Das Gerät fällt ganz schön auf: ein knallroter Kaugummiautomat im mintgrün gehaltenen Kontrollraum. Warum denn das? Müssen die Techniker hier mit Süßem bei Laune gehalten werden?

Eher nicht. Der Automat ist für die Gäste da. Nachdem der Leitende Ingenieur den Besuchern des Kontrollraums geduldig erklärt hat, was auf den Flussdiagrammen zu sehen ist, die hier von vier großen Monitoren angezeigt werden, fordert er sie auf, am Ausgaberad des Automaten zu drehen. Zwei-, dreimal knackt es, dann kullern unten zwei weiche Stöpselchen heraus. Mit denen im Ohr geht’s weiter, direkt ins Herz des Schiffes, in den Maschinenraum.

Die MS Europa 2 

Andere würden das natürlich ganz anders sehen. Der Maschinenraum mag das Herz eines Containerfrachters sein, aber ein Kreuzfahrtschiff, und dann noch ein neues Luxusschiff wie die „Europa 2“? Das hat sein Herz doch an anderer Stelle! In den Küchen etwa, wo die Menüs für die acht Restaurants zubereitet werden, in den Kühlräumen, in denen der Champagner lagert, in den riesigen Suiten, die alle über eine Veranda und oft auch über eine Dampfsauna verfügen, oder in der „Sansibar“, in der der Gast einen langen Seetag auf der Tanzfläche oder bei einem Cocktail unter Sternen beschließen kann. 

Vielleicht zeigt sich das Herz eines Kreuzfahrtschiffes aber auch in der Freundlichkeit des Personals, im angenehmen, so gut wie nie aufgesetzt wirkenden Lächeln des persönlichen Butlers, der bei einigen der besonders geräumigen Suiten zur Seite gestellt wird. Oder es zeigt sich im „Herrenzimmer“, wo es auch den Damen erlaubt ist, bei einem Glas Gin Tonic im milden Rauch einer am Nachbartisch verglühenden Cohiba zu entspannen.

Luxus pur auf Kreuzfahrt

Auf einem Schiff wie der „Europa 2“ ist Luxus selbstverständlich eine Herzensangelegenheit. Luxus ist, wenn Gästen Wünsche erfüllt werden. Und die können ganz unterschiedlich sein. Nicht jeder verlangt Champagner, Trüffel, Golfunterricht im Simulator oder Hot-Stone-Anwendungen im Spa. Mancher wünscht sich, einfach mal in den Maschinenraum zu gucken. Insofern kann auch ein Automat mit Ohrstöpseln ein Zeichen für Luxus sein.

Dieser hier ist es auf jeden Fall, denn er steht für etwas Besonderes. Auf den meisten anderen Kreuzfahrtschiffen ist es Passagieren untersagt, Brücke oder Maschinenraum zu besichtigen. Zu viele Menschen bringen zu viel Unruhe in sensible Bereiche. Auf der „Europa 2“ sind solche Besuche möglich, du musst nur fragen. Die „Europa 2“ bedient keinen Massenmarkt – was auch mit Details wie dem „Kaugummiautomaten“ demonstriert wird.

Eine Reise ins Herz der Europa 2

Ein Seetag – wie der auf der Mittelmeerreise nach der Abfahrt von Sardinien und vor der Ankunft auf Formentera – eignet sich gut für eine Expedition ins Herz des Schiffes. Den Maschinenraum erreichst du von Deck drei aus. Neben dem Hospital geht’s durch eine unscheinbare Metalltür in den Bereich, der gemeinhin nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Sylvio Plesu, der Leitende Ingenieur, ein sympathischer Mittdreißiger, erklärt, wie der Schiffsantrieb funktioniert: Über vier riesige Schiffsdiesel verfügt die „Europa 2“, zwei davon sind gerade im Betrieb. Sie treiben die Generatoren an, die den Strom fürs Schiff erzeugen. Auch für die Elektromotoren, die die Schiffsschrauben bewegen. Die befinden sich in zwei Gondeln am Heck.

Diese Mermaid-Pods von Rolls-Royce sind in alle Richtungen schwenkbar und können das Schiff mit knapp 22 Knoten nach vorn bringen oder auch ganz sanft an die Kaimauer des nächsten Hafens schieben. Nach dieser Einführung gibt es die Ohrstöpsel, und dann geht es ein paar Stockwerke bergab, an den brüllenden Dieselaggregaten und den kreischenden Generatoren vorbei zu der Meerwasseraufbereitungsanlage, den Tanks für Grau- und Schwarzwasser (das eine kommt aus den Duschen, das andere aus den Toiletten), der Kläranlage, den Müllpressen und dann wieder treppauf zum gigantischen Schornstein.

Dort weist Plesu die Besucher auf einen schwarzen Kasten hin: Es ist ein Abgaskatalysator für den Schiffsdiesel. Mit dem soll die Stickoxid-Emission des Schiffes deutlich gesenkt werden. Abgasreinigung, die bei Dieselmotoren im Auto längst Standard ist, fängt bei Schiffsdieseln erst an. Für die Kreuzfahrtbranche ist die „Europa 2“ hier Vorreiter.

Kreuzfahrt ohne Captain’s Dinner

Mit der „Europa 2“ probiert Hapag-Lloyd ein neues Kreuzfahrtformat aus. Es geht darum, ein anderes Kundensegment zu erschließen. Besserverdiener sollen angesprochen werden, die im Urlaub Entspannung suchen und denen die klassischen Luxuskreuzfahrten, wie sie etwa auf der „Europa“ angeboten werden, zu steif, zu stark mit Zwang verbunden sind. 

Auf der „Europa 2“ gibt es deshalb kein Captain’s Dinner, keinen Tisch-, keinen Smoking- oder Krawattenzwang, ja, überhaupt nur wenig Zwang. Vieles wird angeboten – abgesehen von der Seenotrettungsübung musst du aber nichts mitmachen. Du wirst ganz schön in Ruhe gelassen auf diesem Schiff. Und das ist den meisten Passagieren ganz recht.

Dass hier viele Individualisten an Bord sind, ist auch bei den Landausflügen zu bemerken. Organisierte Bustouren, gemeinsame Spaziergänge durch mediterrane Innenstädte, das alles wird hier längst nicht so stark angenommen wie auf anderen Kreuzfahrtschiffen.

Das Publikum der „Europa 2“ geht lieber eigene Wege. Was bei diesem Schiff auf der Fahrt durchs Mittelmeer auch gut machbar ist. Wo es möglich ist, liegt die „Europa 2“ direkt in den Hafenbecken im Innenstadtbereich. Die „Europa 2“, 225 Meter lang, 27 Meter breit, kann bei guten Wetterbedingungen auch im zentralen Hafen von Ibiza anlanden und muss nicht draußen an irgendeinem Industriekai festmachen, von dem aus die Gäste dann mit Shuttlebussen ins Zentrum gefahren werden.  

SUNDAY SUNDOWNER: Reflexionen. Ein perfekter EUROPA 2-Moment. // Reflections. A perfect EUROPA 2-moment.

A photo posted by MS EUROPA 2 (@mseuropa2) on

Und anders als bei vielen anderen Kreuzfahrtschiffen ändert sich nicht gleich der Charakter der Stadt, wenn alle Passagiere gemeinsam von Bord gehen und in die hafennahen Einkaufsstraßen strömen. Nur maximal 516 Gäste können mit dem neuen Kreuzfahrtschiff auf Reise gehen. Auch eine schöne Form von Luxus.