Sieben-Sterne-Hotels, Mega-Projekte, Wolkentürme: Immer höher, immer pompöser, immer verrückter – Dubai kennt keine Grenzen. Gigantismus, der seinen Preis hat. Der Stauwahn startet bereits in den Wohntürmen: beim Warten auf den Fahrstuhl.

Auf den Straßen soll neben der Metro ein neues Radwegenetz Entlastung bringen und neue Urlaubergruppen in den Wüstenstaat locken. Mit Fahrradtouren! Dubais Zukunft: Drahtesel und Dromedare?

Mission Impossible? Radwege gegen Stau

„Bicycle? Bicycle-Shop? You mean Motorbike?“ Der Taxifahrer schaut völlig irritiert in den Rückspiegel. Fahrräder und Dubai – das kann sich der Inder beim besten Willen nicht vorstellen. Nicht hier, wo die „Locals“ mit ihren Jeep Cherokees am liebsten sogar noch zum Klo fahren würden.

Drive-through hat sich so etabliert, dass es auch da gut funktioniert, wo man eigentlich gar nicht durchfahren kann: Ein Emirati steigt nicht aus dem Wagen, wenn er beim kleinen Lebensmittelgeschäft um die Ecke Milch und Brot holen will. Man fährt im dicken SUV vor den Shop, hupt ein paar Mal kräftig, bis ein kleiner Inder raus springt und die gewünschten Lebensmittel direkt zum Auto bringt. Klar, dass dieser freundliche indische Taxifahrer sich absolut nicht vorstellen kann, dass zwei Ausländer hier in Dubai in ein Fahrradgeschäft wollen. Hat er sich verhört? Sind diese Leute vielleicht verstört? Arme Gastarbeiter fahren Rad, aber nicht reiche Urlauber. Er unternimmt einen letzten Versuch, seine Fahrgäste von dieser unglaublichen Idee abzubringen: „I know a fantastic Harley-Shop.“

„No, no! Bicycle-Shop, at Sheik Zayed Road.“ Hier in Dubais bester Einkaufsstraße, in der im Januar Mega-Rabatte beim Shopping-Festival Millionen in den Wüstenstaat locken, dominiert seit ein paar Jahren ein Deutscher die Biker-Szene. Dreimal in der Woche organisiert Wolfgang Hohmann Fahrradtouren durch das Emirat. „Das Geschäft läuft hervorragend“, sagt der sichtlich zufriedene Schwarzwälder, der 2002 seine Wüsten-Filiale eröffnete und heute sogar den Scheichs seine für den Popo maßgeschneiderten Fahrrad-Sättel verkauft.

Dubai on Bike. Radtouren beginnen schon im Morgengrauen. Um sechs Uhr ist Startschuss. Um diese Zeit sind die Temperaturen noch erträglich und das Verkehrsaufkommen ganz leidlich. Ein, zwei Stunden später wäre es wohl lebensgefährlich. Im Moment jedenfalls noch.

Erstes Ziel ist die Kamelrennbahn „Nad Al Sheba“ an der Oud Metha Road. Hier finden dreimal wöchentlich Rennen der bis zu 45 Stundenkilometer schnellen Dromedare statt. Kurz nach Sonnenaufgang kommen die Kameltreiber aus der Wüste zurück und füttern die Tiere mit Weizen, Hafer und Datteln und führen sie in ein spezielles Kamelschwimmbad, das bei den Tieren für Entspannung sorgen soll. Auf gut ausgebauten Straßen geht es weiter. Vorbei an der Pferderennbahn, vorbei an zahlreichen Moscheen, vorbei an unzähligen Riesen-Kränen in Richtung Meer.

Dubai ist eine einzige gewaltige Baustelle. Es gibt nicht einen Stadtteil, der wirklich fertig wäre. Alles ist im Umbruch, überall entstehen komplett neue, futuristische Stadtteile auf dem Sand der Wüste und auf dem Wasser des Persischen Golfes. „If you can dream it, you can do it!”, steht auf den Werbeplakaten. Vom Fahrrad wirkt alles noch gigantischer. 

An der Jumeirah Beach Road gibt es sogar schon einen richtigen Fahrradweg. Zeit für einen Stopp: Das Sieben-Sterne-Hotel Burj Al Arab fasziniert, auch wenn es viel kleiner aussieht, als es auf den Postkarten wirkt. Der feine weiße Sandstrand, das schöne Jumeirah Beach Hotel – leider bleibt nicht genug Zeit für ein Frühstück.

Ein ganzer Stadtteil für 100.000 Menschen

Weiter geht es an der Küste entlang stadtauswärts Richtung Dubai Marina. Hier liegen millionenteure Jachten aus aller Welt. Ein ganzer Stadtteil für rund 100.000 Menschen.

Gegenüber der Marina entstehen weitere 89 Hochhäuser, die Jumeirah Lake Towers. Dubai wächst an allen Ecken und Enden und stößt immer weiter ins Wasser und in die Wüste vor. Ganze Stadtteile werden aus dem Boden gestampft: zum Beispiel Sports City, das Quartier „The Lagoon“, Dubai Silicon Oasis (in Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley) oder die Falcon City of Wonders, ein Stadtteil mit maßstabsgetreuen Nachbauten der Sieben Weltwunder sowie dem Eiffelturm oder dem indischen Taj Mahal.

Nach zwei Stunden endet die Fahrt wieder an ihrem Ausgangspunkt. Zwei Stunden, nach denen du die Stadt mit anderen Augen siehst. Auch wegen der Schattenseiten – zum Beispiel der riesigen Mülldeponien, schön versteckt und mit überdimensionalem Stacheldrahtzaun. In Dubai gibt es keine Müllverbrennung, kein Recycling, keine Abfallgebühren und schon gar keine Mülltrennung. Also wird alles in die großen Mülltonnen am Straßenrand geworfen, dann in die Wüste gekarrt und dort abgeladen.

Große Radtour mit den „Dubai Roadsters“

Wer mehr Rad in Dubai erleben will, kann bei Wolfgang Hohmann ausgedehnte Touren außerhalb der Stadt buchen. Viermal die Woche startet die große Tour rund um die Stadt mit den „Dubai-Roadsters“. Ein Begleitfahrzeug sorgt dann für zusätzliche Sicherheit der Biker-Karawane. Ein Unternehmen für Mutige. Denn Biken in Dubai bleibt trotz allem ein Abenteuer. Zu viele Emirati drehen am Steuer ihrer Autos einfach durch und bringen ihre Mitmenschen durch ausgefallene Fahrmanöver in Lebensgefahr. Wohl mit ein Grund, warum der Schwarzwälder keine Stadttouren anbietet.

Vor allem die jungen Emirati-Männer zwischen 18 und 25 sind für rücksichtslose und brandgefährliche Fahrmanöver bei hoher Geschwindigkeit berüchtigt. Nächtelang kurven sie mit ihren Porsche Cayennes aus Langeweile durch die Stadt, starten wilde Beschleunigungsrennen oder drehen mit quietschenden Niederquerschnittsreifen so lange Mad-Max-Kreise um die eigene Achse, bis der Reifen platzt.

Radfahrer werden schnell Opfer

Radfahren? Für diese jungen Krawallfahrer unvorstellbar. Hilfsarbeiter aus Pakistan oder Indien, „Lohn-Sklaven“, fahren Rad, aber kein Emirati. Folglich werden Radfahrer schnell Opfer. Jüngster Auto-Horror für die Biker: ein Zündunterbrecher, der ein paar Sekunden Benzin in den Zylinder und dann das Gemisch mit voller Wucht explodieren lässt. Und wann schalten die Emirati den Unterbrecher am liebsten ein? Klar, wenn sie an einer Gruppe Radfahrer vorbeifahren und den entsetzten Gesichtern der verschreckten Radfahrer hinterhergrinsen können.

Trotz der jungen, wilden SUV-Rowdys – der Emir setzt auf die Drahtesel. Vom 43. Stock des Büroturms der Emirates Towers verfolgt Muhammad Bin Rashid Al Maktoum das schnelle Wachstum seiner Stadt und weiß, dass er den Stauwahnsinn allein mit dem milliardenteuren Metro-Projekt nicht bekämpfen kann.

Die Verkehrsbehörde seines Emirats (RTA) will bis zum Jahr 2020 Radwege in einer Gesamtlänge von 900 Kilometern bauen. Auch die Navigation durch den dichten Verkehr Dubais soll durch die neuen Wege erleichtert werden. So werden die Radwege beispielsweise mit Schildern zu den U-Bahn-Stationen ausgestattet und an mehr als 100 Stellen sollen spezielle Fahrradständer aufgebaut werden, natürlich auch an jeder neuen Metro-Haltestelle.

Mission Impossible? Wetten, dass es schon bald zum ersten Wettrennen zwischen Dromedar und Drahtesel kommen wird. In Dubai ist alles möglich…