Israel-Reise: Eine Lektion fürs Leben

Israel bietet keinen reinen Wohlfühl-Urlaub. Und doch wird das Land dich heftiger berühren als jeder andere Ort.

Der Felsendom in Jerusalem
Auf die Intensität Jerusalems kannst du dich nicht vorbereiten.

Foto: imago/UPI Photo

Jerusalem – eine Stadt, die sich selbst nicht versteht

Zunächst: Auf Jerusalem kannst du dich nicht vorbereiten. Du muss dich einfach hineinplumpsen lassen, in diesen wirren Schmelztiegel aus Religionen, Gefühlen, Kulturen und Deutungshoheiten. Gewohnte Denk- und Bewertungsmuster funktionieren hier nicht. Im Gegenteil, du musst sie abschütteln, dich von ihnen befreien und die Stadt so nehmen wie sie ist. Kaum einer kommt nach Israel aus einer Laune heraus, schon gar nicht nach Jerusalem.

Einheimische, Pilger wie Touristen sind hier, weil dieser Ort ihnen etwas bedeutet. Und weil sie auf der Suche sind. Nach den Spuren ihrer Religion, ihrer Geschichte, nach Jesus oder Spiritualität an sich. Wer in Jerusalem glaubt, glaubt richtig. Keine halben Sachen.

Die Juden, die Christen und die Muslime haben ihr eigenes Viertel, nur selten wagen sie sich in das Gebiet der anderen. Dazwischen die Pilger, die anfangs noch verstehen wollen, warum die Stadt so ist wie sie ist, später aber feststellen, dass es da nichts zu verstehen gibt. All die Empfindungen, Erwartungen und Spannungen, die hier Tag für Tag, 24 Stunden am Stück in der Luft hängen, können überwältigen. Sie sollten sogar. Denn das ist Jerusalem.

Snackstation im christlichen Viertel von Jerusalem.
Snackstation im christlichen Viertel von Jerusalem. Foto: Friederike Ostermeyer

Selfies an der Klagemauer

Die Intensität Jerusalems ist besonders an der Klagemauer spürbar. Für die Juden ist sie der letzte Rest eines vor 2.000 Jahren zerstörten Tempels und damit ihr wichtigstes Heiligtum. Die Mauer ist jeweils in eine Sektion für Männer und Frauen unterteilt, wobei das Stück für die Frauen wesentlich kleiner ausfällt.

Während sich im hinteren Bereich die Selfiesticks – voranging von Japanerinnen – recken, die schüchtern wie zielstrebig das obligatorische Erinnerungsfoto schießen wollen, pressen vorne die Gläubigen ihre Stirn an den kühlen Kalkstein. Sie wiegen ihre Körper hin und her, schluchzen oder beten leise und ballen immer wieder die Hand zur Faust. Die Frauen tragen lange, dunkle Kleidung, die Haare meist bedeckt, die Männer Gebetstücher und eng geschnürte Riemen um den linken Arm. In den Ritzen zwischen den Steinen stecken tausende Zettel mit Wünschen und Gebeten. 

 

 

Die Jagd nach dem perfekten Selfie auf der einen und das Flehen um Erlösung auf der einen Seite sorgen auf den ersten Blick für eine verstörende Atmosphäre. Doch beim genauen Hinsehen wird deutlich, dass hier nicht nur Juden beten. Menschen aller Nationen, Religionen und vermutlich auch  Atheisten stehen an jener berühmten Mauer, sichtlich überwältigt von dem, was hier vor sich geht. Jeder ist eingeladen, sie zu berühren. Wer es wagt, wird plötzlich von einer tiefen Ruhe erfüllt und gleichzeitig der Erkenntnis, dass es sich um keine tote historische Stätte handelt, sondern um einen Ort, den die Menschen seit Hunderten von Jahren täglich aufs Neue mit Sinn erfüllen.

Deshalb ist hier genug Platz für Trauer UND Mauer-Posing, genau wie für Dankbarkeit, Freude, sogar Wut oder einfach nur Neugier. Besucher können ohnehin nur erahnen, was die Klagemauer für das jüdische Volk wirklich bedeutet. 

In den Ritzen der Klagemauer stecken Tausende Zettel mit Wünschen und Gebeten.
In den Ritzen der Klagemauer stecken Tausende Zettel mit Wünschen und Gebeten. Foto: Friederike Ostermeyer

Singende Pilgergruppen auf der Suche nach Jesus

Nur 400 Meter weiter beginnt die Via Dolorosa, der 14 Stationen umfassende Leidensweg Jesu, welcher bis zur Grabeskirche führt. Jedes Jahr an Karfreitag schleppen zahllose von den Dornenkronen blutüberströmte Gläubige schwere Holzkreuze hinauf. Die Prozession kann nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, Muslimen bleibt währenddessen der Zugang verwehrt.

An allen anderen Tagen sind es ganz normale katholische Pilgergruppen, die angeführt von einem Priester die schmale Gasse hinauflaufen. Nur wenige nehmen dabei ein Kreuz auf sich. Dabei singen sie andächtig und mit gesenkten Köpfen Kirchenlieder wie „Christe, du Lamm Gottes“ oder „Er ist tatsächlich auferstanden“. Allerdings nicht zu laut, um die Araber und orthodoxen Juden nicht zu stören, die auf der Via Dolorosa ihrem Alltag nachgehen. Denen ist Jesus meist egal, den Pilgern nicht. Einige von ihnen tragen Selfiesticks vor sich her, um sich beim Singen und Schreiten zu filmen. Dieser Moment ist wichtig für sie, natürlich wollen sie ihn mit nach Hause nehmen. 

Katholische Pilgerer laufen, begleitet von Priestern, den Kreuzweg.
Katholische Pilgergruppen laufen, begleitet von Priestern, den Kreuzweg. Foto: Friederike Ostermeyer

Gewusel in der Grabeskirche

Bis hinauf zur Grabeskirche, dem Allerheiligsten der Christen, sind es keine 500 Meter. An der Außenwand des maroden, architektonisch wild zusammengewürfelten Gebäudekomplexes lehnen benutzte Leihkreuze, drinnen herrscht ungeduldige Erwartungshaltung. Jeder will mal anfassen. Den original Golgata-Hügel, den Salbungsstein und natürlich das Grab selbst, dessen Stelle übrigens nur überliefert ist.

Zwei Stunden anstehen sind das Minimum. Ruhe und Kontemplation? Fehlanzeige! Stattdessen Gewusel. Hinzu kommen die vielen Streitigkeiten der sechs verschiedenen Konfessionen, welche die Grabeskirche für sich beanspruchen. Die Katholiken, die Griechisch-Orthodoxen, die Armenier und die anderen – sie alle wollen das beste Stück vom Grabes-Kuchen. Die ärmsten Kirchen wie die Äthiopier und die Kopten wurden kurzerhand aufs einsturzgefährdete Dach verbannt. Bei ihnen findet sich tatsächlich so etwas wie ein bisschen Stille und ein Lächeln zur Begrüßung. Raufgehen lohnt sich und ein paar Schekel für ihren Klingelbeutel gehören zum guten Ton. 

Direkt nebenan befindet sich übrigens auch eine Moschee, dessen Muezzin fünf Mal am Tag vermutlich am inbrünstigsten von allen in sein Mikrofon betet, sodass die Grabeskirchen-Besucher kaum noch ihr eigenes Wort verstehen. Es mag verrückt klingen, doch von allen heiligen Orten der Welt verdeutlicht dieser wohl am besten, dass Menschen eben auch nur Menschen sind. 

Die Via Dolorosa führt bis zur Grabeskirche. Besucher & Pilger zünden oft Kerzen an.
Die Via Dolorosa führt bis zur Grabeskirche. Besucher & Pilger zünden oft Kerzen an. Foto: Friederike Ostermeyer

Die größte Geschichte in den kärgsten Landschaften

Israel ist so klein, dass du eigentlich nie länger als zwei, drei Stunden mit dem Auto fahren musst, um zum nächsten Gegensatz zu gelangen. Die Nordspitze des Toten Meers ist gerade mal 50 Kilometer entfernt, doch ist es hier durchschnittlich 10 Grad wärmer. Drumherum karge Wüstenlandschaften mit alttestamentlichem Charme.

Mit dem Jeep durch die judäische Wüste.
Friederike Ostermeyer war mit dem Jeep unterwegs in der judäischen Wüste. Foto: Friederike Ostermeyer

Mittendrin die Oase En Gedi. Sie könnte einem Bilderbuch entsprungen sein, so grün, wild und unberührt mutet es hier an. Vor den plätschernden Wasserläufen tanzen Schmetterlinge, Vögel, die keine Scheu zu kennen scheinen, beobachten neugierig das Geschehen. Einmal die Haare unter den Wasserfall halten und im Sonnenlicht schütteln. Großartig! Mal wieder der perfekte Selfie-Platz. 

En Gedi bot schon König David Schutz, als er vor Saul und seinen Männern flüchte. So viel anders als heute wird die Oase vor 3.000 Jahren vermutlich nicht ausgesehen haben. Überhaupt ist die Region um das Tote Meer besonders geschichtsträchtig. Und weil sie sich kaum verändert hat, fällt es einem auch nicht schwer, sich in die antiken Zeiten hineinzuversetzen. Hier wurden zum Beispiel die Qumran-Rollen gefunden, die bislang ältesten bekannten Bibelhandschriften. Hier hat König Herodes im 1. Jahrhundert vor Chr. mit Masada eine ausgeklügelte Festungsanlage errichten lassen. Als letzter Stützpunkt im Krieg gegen Rom leisteten die Juden hier den Legionären knapp 200 Jahre später erbitterten Widerstand.

Laut Überlieferung wählten die verbliebenen Familien den Freitod, um nicht als Sklaven enden zu müssen. Bis heute symbolisiert Masada für die Juden Zusammenhalt, Stolz und Durchhaltevermögen. „So wie wir damals nicht aufgegeben haben, werden wir auch heute nicht aufgeben. Wir würden es wieder tun“, sagen sie. Das erklärt, warum in diesen uralten Ruinenresten so viel von der heutigen israelischen Seele steckt. 

Das Tote Meer liegt im Sterben

Am Toten Meer selbst sieht es schon wieder anders aus. Hier säumen zweckmäßige Betonburgen das Ufer, um all diejenigen unterzubringen, welche sich vom hohen Salzgehalt des Wassers Heilung für ihre Hautkrankheiten versprechen oder einfach nur einmal ein Schwebe-Selfie im Wasser machen wollen. Schon wieder so ein Selfie-Ort, allerdings nur zur Wasserseite hin.

Liebe zum Detail war bei der Gestaltung der Kurorte, allen voran Ein Bokek, kein Thema. Auch gehen die Behörden mit dem Toten Meer selbst nicht besonders sorgsam um. Jedes Jahr sinkt der Meeresspiegel um über einen Meter, weil das zufließende Wasser aus dem Jordan hauptsächlich für Landwirtschaft und Industrie abgezwackt wird.

Die Folge: absinkende Kraterlandschaften, verwahrloste Strände und 2050 vielleicht auch kein Totes Meer mehr. Nicht nur ein ökologisches Drama, sondern auch ein wirtschaftliches. Denn die Erfahrung, komplett vom Wasser gehalten zu werden und lässig Zeitung lesend darin zu treiben, ist schon eine einmaliges und absolut tiefenentspannende Erlebnis. Wenn du in Israel dringend mal runterfahren und abschalten möchtest, dann hier. Reinlegen, Augen zu, das Salz erledigt den Rest. Zusätzlich sorgen die vielen Mineralien für eine wunderbar zarte Haut.

Das Tote Meer: Rein legen, Augen zu, das Salz erledigt den Rest. Die vielen Mineralien sorgen für eine wunderbar zarte Haut.
Das Tote Meer: Rein legen, Augen zu, das Salz erledigt den Rest. Die vielen Mineralien sorgen für eine wunderbar zarte Haut. Foto: Friederike Ostermeyer

Warum Tel Aviv nochmal ganz anders ist

Beach-Partys und buntes Strandleben hat das Tote Meer nicht zu bieten. Dafür gibt es ja Tel Aviv. Wieder nur wenige Autostunden entfernt. Überhaupt, Tel Aviv! Dieser so völlig andere, so optimistisch-leuchtende Mikrokosmos von Stadt. Was muss allein das Wort für ein Versprechen gewesen sein, als vor etwas mehr als 100 Jahren der Grundstein für die neue Hauptstadt gelegt worden war. Die paar Familien, die damals hierher zogen, wollten nicht mehr in schmutzigen Hinterhöfen und Ghettos leben, wie sie es in anderen Ländern tun mussten. Sie wollten freistehende Häuser, Licht und salzige Luft, die einem von morgens bis abends um die Nase weht. Ein Platz an der Sonne und am Meer sollte es sein. Und das wurde es.

Wer zum ersten Mal nach Tel Aviv kommt, mag die vielen weißen Betonhochhäuser als schmucklos und klotzig empfinden. Doch die Stadt, die heute mit ihren mehr als zwei Millionen Einwohnern aus allen Nähten platzt, hält ihr Versprechen bis heute: Freiheit, Selbstbewusstsein, Toleranz und, so weit es geht, Normalität. Ganz gleich, was gerade mal 60 Kilometer südlich am Gaza-Streifen passiert.

Der Strand, ein einziger Spielplatz

Der 15 Kilometer lange, von Hotelburgen gesäumte Strand wirkt wie ein großer Spielplatz für Erwachsene. Bereits morgens um sieben ist die Promenade von Joggern regelrecht bevölkert, alle paar Hundert Meter ein kostenloses Freiluft-Fitnessstudio, wo die Sportler zwischendurch ein paar Gewichte stemmen können.

Der Strand von Tel Aviv ist 15 Kilometer lang.
Der Strand von Tel Aviv ist 15 Kilometer lang. Foto: Friederike Ostermeyer

Surfer, Inlineskater, Radfahrer, Yoga im Sand – Hunderte Menschen sind in Bewegung und sehen aus, als ob sie direkt einem Fitnesskatalog entsprungen wären. Schlank, fröhlich, lächelnd. „Tel Aviv ist eine Mischung aus Kalifornien und Berlin, aber doch so ganz anderes“, sagen die Bewohner über ihre Stadt. Sie wissen nur zu gut, dass sie in einer Sommer-Sonne-Strand-Seifenblase leben. Es geht halt nicht anders.

Tel Aviv hat keine bedeuteten, historischen Stätten zu bieten, keine religiösen Pilgerhotspots oder wichtige alttestamentarische Schauplätze, dafür unzählige Galerien, Nobel-Restaurants, Partys und einen unbändigen Hunger nach Leben. „Es gibt schönere Städte als dich“, hat der israelische Schriftsteller Nathan Altersmann einmal gesagt. „Doch keine ist so schön wie du.“

Erkenntnis aus der Israel-Reise

Das Beste an Israel: Es zwingt dich dazu, dich mit wesentlichen Grundsätzen zu beschäftigen. Das Schlimmste an Israel: Es zwingt dich dazu, dich mit wesentlichen Grundsätzen zu beschäftigen. Egal, wo du hinkommst, ob du noch zusätzlich die Wüste durchquerst, den See Genezareth, Bethlehem, die Hafenstadt Haifa oder das Westjordanland besuchst – überall wirst du mit den ganz großen Fragen konfrontiert.

Nicht nur danach, wofür du stehst, woran du glaubst, was du suchst und hoffst, sondern auch, wofür andere stehen, was andere glauben, suchen und hoffen. Sich damit zu beschäftigen ist anstrengend, verwirrend und aufreibend. Denn die Antworten darauf – sofern es überhaupt welche gibt – sind so unterschiedlich und so zahlreich wie die Menschen selbst. Diese Lektion ist simpel, aber tiefgreifend. Und sie verpasst dir eine ordentliche Portion Demut.

 

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Die Autorin
Journalistin, Autorin, Weltenbummlerin. Hat schon während ihres Volontariates entdeckt, dass sich die schönsten Geschichten in der Ferne verbergen. Sie war bereits u.a. für die Süd ... mehr
Reisereporter
Reiseportal
+ Folgen
#Trending
Zur
Startseite