Die Köpfe tief über ihr Rührei gesenkt, wagen sie nur noch aus den Augenwinkeln zu beobachten, wie sich um das Buffet immer mehr seltsame Wesen drängeln: Clowns in bunten Flicken-Kostümen, Männer in hohen Schaftstiefeln und Fantasie-Uniformen und drei junge Frauen verkleidet als Marienkäfer, Schmetterling und Biene Maja.

Aus den Deckenlautsprechern scheppert Dschingderassabum, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen: Tja, Freunde. Willkommen in Köln, in der Hauptstadt des deutschen Karnevals. Hat euch denn niemand darauf vorbereitet, dass heute der 11.11. ist, dass Köln an diesem Tag Kopf steht und um 11:11 Uhr die Eröffnung des „Fastelovend“ feiert? Gleichzeitig erinnere ich mich daran, wie es mir ergangen ist, als ich zum ersten Mal mit diesem Phänomen konfrontiert wurde. Habe ich mich damals nicht auch gefragt, auf welchem Planeten ich hier gelandet bin? 

Ich war damals gerade neu nach Köln gezogen. Aus beruflichen Gründen. Und eines Tages hatte ich dann eine Einladung zu einem exklusiven Abendessen einer der vielen Kölner Karnevalsgesellschaften bekommen, eine Einladung, die – so meine Kollegen – eine besondere Ehre darstellte, und die ich nicht ausschlagen könnte. Also hatte ich mir extra einen neuen Anzug gekauft und ohne mich zu verirren auch den Weg in einen der historischen Stadttürme gefunden, in den die Karnevalsgesellschaft eingeladen hatte.

Mit gemischten Gefühlen stieg ich die Wendeltreppe hinunter in das Gemäuer, wo das Diner stattfinden sollte, lugte vorsichtig um die Ecke – und machte sofort auf dem Absatz kehrt! Der Anblick, der sich mir bot, hatte alle meine Vorurteile auf einen Blick bestätigt: Wohlgenährte ältere Herren, die sich grünweiße Lätzchen um den Hals gebunden hatten, Vereinsmeier der besonderen Art – kurzum: in meinen Augen das personifizierte Spießertum!

Solche Männer kannte ich auch schon aus dem Fernsehen. Männer mit Narrenkappen auf dem Kopf, schunkelnde „Elferräte“ und Sitzungspräsidenten, die mit einem „dreifach donnernden Alaaf“ begrüßen. Musste ich das wirklich haben? Nein! In diesem ersten Winter in Köln habe ich vor denen ganz schnell Reißaus genommen und bin stattdessen nach Chicago geflogen, um endlich einmal den Blues an seinen Originalstätten zu hören. Aber im nächsten Jahr konnte ich nicht mehr flüchten – und erlebte eine Überraschung!

Prunksitzung und Straßenkarneval

Denn Karneval in Köln ist nicht gleich Karneval. Und eine Prunksitzung ist etwas völlig anderes als der Kneipen- und Straßenkarneval der „gemeinen“ Bevölkerung. „Bevor du jetzt weiter rumstänkerst, kommst du halt einfach einmal mit!“ hatte ein Kollege mich drei Stunden vor Feierabend von meinem Schreibtisch gerissen und mich in eine Kneipe geschleppt, die ich bis dato nur als Treffpunkt alternativer Studenten kannte. Um hineinzukommen, brauchten wir zehn Minuten. Drinnen war es so vollgestopft wie in einer Sardinenbüchse und auf den Stühlen und Bänken grölten dieselben Gestalten, die sich hier sonst Gedanken über die nächste Demo machten, mit glückseligen Gesichtern einen Schlager von Marianne Rosenberg: „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür“.
 
Ich hatte diesen Kulturschock noch nicht verdaut, als es aus den Lautsprechern schon weiter ging: „Satisfaction“ von den Rolling Stones, gefolgt von „Ganz in Weiß“ von Roy Black. Darauf muss man erst einmal kommen! Darauf erst einmal ein Kölsch! Und wie auf Bestellung singt die ganze Kneipe plötzlich inbrünstig „Drink doch ene met“ (Drink doch einen mit!). Eines der vielen Lieder, bei dem ganz Köln auch heute noch feuchte Augen bekommt und dass das „Hetz“ (Herz) und das Lebensgefühl dieser Stadt und der „Kölschen“ (Kölner) besser beschreibt als tausend Worte. 

Vielleicht lag es daran, dass ich inzwischen den Kölner Dialekt besser verstand und somit auch die Geschichte von dem alten Mann, den die Bläck Föös hier besangen, einem armen alten Mann, der sich nicht in die Wirtschaft traut, weil er kein Geld für ein Bier hat, und der daraufhin von den anderen Gäste dazu eingeladen wird. Vielleicht lag es aber auch an den leuchtenden Augen der jungen Studenten, die sich dabei in den Armen lagen.

Auf jeden Fall begriff ich plötzlich, dass es im Kölner Karneval um weit mehr geht, als einmal im Jahr die Sau rauszulassen: nämlich um ein Stück Heimat, um ein Stück Zusammengehörigkeitsgefühl, ja vielleicht sogar auch schlicht um banale Sentimentalität. Aber steckt die nicht in jedem von uns drin? Und warum trauen sich so viele von uns nicht, die auch mal zu zeigen?
 
Der „Kölsche“ jedenfalls hat keine Probleme damit. Er ist damit von Kindesbeinen aufgewachsen, er singt auch noch am entferntesten Strand: „Ich mööch zo Foß noh Kölle jonn“ (Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen). Und plötzlich wurde ich an diesem, meinem ersten Karnevalsabend, auch von dieser Sehnsucht gepackt: Dazu zu gehören, ein „Veedel“ zu haben, in dem man noch zusammen hält, „ejal, wat och passeet“ (egal, was auch passiert) und wo man zusammen lacht, singt und feiert.

Glückstrunkenes Getümmel

An diesem Abend bin ich erst spät in der Nacht nach Hause gekommen. Sicherlich auch mit ein paar Kölsch zu viel im Kopf, aber mit einem Gefühl, lange nicht mehr gekannter, satter Zufriedenheit im Bauch und mit den Worten meines lächelnden Kollegen im Ohr: Karneval ist auch ein Stück Katharsis, ein Stück Selbstreinigung. Und entweder Du nimmst Reißaus oder Du stürzt Dich voll hinein! Am nächsten Tag habe ich mich wieder hineingestürzt. Und am übernächsten Tag auch. Und jetzt, da ich gerade das Hilton verlasse und die Massen sehe, die Richtung Alter Markt ziehen, möchte ich ihnen am liebsten folgen und mich wieder einmal fallen lassen, in dieses glückstrunkene Getümmel.
 
Die ganze Stadt vibriert. Vor mir ist gerade eine Blaskappelle aus Holland aus dem Bus gestiegen. Im Nu tanzen die Narren ihr hinterher. Die asiatischen Geschäftsleute aus dem Frühstücksraum schauen immer noch etwas verstört, lassen aber inzwischen wie wild ihre Digitalkameras klicken. Am Wallraffplatz zögere ich noch einen Moment. Dann siegt mein Pflichtgefühl und ich betrete seufzend das WDR-Rundfunkhaus, wo ich in einer halben Stunde an einer Podiumsdiskussion teilnehmen soll.

Karneval mit Stunksitzung

Apropos WDR. Das Bild, das uns das Fernsehen vom Kölner Karneval vermittelt, ist fast immer noch ausschließlich geprägt vom organisierten Sitzungskarneval: schunkelnde Massen, Büttenreden, Musikgruppen, Tanzcorps und im Publikum überwiegend ältere Gesichter. Seit Jahrzehnten das gleiche Ritual und bis auf die aktuellen Karneval-Hits eigentlich austauschbar. Der Gegenentwurf ist die „Stunksitzung“, eine bissige mit viel politischer Streitlust und Spott gewürzte Persiflage auf das Karneval-Establishment. Gegründet von einem Studentenkollektiv der Fachhochschule, fand sie zum ersten Mal 1984 statt. Heute gibt es jede Session über 50 „Stunksitzungen“, die von weit mehr als 50.000 Menschen besucht werden.
 
Hier findet der Karneval zurück auch zu historischen, politischen Wurzeln. Denn besonders in der französischen Besatzungszeit im 18. Jahrhundert und später dann, als die Preußen das Rheinland annektiert hatten, ließ es sich unter der Maske des „Jecken“ im Karneval immer auch trefflich gegen die Besatzer aufbegehren.
 
Aus dieser Trotzhaltung und als Ausdruck des dem „Kölschen“ angeborenen unbändigen Freiheitswillen entstanden ab 1860 auch die sogenannten „Geisterzüge“. Als anarchischer Gegenentwurf zum traditionellen Rosenmontagsumzug zogen jetzt am Karnevalssamstag als Geister verkleidete dunkle Gestalten durch die Straßen, die sich wie auf Kommando plötzlich irgendwo zusammenrotteten.

Viva Colonia!

Im ersten Weltkrieg wurden sie schließlich verboten. Ihre Wiedergeburt erlebten sie 1991, als wegen des 2. Golfkriegs der Rosenmontagszug abgesagt wurde. Stattdessen wurde zu einer großen Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen. Mit dem Ergebnis, dass plötzlich Friedensdemonstranten und Karnevalisten gemeinsam durch die Stadt zogen.
 
Ja … so ist der Kölner eben. Ohne Karneval kann er nicht. Auch in der Fremde. So hat der „Fastelovend“ seit einigen Jahren sogar bei mir im unterkühlten Hamburg Einzug gehalten. An Altweiberfastnacht und am Rosenmontag feiern hunderte von Exil-Kölner in der „Ständigen Vertretung“, einem Kölsch-Restaurant, oder in der „Fabrik“, wo sonst Live-Konzerte stattfinden. Mit derselben Inbrunst wie in der Domstadt, gar keine Frage. Und doch ist es nur ein „Event“. Und jetzt, im Fahrstuhl im WDR, schwöre ich mir deshalb: Dieses Jahr, dieses Jahr, fahre ich endlich mal wieder nach Köln. Viva Colonia!