Ein leichtfüßiger Strandspaziergang sieht anders aus. Der schwere weiße Sand lässt die Füße einsinken. Muschelscherben, Stöckchen und Steinchen piksen an den Fußsohlen. Algen spicken den Strand. Das Wasser schimmert stahlgrau. Die Luft hat 23 Grad Celsius, die Sonne taucht hinter einer dicken Wolke auf. Es ist bestes Hochsommerwetter – jedenfalls am Strand von Helgoland-Düne. Hier herrscht kein Hauch von Karibik – hier gibt es Nordseeflair in Reinkultur.

Helgoland – das steht für Lummenfelsen und Lange Anna. Für eine bewegte Geschichte im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Und für zollfreies Einkaufen. Doch die buchstäblich dickste Attraktion Helgolands findest du nicht auf dem berühmten rotweißen Felsen, sondern am Badestrand von Helgolands Schwesterinsel Düne: Mittendrin im schönsten Algenteppich liegen sie – silber- bis dunkelgrau schimmernde Kegelrobben und Seehunde – manchmal drei, manchmal 30, manchmal fast 100. In stiller Eintracht mit Hunderten von Zweibeinern in Badehosen und Bikinis. Letztere können kaum fassen, dass sich die Raubtiere der Nordsee von ihnen kaum stören lassen – 30 Meter Sicherheitsabstand vorausgesetzt. 

Für das Paar aus dem Cuxhavener Umland ist die Düne das Highlight des Helgolandurlaubs - und der wird jährlich wiederholt. Damit sind die beiden in bester Gesellschaft: 320.000 Menschen kommen jährlich nach Helgoland. 70.000 davon bleiben über Nacht. Angefangen hat die Liebe zu Helgoland bei nahezu allen mit einem Shoppingtrip zur Insel. Obwohl Teil des Kreises Pinneberg, gehört Helgoland nicht zum deutschen Steuergebiet und unterliegt auch nicht den EU-Zollbestimmungen.

Zigaretten, Parfüm, Schmuck, Alkohol: Vieles gibt es hier deutlich günstiger als auf dem Festland. Das lockte in den Sechzigern und Siebzigern bis zu 800.000 Ausflügler jährlich an und brachte der rotweißen Klippe den wenig schmeichelhaften Beinamen „Fuselfelsen“ ein.

Dem Tagestourismus ist vieles unterworfen. Wirkt die Insel morgens selbst in der Hochsaison wie ausgestorben, gerät am späten Vormittag alles in Bewegung. Insulaner sperren ihre Geschäfte auf, bereiten sich auf den Käuferansturm vor. Und die Urlauber hasten mit Bastmatte, Handtuch und Proviant zur „Witte Kliff“, dem kleinen Boottaxi, das sie zur 140 Meter entfernten Düne bringt. 

Vom Badestrand aus verfolgen sie das Defilee der Ausflugsdampfer, die Tag für Tag die Nordseeinsel ansteuern. „Wir flüchten“, sagt die Cuxhavenerin scherzend. 

Mit der Fähre zum Shoppen nach Helgoland

Und tatsächlich: Im Strandkorb liegend, den Sonnenschein auf dem Bauch und den leichten Seewind um die Nase, an einem Strand, der selbst im gut besuchten Zustand nicht voll wirkt, regt sich schnell ein Hauch von Mitleid. Gegenüber denen, die sich auf der Hauptinsel in den Geschäften drängen, tütenweise Mitbringsel kaufen und dann im Eiltempo den berühmten Helgoländer Klippenrandweg ablaufen.

Einmal Lummenfelsen, Lange Anna und zurück, ein Fischbrötchen auf die Hand und eine Cola für die Rückfahrt – zu mehr reicht die Zeit nicht. Ein Tuten, das Ausflugsschiff wird eins mit dem Horizont. Am späten Nachmittag ist der Spuk vorbei. 

Jetzt beginnt auf Helgoland die „vierte Tageszeit“, wie Insulanerin Frauke Heyel es nennt. Sie liebt die Zeit, in der die Insel ihr und ihren Nachbarn gehört. „Dann ist hier eine ganz andere Stimmung“, sagt sie. Am schönsten, so sagt sie, sei es im Abendlicht an der Langen Anna.

Dennoch: Missen will sie die Ausflügler nicht, denn „da lebt die ganze Insel von“. An der Pforte ihres Schrebergartens auf dem Oberland plaudert sie mit den Touristen, verschenkt auch mal Samen vom Helgoländer Klippenkohl, einer Wildform des Gemüsekohls.

1990 kam die gelernte Köchin zum Arbeiten auf die Insel – und blieb. Heute ist sie mit einem Helgoländer verheiratet und hat etliche Geschichten über die Tagestouristen parat. „Direkt nach der Wende sind die Leute hier wie Ameisenkolonnen zur Langen Anna marschiert – mit jeder Menge Butter in den Tüten – die war hier damals nur halb so teuer wie auf dem Festland“, erzählt sie. Geschätzt 7.000 Besucher seien damals im Sommer täglich über die Insel gestapft – heute sind es vielleicht 3000. 

Das größte Pfund der Insel ist die Natur

Mancher Insulaner wünscht sich die Besucherströme von damals zurück. 70 bis 80 Prozent des Inselumsatzes entstehe im Tourismus, sagt Helgolands Tourismusdirektor Klaus Furtmeier. Um neue Zielgruppen zu erschließen, entstand 1999 das „atoll ocean resort“, das bis heute einzige Designhotel der Luxusklasse. Wie ein überdimensionaler Fremdkörper aus Stahl und Glas thront es an der Kurpromenade, nur einen Steinwurf von der Büste von Hoffmann von Fallersleben entfernt – dem Mann, dem Deutschland seine Nationalhymne verdankt. 1841 verfasste er sie hier, auf diesem kantigen Felsen im Meer. 

Das größte Pfund der Insel sei aber immer noch die Natur, sagt Furtmeier. Tatsächlich ist die Insel in gleich mehrfacher Hinsicht ein Juwel: Nicht nur Kegelrobben und Seehunde fühlen sich hier wohl. Die Felsen der Hauptinsel sind ein wichtiges Brutgebiet für Trottellummen, Dreizehen- und Silbermöwen, Basstölpel oder Eissturmvögel, unzählige Zugvögel nutzen Helgoland als Rastplatz.

Unter der Wasserkante, im Helgoländer Felswatt, leben zahlreiche Fischarten, aber auch Strandkrabben, Taschenkrebse und Hummer. Mehr als 300 Algenarten verwandeln die Helgolands Unterwasserwelt in Tangwälder. Und dann die Luft. „Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Luftqualität hier besser ist als auf der Zugspitze“, betont Furtmeier, vor sechs Jahren noch Tourismuschef in Garmisch-Partenkirchen. Nahezu pollenfrei, sei Helgoland für Asthmatiker und Allergiker ideal.

In den vergangenen Jahren sind die Besucherzahlen um 30 Prozent gestiegen, sagt Furtmeier. Gereicht hat das trotzdem nicht. Mittlerweile ist das „atoll ocean resort“ für zehn Jahre vermietet - an die Mitarbeiter mehrerer Offshore-Windparks, die 25 bis 37 Kilometer von der Insel entfernt liegen. Aus dem Helgoländer Südhafen ist mittlerweile eine Servicestation mit Werks- und Lagerhallen und einem Hubschrauberlandeplatz für die Offshore-Industrie geworden. Eine Entwicklung, die etliche Insulaner seit Beginn mit gemischten Gefühlen beobachtet haben. Die Sorge bleibt – dass sich die Touristen gestört fühlen und wegbleiben. „Ich bin von der ganzen Sache gar nicht überzeugt“, sagt eine Frau unwirsch, die in ihrem Inselcafé per Hand aus Rum, Arrak und Ei ein typisches Getränk – den Helgoländer Eiergrog - mixt. Ihren Ärger wandelt sie in Muskelkraft um - der Grog wird ein schaumiger Traum. 

Allgemein steht man großen Veränderungen hier eher skeptisch gegenüber. Schon die Pläne, die seit einer Sturmflut im 17. Jahrhundert von der Hauptinsel getrennte Düne mithilfe einer 1000 Meter langen Spundwand durch die Nordsee wieder anzubinden, spaltete im Jahr 2008 die Bevölkerung. 100 Hektar neues Land, eine größere Start- und Landebahn für den Inselflughafen, ein Kreuzfahrtanleger wären dank des Projekts „Neuer Woal“ möglich geworden. Das Aus kam per Bürgerentscheid - 480 Insulaner waren dafür, 580 dagegen. 

Eine Entscheidung, die Urlaubern wie dem Cuxhavener Paar vermutlich entgegenkommt – ist es doch dieser 740 Meter breite Streifen Nordsee zwischen den Eilanden, der die Düne so einzigartig macht. Schon zum vierten Mal an diesem Tag zwängt sich die Frau in ihren Neoprenanzug – auch im Hochsommer hat die Nordsee bestenfalls 19 bis 20 Grad. Die Sonne hat sich verzogen, nur noch wenige wagen noch den Sprung hinein. Eine günstige Gelegenheit - für ein Tête-à-Tête der besonderen Art, wie sie hofft. „Einmal ist eine Robbe dicht neben mir aufgetaucht“, sagt sie mit leuchtenden Augen. „Ich spürte eine bärtige Schnauze an meiner Wade.“ In der Hoffnung auf eine Wiederholung arbeitet sie sich durch den schweren Sand zur Nordsee vor. Vorbei an Algen, Muschelscherben, Stöckchen und Steinchen. Auf der Suche nach Helgolands dickster Attraktion.