Hier regiert die Blasmusik. Nicht die der bayerischen Trachtenkapellen. Hier ist alles so schrill und laut wie beim Wacken. Denn es ist die Blasmusik der Sinti und Roma, die in die Glieder geht und die Besucher tanzen lässt – oft bis zum Umfallen. Klar fließt auch hier das Bier in Strömen, wird Wein getrunken und der Rakija, viel Rakija, gekippt. Aber es ist vor allem die Musik, die die Menschen berauscht.

Größte Musikveranstaltung in Südosteuropa

1961 begann das Spektakel. Als Trompetenfestival mit anfangs vier Orchestern im Hof der örtlichen orthodoxen Kirche. Heute ist es die größte Musikveranstaltung Südosteuropas. Fast eine halbe Million Besucher kommen dann in das 3.000-Seelen-Dorf in der beschaulichen, verschlafenen Mitte Serbiens, um dabei zu sein, wenn sich hier die zwanzig besten Blaskapellen Serbiens versammeln, um sich im Wettkampf um die Goldene Trompete zu messen.

Möglicherweise die besten Trompeter der Welt? „Ich wusste bisher nicht, dass man so Trompete spielen kann!“, war der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis baff, als er das Festival besuchte.

The best of Guča

Ohne Zweifel ist es das wildeste und schrillste Blasmusikspektakel der Welt. Drei Tage und drei Nächte dauert das Festival; inklusive Rahmenprogramm mit Trachtenauftritten, Umzügen und Rummelplatzvergnügen sogar fünf. Und es findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auf den Straßen des Ortes, in den Kneipen, Restaurants und den Zelten der Bier- und Fressstände.

Dichte Rauchschwaden aus den zahllosen Grillständen, in denen Spanferkel und Lamm gebraten werden, wabern durch den Ort, Bierdunst liegt in der Luft und alles ist erfüllt von der Kakophonie der Blasorchester. Denn neben den „offiziellen“ Kapellen ziehen noch viele andere Musiker aus allen Ecken des Landes, des Balkans und dem Rest der Welt vom Nachmittag bis spät in die Nacht durch die Straßen. Von Stand zu Stand, ständig in Bewegung durch die Massen der Besucher

Jeder kann sie mit einem Geldschein heranwinken und sie für sich spielen lassen. Du klebst die Scheine auf die schweißnasse Stirn der Bläser, wirfst sie in die Tuba oder stopfst sie in die Posaunentrichter oder gleich in das offene Hemd der Musiker. 

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Zum Dank umringt das Orchester dich hautnah, die Trichter der Trompeten nur wenige Zentimeter von deinen Ohren entfernt. Denn das ist der größte Thrill und Spaß für die Besucher: Wessen Trommelfell hält am meisten aus? Der Tisch des Geldgebers wird regelrecht umzingelt und lockt auch andere „Orkestars“ an, die mit unterschiedlichen Melodien lautstark um die Wette blasen. Dagegen ist Rock am Ring wirklich kalter Kaffee!

Serbische Musik: Tanzen ist ein Muss

Serbische Blasmusik ist schnell und laut – ein Frontalangriff auf den Zuhörer. Und sie lässt niemanden unberührt. Die Arme gehen nach oben und wiegen sich im Takt, die Beine zucken und fangen an zu tanzen, die Frauen steigen auf die Tische und lassen die Becken kreisen. Unter den Tönen und ratternden Rhythmen der Blaskapellen verfallen die Menschmassen in einen kollektiven, ekstatischen Hüpftanz.

Der Wettbewerb, um den es eigentlich während der drei tollen Tage geht, wird in wenigen Stunden am letzten Tag abgewickelt. Eine Jury entscheidet, welche der in landesweiten Vorausscheidungen ausgewählten Orchester die Goldene Trompete gewinnt. Die Siegertruppe bekommt gut dotierte Aufträge aus allen Teilen des Landes.

Blasmusik ist Teil der Tradition auf dem Balkan und wird zu den unterschiedlichsten Anlässen gespielt. Ob Taufe, Hochzeit oder auch Begräbnis. Denn ohne Blasmusik kann sich der Serbe selbst den Tod nicht vorstellen. Am begehrtesten (und auch am teuersten) sind natürlich die Gewinner der Goldenen Trompete. Einer von ihnen ist dank Guča inzwischen auch ein internationaler Star geworden: Boban Marković hat fünfmal in Folge den Wettbewerb gewonnen. Nun tritt der Bläser-Star auf eigenen Wunsch nur noch außer Konkurrenz als Festival-Highlight auf.

Festivalliebling Boban Marković 

Das  Festival findet in der Regel im August jeden Jahres statt. Doch wenn du über Nacht bleiben willst, vergiss es! Das einzige Hotel am Ort ist schon auf Jahre im Voraus ausgebucht. Wenn du Glück hast, kommst du bei Dorfbewohnern unter, die während des Festivals in den Keller ziehen.

Alternativ schlagen viele Besucher ihre Zelte auf den umliegenden Wiesen auf oder übernachten im Auto. Die Hartgesottenen machen sowieso bis zum ersten Hahnenschrei durch und erholen sich bei einem kleinen Nickerchen am Biertisch oder in irgendwelchen Hauseingängen.