 Euro verbringt man mit ihm einen ganzen Tag und speist anschließend traditionell madagassisch in Marodoka.

Ein Besuch der Frauenvereinigung in dem Fischerdorf kann auf der Website www.ophiris.com für umgerechnet 10 Euro gebucht werden. Das Geld fließt direkt zu den Einheimischen.

Gesundheit: Wegen des großen Malaria-Risikos empfiehlt sich eine Prophylaxe.

Die Reise wurde unterstützt vom Madagascar Tourism Board, dem Regional Tourism Board of Nosy Be und von Ethiopian Airlines. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.