Dutzende sind es. Lange, dünne Beine – mehr ist nicht zu sehen. Ein breites Banner verhindert den Blick auf den Rest der Körper. Das unablässige Scharren der Hufen macht aber deutlich, dass jenseits der Absperrung große Aufregung herrscht. Gleich muss etwas passieren – das liegt förmlich in der Luft. Endlich: Ein Knall ertönt, die Absperrung schnellt nach oben, die Kamele (genauer: Dromedare) preschen nach vorn.

Ein Jungtier gerät ins Straucheln, stolpert und wird von seinen Mitstreitern gnadenlos überrannt. Verdutzt rappelt es sich wieder auf. Verletzt ist es zum Glück nicht. Seinem Halter, der das Tier aus der Bahn führt, ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben: Dieses Rennen ist gelaufen. Nächste Woche gibt es eine neue Chance: freitags, beim Kamelrennen auf der Bahn von Al Wathba, rund 45 reale Kilometer und gefühlte Lichtjahre von der Stadt Abu Dhabi entfernt.

Abu Dhabi ist das größte Arabische Emirat

Wenn Sebastian Vettel zum Großen Preis von Abu Dhabi antritt, verfolgen Tausende das Geschehen live auf dem Yas Marina Circuit – und weltweit Millionen zu Hause vor dem Fernsehschirm. Mit der Eröffnung der spektaktulären Formel-1-Rennstrecke 2009 auf der Yas-Insel in Abu Dhabi ist das größte der sieben Arabischen Emirate um eine große Attraktion reicher geworden. Viele weitere sind in den vergangenen Jahren gefolgt – und ein Ende der Superlative, die hier im Bau, kurz vor der Eröffnung oder langfristig geplant sind, ist nicht in Sicht.

Solange das Öl fließt und Geld in Übermaß vorhanden ist, scheinen der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Größer, schneller, weiter lautet die Devise in der Stadt des gleichnamigen Emirates. Doch vor deren Toren hat sich eine jahrhundertealte Tradition bewahrt, die vor Ort Woche für Woche Hunderte Zuschauer anzieht und die ebenso spektakulär, aber weniger ohrenbetäubend ist: Beim Kamelrennen ist Hufgeklapper statt Motorengeheul angesagt.

Kamelrennen ist Nationalsport in Abu Dhabi

Der Nationalsport der Beduinen ist mehr als eine bloße Freizeitbeschäftigung: Er ist ein wichtiges Bindeglied zwischen der Zukunft und dem Beduinenleben vergangener Zeit. Diese ist übrigens auch noch gar nicht so lange her. Denn erst seit den siebziger Jahren, als hier Erdöl entdeckt wurde, hat sich das Emirat enorm gewandelt. Wo noch vor knapp 50 Jahren nichts als karge Wüste war, recken sich heute immer spektakulärere Bauten in den Himmel, entstehen ständig neue Malls, Freizeitparks und Museen, löst ein Superlativ in kürzester Zeit den nächsten ab.

Geld spielt dabei tatsächlich keine Rolle – das sieht man auch an den Siegesprämien für die Besitzer der vierbeinigen Wettstreiter auf der Rennbahn in Al Wathba. Zwölf Runden zählt heute das Rennen über Distanzen von drei oder – je nach Alter der teilnehmenden Kamele – acht Kilometern über den oval angelegten Parcours. Dem glorreichen Sieger jeder einzelnen Runde winkt heute ein nagelneuer, schneeweißer Range Rover als Gewinn. Nebeneinander aufgereiht stehen die Luxuslimousinen neben dem Camel Racetrack.

Die Besitzer der Tiere haben für die wertvollen Preise keinen Blick übrig, sie müssen sich auf die Leistung ihrer vierbeinigen Lieblinge konzentrieren. Ausgestattet mit einem Walkie-Talkie fahren die Emiratis mit ihren Geländewagen auf Höhe der Tiere neben der Rennbahn her, um ihr Kamel und seinen bunt gekleideten Jockey kräftig und lautstark anzufeuern.

Der ist – seit die früher üblichen Kinderjockeys vor einigen Jahren dank der anhaltenden Kritik diverser Menschenrechtsorganisationen verboten wurden – ein kleiner Roboter. Genauer gesagt ein mit Stoff ummantelter Akkuschrauber, der per Funksteuerung die Gerte schwingen lässt und die Tiere so zur Höchstleistung antreibt. Bei bis zu 50 Stundenkilometern, die so ein Wüstenschiff im Rennen erreichen kann, ist also auch bei ihren Besitzern im Fahrzeug höchste Konzentration gefragt. Runde um Runde begleiten sie die Rennkamele und müssen dabei die Aufmerksamkeit zwischen Strecke und Tier teilen.

Da – das erste Kamel erreicht die Zielgerade, mit hängender Unterlippe und Schaum vor der Schnauze. Sein Besitzer reißt jubelnd die Arme hoch. Nicht, weil er nun in Besitz eines weiteren Range Rovers ist. Davon hat er schon drei. Es geht ausschließlich um den Ruhm und die Ehre – wie es bei den stolzen Beduinensöhnen schon immer war.