Die Rampe, die sich uns mit respektablen 14 Prozent Steigung auf einigen Kilometern hinter dem französischen Städtchen Quingey aufwärts in den Weg stellt, fordert Freizeitradlern wie uns einiges ab. Wir haben zwar bestes Material zur Verfügung, Rennräder nämlich, wie sie auch die Profis bei der Tour de France fahren werden. Trotzdem melden sich oben auf der Kuppe die Oberschenkel und senden unmissverständliche Signale, dass es nun vorerst genug sei.

Wir sind in der Franche-Comté, einer Region in Frankreich, die viele nur im Vorbeifahren wahrnehmen, wenn sie mit dem Auto ans Mittelmeer oder an die Atlantikküste fahren. Tourismusmanager sind dann für gewöhnlich mit den Worten „unentdeckt“ und „verborgene Reize“ zur Hand. Das trifft es nicht ganz. So verborgen sind die Reize der Franche-Comté gar nicht, du musst nur die Augen aufmachen. Der Historiker Charles de Montalembert hat sie beschrieben als das „Tirol Frankreichs“: „Der grandiosen und malerischen Natur kommt hier die Rolle des Monuments zu.“

Gebirge Jura als Grenze der Franche-Comté

Das Monument wird im Norden begrenzt durch die Südvogesen. Mit der Schweiz teilt es sich die Gebirgslandschaft des Jura, im Süden schließen sich die Rhône-Alpen an, im Westen die Flusslandschaft der Saône und das Burgund. Mittendrin liegen Flüsse wie der Doubs, der Ain und die Loue, insgesamt bringt es die flächenmäßig eher kleine Region auf 5.000 Kilometer Wasserläufe, 80 Seen und einen Waldanteil von mehr als 40 Prozent. Alles zusammen ergibt ein Gebiet wie geschaffen für diejenigen, die Natur schätzen – ob nun als Wanderer, Wassersportler oder Fahrradfahrer.

Die Franche-Comté rückt auch immer wieder bei Radsportfans stärker in den Fokus. Hier finden oft auch Etappen der Tour de France statt. Aber die Region ist nicht nur etwas für Leistungssportler. Gemächlicher und ohne Steigungen geht es am Doubs entlang, der als Teil des europäischen Fernradweges vom Schwarzen Meer zum Atlantik hier von der alten Festungsstadt Belfort über Besançon nach Dole und damit durch das Herz dieses Landstrichs führt.

Museumsbesuch in Besançon

Du radelst vorbei an schroffen Felswänden, durch verschlafene Dörfchen, deren Kirchen das hier typische Helmdach tragen, und Städtchen wie Baume-Les-Dames mit mittelalterlichem Kern. Bei Montbeliard (Mömpelgard) begegnet dir im Peugeot-Museum die Vergangenheit des Zweirades. Der Autohersteller produziert seit mehr als einem Jahrhundert auch Fahrräder und führt seine Schätze vor – vom Hochrad der Vorväter bis hin zu Rennmaschinen, auf denen Größen wie Bernard Thévenet die Tour de France gewannen.

Besançon erreichst du spektakulär, weil der Radweg längs eines Schiffstunnels durch ein Felsmassiv und dann direkt in die Altstadt führt. Gekrönt wird sie von der Zitadelle, die das Wahrzeichen der Stadt ist. Hier gibt es mehrere Museen, darunter auch das der Zeit, was kein Wunder ist. Die Uhrmacherindustrie, einst von ausgewanderten Schweizer Familien begründet, ist noch heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Stadt. Wer für dieses und andere Museen keine Zeit erübrigen mag, kann sich die Stadt, die nie zerstört wurde, mit ihrer Kathedrale, den vornehmen Bürgerhäusern und verschwiegenen Plätzen und Innenhöfen ansehen.

Außer Radwandern und Radrennen gibt es noch eine weitere Disziplin, für die die Franche-Comté einen Namen hat. Der Jura ist ein Traum für Mountainbiker, schon mehrfach fanden hier Weltmeisterschaften statt. Ausgangspunkt für viele Routen ist das Plateau von Métabief. „Man kann tagelang unterwegs sein und muss trotzdem keine Strecke zweimal fahren“, sagt Yannik Prysbor, der geführte Touren anbietet. Auch Anfänger können reinschnuppern, es gibt rund um den Lac Point Strecken aller Schwierigkeitsgrade.

In Kehren und Serpentinen 

Eine der schönsten sollten allerdings nur Mountainbiker befahren, die etwas Erfahrung und einigermaßen leistungsfähige Lungenflügel haben. Sie führt zum mehr als 1.000 Meter hoch gelegenen ehemaligen Fort Mahler. Gleich gegenüber liegt auf einer Felsspitze ein Chateau als Blickfang. Dahinter erstreckt sich unten das Doubstal. Bergab geht es in Kehren und Serpentinen nach Pontarlier. Hier könnten wir uns zur Belohnung eine „grüne Fee“ gönnen, wie die legendäre Kräuterspirituose Absinth auch heißt. Sie wurde in dieser Gegend kreiert, Pontarlier gilt als Absinth-Hauptstadt. Wir lassen die Gelegenheit aus und bleiben vorerst sportlich.

Andererseits wäre es schade, nur asketisch zu leben. Wir sind schließlich in Frankreich, dem Land mit der europaweit höchsten Genussmenschendichte. Auch in der Franche-Comté weiß man zu würdigen, was Küche und Keller auf den Tisch bringen. Zu den Spezialitäten zählen Würste und Schinken, die über Hartholzspänen geräuchert werden, feine Käsesorten wie der weiche Mont d’Or, der von einer Fichtenrindenschicht umgeben ist, und für die Kehle der Vin Jaune, also Gelbwein. Der heißt nicht nur so, sondern sieht auch so aus und tendiert vom Geschmack her in Richtung Sherry.