Es ging in Teilen recht steil hinauf in die Berge nahe dem kleinen Ort Agaete auf Gran Canaria. Die Sonne zeigte sich ein bisschen zu sehr von ihrer schönsten Seite. Doch oben auf einem Plateau mit perfekter Sicht in Richtung Tal zur einen, in Richtung Meer zur anderen Seite ist beim Wandern jegliche Anstrengung vergessen.

Gran Canarias Berge: Was für ein Ausblick

Die weitgehend karge Berglandschaft der drittgrößten Kanareninsel streckt sich wie ein Kleinformat der Alpen empor. Freilich ein bisschen brauner im Farbton, denn Gran Canaria besteht überwiegend aus Vulkangestein. Tiefe Täler sind dezent mit kleinen Ortschaften besiedelt. Hier und da schlängelt sich eine Serpentinenstraße in die Höhe und wieder hinab. Und rundum herrscht vor allem eines: eine geradezu meditative Stille.
 
Guillermo Morales wirkt angesichts dieses Ausblicks sichtlich zufrieden. „Wer hier hochmarschiert, braucht keinen Therapeuten“, sagt der professionelle Wanderführer. Der Berg als perfekter Ort, um sich selbst zu finden. Der Mittvierziger kennt dieses Gefühl durch unzählige Aufstiege – hier und an etlichen anderen Stellen der Insel. Wandern, sagt Morales, sei ein wichtiger Inhalt seines Lebens. Und diese Art der Bewegung wichtig, um Gran Canaria wirklich erleben zu können.
 
Das merken Urlauber mitunter kaum: Wer am Flughafen der Hauptstadt Las Palmas in einem der Ferienflieger landet, fährt nicht selten direkt weiter in eines der Riesenhotels im Süden der Insel. Playa del Inglés, Maspalomas, Costa Meloneras – die großen Touristengebiete an der Südspitze bieten alles, was das sonnenhungrige Urlauberherz begehrt: Strände, Partys und Unterkünfte jeglicher Preislage – mitunter alles inklusive.
 
Was solche Urlauber aber verpassen, ist das eigentliche Gran Canaria in seiner entspannten Ursprünglichkeit. Denn während sie im Süden in der Sonne braten, spielt sich der Alltag der Inselbewohner in den Bergen ab. Fern vom Trubel der Touristengegenden.

Arucas: „Hauptstadt der Bananen“

Das lässt sich auch rund um Arucas im Insel-Norden bestens erfahren. Bananenplantagen säumen hier die engen Straßen, deswegen trägt die kleine Stadt den Beinamen „Hauptstadt der Bananen“. Dicht gedrängt ragen die grünen Pflanzen meterhoch in den Himmel, abgeschirmt von wuchtigen Blättern wachsen die Früchte gen Sonnenlicht – daher entsteht mit der Zeit ihre gekrümmte Form.
 
Süßer als jene aus Lateinamerika seien die Bananen hier, rühmt sich die Insel allerorts, aber auch kleiner. Was die Wirtschaftlichkeit des Anbaus zunehmend beeinflusst: Weil die Bananen durch ihre vergleichsweise geringe Größe die strengen Auflagen der EU nicht erfüllen, werden sie heutzutage kaum noch exportiert – höchstens auf das spanische Festland.

Die Rumfabrik Destilería Arehucas

Vor Jahrhunderten noch dominierte das Zuckerrohr. Für diese Monokultur wurden in jener Zeit große Flächen Wald gerodet – bis der Anbau unrentabel wurde: Mit der Konkurrenz aus Südamerika konnten die Landwirte preislich nicht mehr mithalten. Bis heute erinnert in Arucas die Rumfabrik Destilería Arehucas an diese Vergangenheit. Und die Aufforstungsprogramme, die damals abgeholzte Kieferngebiete wieder entstehen lassen sollen.

Die wechselvolle Anbaugeschichte war immer auch von einem Einfluss bestimmt: der chronischen Wasserknappheit. Mangels ausreichender Quellen werden inzwischen große Teile der Insel aus Meerwasserentsalzungsanlagen versorgt. In einigen sehr ländlichen Gebieten herrscht bis heute eine Art Rationalisierung: Trinkwasser fließt dort nur an bestimmten Wochentagen durch die Leitungen.
 
Dann füllen die Bewohner große Behälter auf ihren Häuserdächern, mit denen sie sich am Folgetag versorgen können, an dem die Leitungen trocken bleiben. Die Leute arrangieren sich mit den Gegebenheiten – schließlich entschädigt das ganzjährig milde Klima der Insel für einiges.
 
Und es birgt einen angenehmen Nebeneffekt: Wer ein bisschen Hitze im Sommer nicht scheut, kann theoretisch zwölf Monate im Jahr wandern gehen. Die Tourismusbehörde Gran Canarias nutzt diese Rahmenbedingungen derzeit, um sich gezielt einen grünen Anstrich zu verleihen. Einmal jährlich lädt sie zum „Gran Canaria Walking Festival“ ein, bei dem Besucher die Wahl unter einem halben Dutzend Tagestouren haben, Profibegleitung inbegriffen.

Wander-Wettbewerb auf 123 Kilometern

Wem das nicht reicht, kann ein paar Kilometer drauflegen: „Transgrancanaria“ ist ein jährlicher Wettbewerb im Februar/März, bei dem die Teilnehmer eine 123 Kilometer lange Strecke von Süd nach Nord bewältigen müssen. 31 Stunden haben sie dafür zur Verfügung, wobei dieser Zeitraum ohne Unterbrechung gezählt wird – also mit den dunklen Nachtstunden.
 
Solche Großtouren sind freilich nicht gerade jedermanns Sache – insofern hält sich Otto Normalwanderer als Alternative besser an eine überschaubarere Tour ins Inselinnere. Rund um Tajeda bieten die Berge ein eindrucksvolles Panorama für Wanderungen fast jeder Länge. Und es ist nicht ganz so heiß wie beispielsweise weiter südlich, denn hier oben spenden vereinzelt Kiefernwälder Schatten. Und wem zwischendurch nach einer richtigen Abkühlung ist, kann in eine der Höhlen am Berghang flüchten. Deren Inneres bietet ganzjährig ein angenehmes Klima bei 18 bis 20 Grad.
 
Früher hätten Menschen hier in den Höhlen gelebt oder deren Tiere Unterschlupf gesucht, sagt Wanderführer Morales. Heute zieht es nur noch manchmal Wanderer hierher, um von dort die Aussicht zu genießen – etwa auf den Roque Nublo, einen Felsbrocken in 1813 Meter Höhe. Er ist so etwas wie das Wahrzeichen der Insel.
 
Bis heute sind einige Höhlen in kleinen Ortschaften bewohnt – inzwischen allerdings relativ komfortabel ausgestattet. Äußerlich wirken sie wie ein ins Gebirge geschobenes Einfamilienhaus. Innen jedoch fehlt vor allem eines: Tageslicht. Dennoch sind solche Unterkünfte auch bei Urlaubern beliebt. José Antonio, einst Bürgermeister des Ortes Artenara, vermietet etwa das frühere Höhlenhaus seines Großvaters für Feriengäste. Schon vor 150 Jahren sei es entstanden, erzählt der agile Rentner, der nach und nach weitere Höhlen gekauft hat.
 
Früher oder später aber zieht es sie alle wieder hinaus in die mitunter raue Vulkanlandschaft Gran Canarias, die auf der rund 1.560 Quadratkilometer großen Insel unterschiedlich daherkommt: Während im etwas feuchteren Norden viele Wälder vorherrschen, dominieren im trockeneren Süden eher karge Gegenden mit Palmen, Feigenkakteen und Wolfsmilchgewächsen.
 
Beides hat seinen Reiz – wer seine Wandertouren über die einzelnen Regionen verteilt, bekommt einen perfekten Überblick über die Insel. Es muss ja nicht gleich in einem Stück sein wie beim „Transgrancanaria“.