Vor der Küste von Acitrezza stecken riesige Felsbrocken in der Riviera dei Ciclopi. Sie sind beliebte Tauchreviere und – der Legende nach – auch Teil griechischer Mythologie. Die ganze Insel an der Spitze des italienischen Stiefels steckt voller Geschichte, Sizilien ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Aber bei Acitrezza, dem kleinen Fischerort im Norden der Hafenstadt Catania, sollen jene Felsen gelandet sein, die der Riese Polyphem dem flüchtenden Odysseus hinterher schmiss, weil der dem Einäugigen einen glühenden Pfahl ins einzige Auge gerammt hatte. 

Da stehen sie also noch heute, die vor Wut ins Meer geschleuderten Steine. Wer seine Kinder mit den Sagen des Homer aufwachsen lässt und erzählt, dass es nun in den Urlaub an die Zyklopenküste geht, der blickt in große Kinderaugen. Ist der Riese etwa noch da?

Zeitlos schönes Fischerdorf 

Acitrezza, ein kleiner Ort an der Ostküste Siziliens, dem touristisch am besten erschlossenen Inselteil. Und doch ist das 5000-Einwohner-Dorf ein gutes Stück weit entfernt von den zu Recht überlaufenen Hotspots in Syrakus oder Taormina, wo sich die Besucher auf die Füße treten. Wer im Herbst kommt, der findet in Acitrezza noch ein bisschen jener Ursprünglichkeit, die man sich jenseits der Bettenburgen erhofft. 

Weißen Sand und Sonnenschirme suchen Besucher hier vergeblich, zum reinen Badeurlaub taugt das Dorf nicht, schroffe Felsen säumen die Küste. Es ist herrlich unaufgeregt. Wer ein Zimmer im „Eden Riviera“ bucht, landet in einem einfachen, aber sehr sympathischen Hotel (Landeskategorie: drei Sterne). Es ist spürbar, dass es in den 1950er-Jahren errichtet wurde, Standard und Einrichtung haben sich zwar dem Zeitgeist angepasst, trotzdem weht ein letzter Hauch alter Zeiten durch die ausladende Frühstückslobby mit den geöffneten Fenstern. Hier lässt es sich entspannt in den Tag starten – bei bestem Blick auf die Zyklopenfelsen. 

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Es sind nur ein paar Schritte runter in den Ort, wo Einheimische und Touristen zur Siesta den Fischern über die Schulter gucken können, die auf der kleinen Piazza vor der Kathedrale Karten spielen. Hier am Hafen gibt es viele gut besuchte Trattorien und Restaurants mit guter mediterraner Küche; wer ein paar Meter weiter geht, findet aber auch ruhigere Lokale.

Filmreife Szenerie mit Vulkan-Kulisse

Acitrezza am Ionischen Meer ist übrigens nicht nur ein Schauplatz der griechischen Sage. Luchino Visconti hat hier 1948 „Die Erde bebt“ gedreht – nach dem Roman „I Malavoglia“ von Giovanni Verga. Es geht um das entbehrungsreiche Leben der sizilianischen Fischer in der Nachkriegszeit. Die italienische Erde bleibt in Bewegung – nicht nur wegen der jüngsten Beben im Zentrum des Landes, sondern auch wegen der aktiven Vulkane. 

Acitrezza ist ein guter Ausgangspunkt für einen Ausflug zum Ätna, der bei jedem Ausbruch seine Formation etwas ändert und neue Krater entstehen lässt. Meist aber dampft der höchste Vulkan Europas gemächlich vor sich hin. Bis auf eine Höhe von 1800 Metern ist er bequem mit dem Auto erreichbar. Vom Rifugio Sapienza aus kann man dann zu Fuß zu mehreren inaktiven Kratern gelangen oder sich mit der Seilbahn dem 3300 Meter hohen Gipfel weiter nähern.

Mit dem Mietauto auf Inseltour

Die Zyklopenküste bietet sich als Startpunkt für weitere Inselerkundungen an – einen Mietwagen vorausgesetzt. Den sollten Urlauber schon in Deutschland reservieren und ihn dann direkt am Flughafen von Catania in Empfang nehmen. Wegen der oft engen Innenstädte darf das Auto ruhig eine Nummer kleiner sein. Empfehlenswert ist die Zubuchung eines Navigationsgerätes, um Irrfahrten zu vermeiden. 

Dank eines Navis kann bei Ausflügen öfter mal auf Nebenstrecken ausgewichen werden. Denn auch wenn die Autobahnen von Acitrezza aus mautfrei sind: Die Fahrt durch Serpentinen und sich durch Fruchtplantagen schlängelnde Wege macht viel mehr Spaß als das Durchrauschen über die Highways. 

Für die obligatorische Tagesfahrt nach Syrakus ist dann aber doch die Autobahn Richtung Süden die schnelle Route der Wahl. Ausreichend Parkplätze gibt es am Rande der Halbinsel Ortygia. Ortygia ist das historische Zentrum von Syrakus, es trägt seit 2005 den Weltkulturerbetitel der Unesco. Die engen Altstadtgassen führen zum wunderschönen Domplatz mit seinem leuchtenden Kalkstein und dem weißen Dom, dessen Anfänge im 7. Jahrhundert liegen.

Traum-Ausblick auf malerische Buchten

Eines von vielen möglichen Zielen an der Ostküste ist Taormina – von Acitrezza aus gesehen im Norden. Der Ortskern liegt in 200 Metern Höhe – schon die Fahrt dorthin bietet die schönsten Ausblicke von der kleinen Gebirgsstraße in die malerische Bucht. Allerdings wird es oben recht eng; Taormina ist das (bekannteste) touristische Zentrum im Osten Siziliens. Das Auto sollte weiter unten stehen bleiben und stattdessen die Seilbahn genutzt werden. Oben steht das Amphitheater, nach dem von Syrakus das zweitgrößte auf Sizilien. 

Ein klein wenig abseits vom ganzjährigen Trubel der pulsierenden Stadt führt eine Treppe hoch zur mittelalterlichen Burganlage und zum Bergdorf Castelmola. Es sollten aber mindestens 60 Minuten für einen stressfreien Aufstieg eingeplant werden und Interessierte sollten sich vorher über die Öffnungszeiten informieren. 

Aber selbst, wenn einem kurz vor dem Ziel der Weg versperrt wird, bleibt immer noch der Besuch der Wallfahrtskirche Madonna della Rocca. Sie wurde im Jahr 1640 gebaut – in einen Kalksteinfelsen, der im Inneren eine grottenartige Decke bildet. Einheimische nutzen die Kirche gern zur Hochzeit. Vom Vorplatz der Kapelle bietet sich abermals einer jener prächtigen Ausblicke, die schon den Aufstieg über immer wieder zu schönen Pausen gezwungen haben.

Sonne und Wissen tanken

Syrakus, Taormina und dann Catania, Messina ... Allein die Ostküste bietet locker Potenzial für eine reichliche Woche. Geschichtsbegeisterte werden sowieso nicht fertig. Anders als der Polyphem fühlen sich Besucher im besten Sinne geblendet von der Historie, die hinter jeder Straßenecke hervorscheint, von der wunderbaren Landschaft. Und von der Sonne, die hinter den Zyklopenfelsen von Acitrezza aufgeht.