Selbst im Überfluss zeigt sich mancherorts der Sinn fürs Besondere: Es ist auf der Insel Guernsey im Ärmelkanal eigentlich nicht sonderlich schwer, außergewöhnliche Blumen zu finden. Wegen des Golfstroms ist das Klima hier überaus mild, und das lässt auch Arten gedeihen, die gewöhnlicherweise eher in Südeuropa, Asien oder Südamerika heimisch sind.

Und ausgerechnet in diesem Paradies für Botaniker blickt im Frühsommer jeder auf einen kleinen, versteckten Fleck an der Südostküste der Insel: Bluebell Woods haben die Guernseyaner das kleine Wäldchen getauft, über das sich einmal im Jahr für vier Wochen ein Blütenmeer aus Bluebells ergießt, einer besonderen Form der Blauglöckchen. Ein Farbenmeer in Blau.

Jeder Vorgarten auf Guernsey ist für mitteleuropäische Verhältnisse eine Plantage sondergleichen: Geranien wuchern einem geradezu entgegen, Clematis blühen um die Wette, Tulpen sind so groß, dass sich fast die Stängel biegen, und die Gänseblümchen – hier Daisies genannt – sprießen sogar aus den Fugen der jahrhundertealten Steinmauern.

Auf Guernsey gibt es im Winter üblicherweise keinen Frost und keinen Schnee, dafür ein mildes Küstenklima, das auch die Sommer nie zu heiß werden lässt und immer für ausreichend, aber selten zu viel Niederschlag sorgt. Ein Paradies für Pflanzen – und für viele Urlauber.

Restaurant im Hafen von St. Peter Port

Günter Botzenhardt hingegen ist eher wegen des Fischs geblieben. Der gebürtige Neu-Ulmer kam in den achtziger Jahren eigentlich nur nach Guernsey, weil er dem Wehrdienst entgehen wollte. Zunächst war er dem Kreiswehrersatzamt in die Schweiz entkommen, doch dort durfte er nur zwei Jahre bleiben.
 
„Ich musste quasi über Nacht das Land verlassen“, blickt der heute sichtlich gut gelaunte, beinahe schon unverschämt gebräunte Schwabe zurück. „Da habe ich dann meinen Cousin auf Guernsey besucht.“ Und hier reiste er erst einmal nicht wieder ab. Der auf der Insel weithin bekannte Koch arbeitete viele Jahre in einem Luxushotel, bevor er sich schließlich am Hafen der Hauptstadt St. Peter Port mit einem eigenen Restaurant selbstständig machte.

Ein Tag am Hafen im Schnelldurchlauf 

Sein „Le Nautique“ ist seitdem Inbegriff vor allem für erstklassige Fischgerichte. Und das nicht nur auf Guernsey: Ein britisches Magazin zählte „Le Nautique“ unlängst zu den 100 besten Restaurants der Britischen Inseln. Sein Erfolgsrezept? „Alles kommt frisch von der Insel“, sagt Botzenhardt. Selbst die Jakobsmuscheln bekomme er täglich direkt vom Fischer vor Ort. Gemüse steht je nach saisonalem Angebot auf der Karte – was gerade wächst, kommt in die Küche. Kauf vor Ort, iss vor Ort – eine weitverbreitete Devise auf Guernsey.

Auch James Meller hält viel vom Gedanken der lokalen Produkte, schließlich stellt er selbst welche her. Der Unternehmer ist Chef und Gründer der Rocquette Cider Company, die den inseleigenen Cider herstellt. Diese in Großbritannien sehr beliebte Art des Apfelschaumweins hat auch auf Guernsey viele Anhänger gefunden.

Hedge Veg: Verkauf auf Guernseys Straßen

Dabei stand am Beginn gar nicht mal die Leidenschaft am Apfel, sondern purer Pragmatismus: Der Wandel in der Landwirtschaft führt seit Jahrzehnten dazu, dass die einst in großem Stil für Schnittblumen und Tomaten genutzten Felder auf Guernsey zunehmend brachliegen. Im europäischen Wettbewerb gegen Großproduzenten etwa aus den Niederlanden konnte sich die nur 78 Quadratkilometer große Insel nicht mehr durchsetzen.

Meller dachte um: 1998 begann er damit, auf ungenutzten Flächen Apfelbäume zu pflanzen. Das Ergebnis kam an – in etlichen Pubs der Insel wird sein Getränk inzwischen ausgeschenkt.

Andere verkaufen ihr Gemüse gleich vor der Tür: „Hedge Veg“, Heckengemüse, nennen sich die kleinen Straßenverkäufe, die es überall auf der Insel gibt. Dabei vertreiben Bauern und Privatpersonen ihre Blumen und ihr Gemüse in großen Holzboxen direkt an der Straße – ohne dass sie selbst als Verkäufer dabeistehen müssen. 

Wer als Kunde etwas mitnimmt, legt den entsprechenden Betrag in eine kleine Box. Fertig! 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Masse an „Hedge Vegs“ zeugt davon, dass das System funktioniert – man kennt sich unter den rund 65.000 Einwohnern Guernseys. Oder jemanden, der jemanden kennt. Wer würde da nicht bezahlen wollen?

Britische Tradition vor Frankreichs Küste

Da gibt sich die Inselhauptstadt St. Peter Port deutlich großstädtischer. Zwar leben hier nur rund 16.000 Einwohner, doch für solche Besucher, die gedanklich im Inselalltag angekommen sind, wird sie schnell zum Zentrum des Ganzen.

Zur Rushhour ziehen sich Autokolonnen durch die Hauptstraßen, in der schmalen, urgemütlichen High Street treffen tagsüber Touristen wie Einheimische aufeinander, wenn sie durch die zahlreichen Läden dieser Fußgängerzone schlendern. Und abends treffen sich die Bewohner sich in einem der Restaurants am Hafen oder ganz schlicht: im Pub.

Trotz der Nähe zur französischen Küste – die liegt nur gut 40 Kilometer entfernt – legt man in St. Peter Port viel Wert auf britische Tradition; seien es englische Pubs, Fish-and-Chips-Shops oder das obligatorische Marks & Spencer, eine Kaufhausikone aus London.

Es kommt eben auf die Sichtweise an: Von Guernsey aus betrachtet erscheint der Rest der Welt unendlich bedeutungslos. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals liegt Festland. Welches Land? Das spielt im Alltag keine Rolle. Was zählt, gibt es vor Ort. Und sei es im Zweifelsfall nur ein Feld voller Bluebells.