Die Mauer gibt es tatsächlich nicht mehr. Die Mauer, an der wir alle jeden Abend hockten. Lässig zurückgelehnt in wackligen Plastikstühlen und ein San Miguel in der Hand. Die Mauer, über die wir unsere Zigarettenkippen schnippten, bis sich diese irgendwann knöcheltief zwischen Unkraut und stacheligen Kakteen auf dem Nachbargrundstück angehäuft hatten. Die Mauer ist Legende. Noch heute triffst du in der ganzen Welt Leute, die hier auch schon einmal ihre Füße hochgelegt haben.

Wenigstens gibt es die „Fonda Pepe“ noch, die Kneipe, zu der die Mauer gehörte. Und auch den zottelbärtigen Julian gibt es noch, den Sohn des alten Pepe, der nun auch schon tot ist. Und er scheint immer noch die alten Pullover von früher aufzutragen, und in seinen Augen hinter der dicken Brille liegt immer noch der gleiche stoische Blick, wie damals, wenn er sich durch das Gewusel an der Mauer quetschte, um die leeren Bierflaschen einzusammeln.

Fonda - Das erste "Hotel" auf Formentera 

„Fonda“ bedeutet im Spanischen so viel wie Gasthaus, aber auch Gästehaus. Und in der Tat. Die „Fonda Pepe“ war eines der ersten Häuser auf Formentera, in denen Touristen übernachten konnten. In einem Gebäude gleich auf der anderen Straßenseite der Bar und Tag und Nacht argwöhnisch bewacht von Rosalia, die auch morgens um 4 Uhr aus ihrem Stuhl hochschoss, wenn einer der Gäste versuchte, ein Mädchen mit aufs Zimmer zu schmuggeln. Nicht, dass sie etwas dagegen gehabt hätte. Rosalia hatte ein großes Herz. Aber bei ihr für „lau“ zu übernachten, das ging ihr dann doch zu weit.

In den frühen 1960er Jahren war das, als dich noch die „Joven Dolores“ auf die Insel brachte. Eine Stunde oder auch mehr brauchte das alte Fährschiff von Ibiza, bis es sich ächzend und stöhnend durch die Wellen gestampft hatte.

Heute braucht das schnellste Schiff knapp eine halbe Stunde, und die Fähren verkehren im 90-Minuten-Takt. Und aus den Duschen in den Hotels und Ferienappartements tröpfelt nur noch selten Salzwasser. Formentera ist längst nicht mehr der Geheimtipp von Hippies und Alternativen. Die Insel ist endgültig angekommen im Zeitalter des Massentourismus. Und trotzdem hat sich die kleine Schwester von Ibiza ihren eigenen, manchmal immer noch störrischen Charme bewahrt.

Erfolgreich wehrten sich die knapp 10.000 Einwohner immer wieder gegen den Bau eines Flughafens, der bei einer Insellänge von gerade mal 19 Kilometern auch nicht ohne erhebliche Eingriffe in das Landschaftsbild zu bauen wäre. Und obwohl Ibiza gerade einmal neun Kilometer entfernt liegt, hast du auch heute noch das Gefühl, plötzlich eine andere Welt zu betreten.

Formenteras einzigartige Stimmung

Zugegeben, vielleicht nicht gerade in der Hochsaison, in den Monaten Juli und August, wenn Scharen von Italienern (und zunehmend auch Russen) die Insel in Beschlag nehmen und die Fährschiffe die Tagestouristen von Ibiza ausspucken, die dann auf gemieteten Motorrollern über die Insel knattern.

Aber wenn sich dann die Sonne neigt, und das letzte Schiff zurück nach Ibiza abgelegt hat, ist es wieder da: dieses unvergleichliche Licht, die Bewohner, die jetzt vor ihren Häusern sitzen, diese einzigartige Stimmung der Insel, ja dieses fast schon Magische, das in den 60ern und 70ern schon berühmte Bands wie Pink Floyd oder King Crimson angezogen hat. Und wenn du dann oben auf der „La Mola“ stehst, an der Ostspitze, direkt neben dem alten Leuchtturm, 192 Meter unter dir noch die Unendlichkeit des Meeres, willst du nicht aufhören, diese magischen Momente festzuhalten.

Grandioser Blick vom Leuchtturm 

Vielleicht schaffst du es ja heute Nacht auch gar nicht mehr zurück in dein Bett. Vielleicht stöpseln in dem kleinen Dorf El Pilar de la Mola auf dem Hochplateau gerade ein paar Musiker ihre Gitarren in die Verstärker. Nicht weit von der Mühle, in der sich damals auch Bob Dylan für ein halbes Jahr zum Songschreiben zurückgezogen haben soll. Denn über diesen Mythos streiten sich auch heute noch die alten Formentera-Kenner, von denen so manche mittlerweile ihr eigenes Häuschen auf der Insel haben. Genauso wie darüber, warum Nina Hagen eigentlich Hausverbot in der „Fonda Pepe“ bekam. Bis heute. Denn Julian hat ein Gedächtnis für seine Gäste wie ein Elefant, und verschwiegen ist er auch, wie eine Auster.

Womit wir wieder bei der Mauer wären. Der Mauer, die es eigentlich doch noch gibt. Denn ihre Steine stehen noch. Nur, dass es keinen Sinn mehr hat, sich dorthin zu setzen. Du würdest auf die kahle Wand eines Hauses gucken, das mittlerweile auf dem Zigarettenfeld entstanden ist. Ein Klotz mit vier Eingängen, geplant als Wohnhaus mit kleinen Läden im Erdgeschoss. Ein Haus, das immer noch leer steht.

Denn seit Jahren gibt es Rechtsstreitigkeiten, ob es je hätte gebaut werden dürfen. Die Bewohner sind halt etwas störrisch hier. Immer noch. Und es glaubt auch niemand auf der Insel im Ernst daran, dass das Haus wieder abgerissen wird. Aber viele träumen insgeheim davon. Und von der alten Mauer, und von den alten Zeiten …