Durch die tief hängenden Wolken brechen sich die ersten Sonnenstrahlen. Es wird ein schöner Tag. Und das Blubbern der Harley „Fat Boy“ zwischen meinen Beinen – hört es sich nicht schon nach Vorfreude pur an? Vorfreude auf die rund 30 Kilometer, die vor mir liegen. Vorfreude auf eine, wenn nicht  die schönste Küstenstraße der Welt.

Motorradhelm auf, ein letzter Blick zurück auf das geschäftige Treiben auf der Küstenpromenade von Camps Bay – und dann erst einmal gemächlich einrollen. Gemächlich, denn es wäre Frevel, diese Straße nicht Meter für Meter zu genießen. Schon der erste Ausblick ist atemberaubend: Links von mir erheben sich bis zu 800 Meter hoch die „12 Apostel“, die Ausläufer des Tafelbergs bei Kapstadt, und rechts von mir öffnet sich der Blick auf den unendlichen Atlantik. 

Der Fahrtwind ist mild. Die Luft fühlt sich wie Seide an, und auf dem ersten Parkplatz döst eine Pavian-Familie auf der Mauer. Wartend darauf, dass hier die ersten Touristen halten, die so leichtsinnig sind, ihre Tüten mit Reiseproviant offen im Auto liegen zu lassen.

Unterwegs mit Mietwagen aus Kapstadt

Die Sonne zerpflückt inzwischen immer mehr Wolken. Hinter der nächsten Kurve taucht vor mir ein knallroter 40 Jahre alter Jaguar E-Type auf, und mich durchzuckt der Reflex, Gas zu geben und ihn zu überholen. Doch halt! Sind wir nicht gerade deshalb hier, um einmal unser Leben ein paar Gänge herunterzuschalten?

Der Jaguar stoppt in Llandudno, einem kleinen Dorf ohne Restaurants, Cafés oder Souvenirläden, fast auf der Hälfte der Strecke. Hier stehen nur teure Häuser, würdig des Besitzers eines solchen Oldtimers. Doch zu meiner Überraschung entpuppt sich der Fahrer nach einer kurzen Begrüßung ebenfalls als Tourist, als Bauingenieur aus der Schweiz. Und den Jaguar hat er in Kapstadt gemietet. „Grandios, nicht wahr?“, fragt er mit kehligem Schweizer Akzent, und ich weiß nicht so recht, ob er damit nur die Häuser meint oder die Landschaft.

Geschichte der Küstenstraße "Chappie"

An der Mautstation in Hout Bay, am Beginn des Chapman’s Peak Drive, treffe ich ihn wieder. 30 Rand muss er für die nächsten knapp zehn Kilometer und 114 Kurven zahlen, die vor uns liegen. Ich für mein Motorrad nur 19 Rand. Wahrlich kein Geld, wenn man die Geschichte dieser Straße kennt.

Schon nach den ersten paar hundert Metern nämlich bekommt man eine Ahnung davon, welch eine Qual es gewesen sein muss, diese Straße in die steil ins Meer abfallenden Berge zu meißeln. Das Vorhaben galt zunächst als undurchführbar. Bis sich 1915 der Geologe Charl Marais daran machte, das Unmögliche zu wagen. Mit der Muskelkraft hunderter italienischer Kriegsgefangener, die hier jahrelang schuften mussten. Egal, ob unter sengender Sonne oder durchnässt bis auf die Knochen in den Winterstürmen um das Kap der Guten Hoffnung. Viele von ihnen ließen ihr Leben, begraben unter Steinschlägen.

Doch sieben Jahre später, 1922, war es soweit: Der Durchbruch nach Nordhoek war geschafft. Doch die Strecke sollte auch noch nach ihrer Fertigstellung immer wieder ihre Opfer fordern: Immer wieder lösten sich aus dem Bergmassiv Felsbrocken, die auf die Straße fielen, oder Autofahrer kamen trotz der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von (damals) 20 Stundenkilometer auf dem regennassen Asphalt ins Schleudern und stürzten in die Tiefe.

Chapman' Peak Drive seit 2013 wieder befahrbar

Mit der fortschreitenden Motorisierung häuften sich die Unfälle, und als im Jahr 2000 ein gewaltiger Steinschlag fast 30 Prozent der Straße verschüttete, schien das Aus gekommen. Der Staat hatte kein Geld, die Straße zu sanieren. Sie wurde geschlossen. Erst als ein privates Konsortium die Straße für 30 Jahre pachtete, ging es an den Wiederaufbau. Die Entabeni Pty Ltd. installierte für über 150 Millionen Rand riesige Fangnetze und sprengte an zwei besonders gefährlichen Streckenabschnitten einen Tunnel bzw. einen Halbtunnel in den Fels. Seit Dezember 2003 kann der Chapman’s Peak Drive wieder befahren werden.

Ein Hauch von Ewigkeit in Südafrika

„Grandios!“ entringt es sich ein weiteres Mal aus des Schweizers Kehle, als wir uns am „Peak“ zum dritten Mal treffen an diesem Tag, 600 Meter über der Gischt schäumenden Chapman’s Bay. Und wieder weiß ich nicht so recht, ob er damit die Ingenieurskunst seiner Kollegen meint oder die überwältigende Küstenlandschaft.

Aber es ist nicht der Moment, genauer nachzufragen und viel zu reden, wenn ein Hauch von Ewigkeit dich umfängt und deine Augen sich zu verlieren beginnen in den Wellen unter dir. 

2015 habe ich schon einmal hier gestanden. Und im Jahr zuvor und ein Jahr davor auch. Es ist ein magischer Ort, wie ich ihn selten gespürt habe auf meinen Reisen. Das überwältigende Gefühl, das dich hier umfängt, ist immer noch so intensiv wie beim ersten Mal. Wahrscheinlich bin ich inzwischen so was wie süchtig geworden nach diesem Ort. Und ich werde auch im nächsten Jahr wieder hier her kommen. Den „Chappie“ wieder fahren. Das nächste Mal vielleicht in einem alten roten Jaguar?