Und dann dieser bärtige Guru, Lehrer und Gelehrter, der sich erst „Bhagwan“ später „Osho“ nannte und in einem klugen Mix aus allen religiösen, philosophischen und psychotherapeutischen Lehren dieser Welt Loslassen und Erleuchtung lehrte, gleichzeitig aber haufenweise Rolls Royces besaß.

Dessen Gefolgschaft in Oregon ein neues „Poona“ aufbauen wollte, das aber an der Paranoia vieler Beteiligter scheiterte, die ihren Ashram mit Waffen und kriminellen Machenschaften gegen vermeintliche oder tatsächliche Feinde verteidigen zu müssen glaubten – Anklagen wegen Mordes, Skandale, Angebertum – saftige Zutaten für spektakuläre Presse-Geschichten.

Zwischen Kult und Skandal

Der Meister starb 1990 in Poona, in das er 1987 zurückgekehrt war, nicht ohne zuvor seine Jünger weltweit davon zu entbunden zu haben, sich in Rot zu kleiden und die Mala, eine Holzperlenkette mit seinem Konterfei, tragen zu müssen. Die Sannyasins (sanskr. für „ein Mensch, der auf der spirituellen Suche nach Befreiung ist“) fallen seither im Straßenbild nicht mehr auf, ganz anders als in den Jahren vorher, wie zum Beispiel in der deutschen Osho-Hochburg Köln. Aber „Poona“ und das Meditationscamp, das jetzt „Osho International Meditation Resort“ heißt, gibt es immer noch.

Auch wenn die indische Stadt mittlerweile Pune heißt und die Anlage, die in Koregaon Park, einem grünen Villenviertel, den Spitznamen Club Med (wie Meditation) trägt. Die wilden Zeiten sind der Verkaufsstrategie „Hier ist jeder willkommen, der auf der Suche nach Ruhe, Innenschau oder ein bisschen Therapie in exotischer Umgebung ist“ gewichen. Man braucht nicht bekennender Sannyasin sein, muss sich aber für die Dauer seines Aufenthaltes vielen Regeln unterwerfen und bestimmte Prozeduren durchlaufen, bevor man sich auf die Suche nach was auch immer begeben kann.

Der Weg zu Achtsamkeit und Stille

Gleich hinter dem Eingang, einem imposanten Holztor, liegt das offene „Welcome Center“ mit seinem spiegelnden Marmorboden. Hier meldet man sich an, lässt einen HIV-Schnelltest machen (wer positiv ist, muss draußen bleiben) und wird fotografiert. Die Daten werden gespeichert – beides ist für den Ausweis, der immer beim Betreten des Ashrams vorgezeigt werden muss. Und jeder Handschlag kostet: der Ein-Tages-Sticker der ein volles Tagesprogramm einschließt 850 Rupies (etwa 13,80 Euro), für den HIV-Test, die Einschreibung, den Eintrittspass zusammen mit dem Welcome-Morning-Info-Programm berappt man 900 Rs. (etwa 14,50 Euro). Das Fünf-Tage-Ticket kostet 3.820 Rs. (rund 62 Euro).
 
Anschließend muss man sich eine weinrote Robe kaufen, die der Dresscode für den Tag im Ashram vorschreibt. Robe heißt: bodenlang, für Männlein und Weiblein. Die gibt’s im Shop auf dem Gelände, in dem man auch weinrote Socken, Umhängetücher, Seife, Kondome, Zahnpasta und das Vorhängeschloss für ein Schließfach erwerben kann. Der Weg zu Achtsamkeit und Stille ist mit recht viel Rumgerenne, Organisiererei und Geld ausgeben gepflastert, bevor der erholungs- oder sinnsuchende Meditationstourist näher treten darf.
 
Die letzte Hürde ist der obligatorische „Welcome Morning“, bei dem alle Erstbesucher in die Angebote und die Regeln des Ashram eingewiesen werden. Die wichtigsten Meditationsformen werden kurz ausprobiert, es wird darauf hingewiesen, doch bitte für sich zu sorgen und Sex nur mit Kondom zu praktizieren, falls man jemanden näher kennenlernt, vor dem Betreten des Selbstbedienungsrestaurants die Hände zu waschen (Waschbecken sind direkt davor installiert) und sich keineswegs verpflichtet zu fühlen, sich von allen möglichen Leuten umarmen zu lassen, auch wenn man dauernd Menschen sähe, die sich lange und ausgiebig in den Armen lägen.
 
Der einzig wichtige Kontakt ist der Kontakt zu sich selbst. Dazu verrät ein launiges Video, das den Novizen vorgespielt wird, wie man die Speisen hygienisch korrekt auf den Teller schöpft und was eine angemessene Kleidung ist. So präpariert und angemessen in Rot gekleidet, kann der Neuling nun endlich das Gelände erkunden, sich im Infocenter schlau machen, wann welche Veranstaltung, Kurs oder Meditation läuft, sich Flyer (u. a. auf Deutsch, Englisch, Französisch) mitnehmen, in denen der Ablauf von Meditationen wie „OSHO* Kundalini Meditation TM“ oder „OSHO* Nataraj Meditation TM“ genau beschrieben ist. TM steht in der Tat für „eingetragenes Warenzeichen“; wo Osho drauf steht, ist auch unverdünnter Original-Osho drin. Da verstehen die spirituellen und geschäftlichen Erben dessen, der oft genug Humor gepredigt hat, wenig Spaß.
 
Beim Tee oder Kaffee im Open-Air-Café oder im Liegestuhl am Pool (weinroter Badeanzug, Badehose oder Bikini ohne Muster oder Streifen ist Pflicht, gilt auch für Handtücher) kann man dann endlich entspannen und Leute beobachten, die von einer Veranstaltung, etwa Ausdrucksmalen, zur nächsten Meditation oder zur Energiemassage gehen. Das 17 Hektar große Gelände ist eine liebevoll angelegte, tropische Oase mit hohen Bäumen, Palmen und Bambusgras, Teichen, kleinen Wasserfällen, sich dahin schlängelnden Wegen, schwarzen Gebäuden, einem Swimmingpool, zwei Open-Air-Restaurants und einem eleganten, puristisch gestylten Guesthouse. Die Palmwedel, die sich in der sanften Brise bewegen, das Schattenspiel der Blätter, das Zwitschern der Vögel, die Menschen in roten Gewändern, geben dem Ganzen ein magisches Flair.

Neulinge suchen die Duschen

Ergraute Alt-Sanyasins, die seit Jahrzehnten kommen, umarmen alte Bekannte. Sie sind hier, so lange ihr Geldbeutel reicht, um in diesem „Buddha-Feld“ zu leben und eventuell zu arbeiten. Ohne Bezahlung, „Just for the incredible energy!“ Trainer, zu erkennen an ihren schwarzen Roben, unterrichten auf dem zentralen Platz Chi Gong oder Bogenschießen, das natürlich Zen Archery heißt. Neulinge suchen die Duschen, die Toiletten, die Location für ihren Kurs oder blättern im Buchshop Oshos Werke durch. Andere gibt es hier übrigens nicht – diese Buchhandlung vertreibt nur einen Autor: Osho. Und seine Meditationen auf CD für zu Hause.
 
Der Tag im Resort beginnt, wenn im Morgengrauen kurz vor sechs Uhr Rotgewandete, zum Schutz gegen die morgendliche Kühle in warme Plaids gehüllt, zum „Osho Auditorium“, strömen. Das Auditorium ist eine riesige Halle in Form einer schwarzen Pyramide, die sich malerisch in flachen Wasserbecken spiegelt. Hier findet die „Dynamische Meditation“ statt, in der heftige Atemübungen praktiziert werden, geschrien, gewinselt und getobt wird – lass alles raus! Es wird mit erhobenen Armen in die Luft gesprungen und „Hu“ gebrüllt, geschwiegen und getanzt. Sich gehen lassen nach festen Regeln, sozusagen. Gewöhnungsbedürftig, fremdartig und überaus „reinigend“, wie Ashley, die 29-jährige Australierin, die in der Modebranche arbeitet, meint. Sie sei hier, „um etwas für mich zu tun“. Und ihr scheint es zu gefallen. „Man muss nur dabeibleiben, nach ein paar Tagen stellt sich eine erstaunliche Leichtigkeit ein“, sagt sie.
 
Absolut sehens- und erlebenswert ist die stille Meditation im „Chuan Tzu“, einem klimatisierten, runden Raum aus Marmor und Glas mit einem gigantischen Kristalllüster. Die leicht verspiegelten Fensterscheiben reichen vom Boden bis zur Decke – Außen- und Innenwelt scheinen zu einem Ganzen zu verschwimmen. Die Architektur scheint vorwegzunehmen, was so mancher anstrebt: die Vereinigung der Gegensätze. Alles ist eins. Der Gang zu diesem Raum ist verspiegelt, enthält Oshos Bibliothek, einer seiner Rolls Royce ist ausgestellt, ebenso wie sein privater Zahnarztstuhl. Lautlos wird man hineingeleitet, lautlos lässt man sich auf dem Boden nieder, ein Glöckchen erklingt, die Meditation beginnt. Aber wehe, einer muss sich räuspern oder gar husten, dann wird man umgehend und ebenso lautlos von einem der extra dafür anwesenden Sannyasins wieder hinausgeleitet.
 
Falls wegen eines drohenden grippalen Infekts die meditative Erfahrung nur kurz gewesen sein sollte, so stellt sich doch die Erfahrung ein: Weite Roben sind echt bequem! Vorurteile abzulegen erweitert ja auch das Bewusstsein. Dann ist Zeit, seine Mails im Cybercafé zu checken, ein superleckeres, vegetarisches Mittagessen zu sich zu nehmen oder Geld abzuholen und in Vouchers umzutauschen, mit denen im Ressort gezahlt wird.
 
Der Höhepunkt des Tages ist das „Evening Meeting“, das ebenfalls in dieser imposanten, hunderte von Menschen fassenden Halle, der Pyramide, stattfindet: Dafür gibt’s einen eigenen Dresscode und eine kleine Lektion in Farbenlehre: Man braucht eine weiße Robe, weiß, reinweiß, schneeweiß, nicht off-white oder cremefarben. Weiß muss sie sein, die Socken auch, das wird am Eingang kontrolliert.

Video-Lektion vom Meister

Die Weißgekleideten lassen sich auf ihren Meditationsmatten und Kissen nieder, es wird Musik gespielt, meditiert, zu bestimmten Momenten „Osho“ gerufen und dabei die Arme in die Luft geworfen. Zum Schluss gibt’s noch eine Video-Lektion vom Meister. Das muss man mögen. Anne, 40, aus Münster, zum ersten Mal in Pune, ist berührt: „Erst nach einigen Abenden begriff ich, dass ich nicht jedes Wort von Osho hören und verstehen muss und es eigentlich nicht mal um den Inhalt ging, sondern um das Miteinander-Sitzen und total präsent die Stille zwischen Worten und Klängen zu erfassen. Dies in so einer großen, weißgekleideten Gruppe zu tun, schafft echt ein Buddha field.“
 
Die Teilnahme ist übrigens keine Pflicht. Aber während dieser Veranstaltung ist das Resort geschlossen, erst hinterher kann man wieder rein. Und zwar, wer will, in seinen Privatklamotten. Denn jetzt ist Fun-Time. Aber vorher geht schon mal dieses „Was ziehe ich bloß an?“, das einem die bordeauxrote Einheitskluft bisher erspart hat, wieder los. Die Robe hat noch einen ganz anderen Vorteil, wie sich allabendlich herausstellt: Männer, die tagsüber dank ihres langen Gewandes, das ja einen würdevollen Gang macht, durchaus etwas Geheimnisumwehtes hatten, entpuppen sich jetzt schon mal als durchschnittliche Kerle in schlecht sitzenden Jeans und merkwürdigen Hemden.
 
Was aber den Besuchern beim Spaß am Abendprogramm keinen Abbruch tut: Es gibt Darbietungen, die stark an Cluburlaube auf Fuerteventura oder Mallorca erinnern – Selbstgetanztes oder Vorgetragenes von Animateuren und Gästen – aber auch Erstklassiges wie Trommelkonzerte oder einfach eine Disco. Geheimtipp ist die alljährliche Silvesterparty für alle, die ohne Raketen und Böller unter einem riesigen Sternenhimmel abtanzen, flirten und sich amüsieren wollen: Man kann über Oshos Sannyasins sagen, was man will: Das Leben feiern können sie. Ganz so, wie es ihr Meister lehrte.