Es gibt dort noch eine Redensart: Käme der legendäre Entdecker Kolumbus heute zurück, wäre dies die einzige Antilleninsel, auf der er sich immer noch heimisch fühlen würde. Da könnte was dran sein.
 
Unverändert fallen die grünen Berge steil ins Meer ab, immer noch sind viele Kuppen mit Regenwald überzogen. Die Zahl der Straßen ist überschaubar, große Hotels suchst du vergebens.
 
Im Inselinneren sind Wasserfälle und heiße Quellen nur zu Fuß zu erreichen. Die Unzugänglichkeit hat auch dafür gesorgt, dass die 751 Quadratkilometer kleine Commonwealth-Republik ihre Naturschätze bewahren konnte. Heute setzen die Einwohner verstärkt auf Ökotourismus – und zwischenzeitlich auf Johnny Depp als beschwipsten Piraten: Die Insel diente als Schauplatz für die Hollywoodfilme von „Fluch der Karibik“.

Dominica: Schnorchelrevier und Filmkulisse

Über eines würde sich Kolumbus womöglich aber doch wundern: über die Reggae-Musik, die in dem 17 000-Seelen-Hauptstädtchen Roseau lautstark aus den Boxen dringt. Auch mit den zahlreichen Rastafari könnte der Entdecker vermutlich wenig anfangen. Und warum Menschen Spaß daran haben, ihre Köpfe unter Wasser zu halten, würde er wohl auch nicht verstehen. Doch gilt das Champagner-Riff im Inselsüden als eines der besten Schnorchelreviere der Karibik.
 
Vulkanische Gase perlen zwischen bunten Fischen und Korallen – daher der Name. Und noch etwas ist auf Dominica anders: Hier leben noch rund 3000 Nachfahren der indianischen Ureinwohner, die auf anderen Inseln kaum noch zu finden sind. Die Spanier hatten die Kariben, die sich selbst Kalinago nennen, im Jahr 1503 zur Versklavung freigegeben. Viele starben an eingeschleppten Krankheiten. Auf Dominica entkamen die Ureinwohner in Rückzugsgebiete in den Bergen. Anfang des 20. Jahrhunderts überließen die Briten den Kalinago ein Reservat an der Ostküste zur Selbstverwaltung, in dem bis heute ein Häuptling das Sagen hat.

I am Dominica

Für eilige Gäste führen die Bewohner im eigens errichteten Museumsdorf Folkloreshows auf. Aber du kannst dich dem „Karib Territory“ auch zu Fuß nähern. Am besten an der Seite von Derrick. Er arbeitet als Guide, wohnt selbst in dem Gebiet – und legt gerne zu Hause einen Zwischenstopp für einen Plausch mit Mutter, Freundin und Baby ein. Zur Erfrischung gibt es für den Gast ein paar besonders schöne Exemplare der Sternfrucht, direkt vom Baum gepflückt.

Der Regenwald als Apotheke

Immer an der Steilküste entlang geht es dann weiter, vorbei an Häusern, von denen viele kleiner und ärmer aussehen als anderswo auf der Insel. Wo immer Derrick eine Plastikflasche erspäht, räumt er sie beiseite. Aus einer Grundschule dringt Kinderlachen, Frauen und Männer arbeiten auf Süßkartoffelfeldern, an Holzschuppen an der Straße wird geschnitztes Kunsthandwerk verkauft. Geradezu idyllisch zwischen Palmen findet sich ein katholischer Friedhof. In der dazugehörigen Kirche dient ein Kanu als Altar. Das immerhin ist ungewöhnlich. Aber sonst? Leben die Kalinago denn anders als andere Inselbewohner? „Nein“, sagt Derrick und grinst. Einer seiner Brüder studiert dank eines Stipendiums in Venezuela, ein anderer betreibt eine Autowerkstatt. Er selbst hofft auf eine Zukunft als Musiker.
 
Allerdings sind die wirtschaftlichen Probleme der Kalinago noch größer – besonders seit sich mit dem Bananenexport kaum mehr Geld verdienen lässt. So jedenfalls sieht es Kevin Dangleben, Chef im Museumsdorf. Das Kalinago-Territorium gelte als das am wenigsten entwickelte Gebiet auf Dominica. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen sei arbeitslos, die Inselregierung schaffe mit Hausbau-Projekten nur vorübergehend Linderung. Umso wichtiger ist es nach Danglebens Worten, die eigene Kultur zu bewahren: Das Wissen der Altvordern werde gezielt gesammelt, beispielsweise der beinahe verschüttete Erfahrungsschatz über den Regenwald als Pflanzenapotheke.
 
Künftig können Besucher Teesorten aus einheimischen Kräutern und Gewürzen kaufen. Die Verpackungen mit dem „Kalinago“-Schriftzug zeigt Dangleben stolz vor. Entspannungstee nach Kalinago-Art für gestresste Kreuzfahrttouristen: So gehen Fremdenverkehr und der Erhalt der indianischen Kultur Hand in Hand. Das ist noch so eine Errungenschaft, über die sich ein Eroberer namens Kolumbus wohl sehr gewundert hätte.

Mit dem „Buschmann“ zum kochenden See

Eine Wanderung ins „Valley of Desolation“, ins Tal der Verwüstung, zum „Boiling Lake“ – das klingt nicht einladend. Doch zum Glück ist ja „Peter, der Buschmann“ bei dieser spektakulären Tour dabei. So nennt sich Peter Green selbst, offizieller Guide mit Kniestrümpfen und brüllendem Löwenkopf auf khakifarbener Kleidung.
 
Ein Profi der Selbstvermarktung ist der 47-Jährige auf jeden Fall: Erst einmal präsentiert er ein Fotoalbum, in dem vor allem eine Person zu sehen ist: „Peter, der Buschmann“ beim Sprung in einen Wasserfall, Peter, der an einer Liane durch den Dschungel schwingt, Peter beim Ei-Kochen in einer heißen Quelle. Doch kaum sind wir in den Regenwald des geschützten Nationalparks Morne Trois Pitons eingetaucht, entpuppt sich der Buschmann als kundiger Führer. Hier entdeckt er eine faustgroße Landkrabbe, dort eine Schlange. Auch einen Blick für die Orchideen am Wegesrand hat er.
 
Nach einer Stunde schweißtreibendem Auf und Ab über glitschige Pfade sagt Peter: „Jetzt haben wir uns langsam warm gelaufen.“ Aha. Dann wird klar, was er meint: Der üppige Regenwald – wohl der artenreichste der ganzen Karibik – endet plötzlich, und wir steigen von 1000 Höhenmetern hinab ins Tal der Verwüstung. Schwefelhaltige Nebel wabern, Schlammtöpfe blubbern, warme Bäche müssen passiert werden. Vegetation gibt es kaum mehr, dafür bunte Mineralien wie aus dem Farbtopf des Teufels. Längst hat sich Peter mineralhaltige Kriegsbemalung ins Gesicht geschmiert. Was stören da noch heftige Regenschauer?
 
Nach gut zweieinhalb Stunden sind wir da: am „Boiling Lake“. Nur: Wir sehen den See gar nicht. Erst als der Wind den Dampf wegpustet, wird der Blick in den Krater frei. Das Wasser kocht tatsächlich. Der Rückweg geht in die Beine, doch dieses Naturphänomen war alle Anstrengung wert. Und eine Visitenkarte von Buschmann-Peter gibt‘s am Ende auch noch.