Nach Mittelerde fliegst du nicht einfach, du reitest auf einem Drachen. Ein solches Feuergeschöpf ziert das Flugzeug von Air New Zealand. An Bord werden die Reisenden von Elben-Stewardessen begrüßt, die im Sicherheitsvideo erklären, dass die Atemmasken im Notfall auch für Orks taugen. Wie sich die Fluggesellschaft als offizielle Linie Mittelerdes vermarktet, so locken zahlreiche Veranstalter Touristen nach Neuseeland, dem Reich der Hobbits, Zwerge und Elben. 

Hier in seiner Heimat hat Peter Jackson die Romane von J. R. R. Tolkien verfilmt, „Herr der Ringe“ und den „Hobbit“. Damit hat der Regisseur Wellington zur internationalen Filmhochburg „Wellywood“ gemacht, wie ein Plakat in der 200.000-Einwohner-Stadt verkündet. Auf einem anderen steht: „Mitte von Mittelerde“. Dabei ist Neuseeland von Europa aus gesehen am anderen Ende der Welt gelegen, rund 30 Stunden dauert die Anreise. Gerade diese Abgeschiedenheit und die dünn besiedelten Landschaften machen den besonderen Reiz dieses Landes aus.

Neuseeland: Willkommen im Auenland

Schäfchenwolken, Vogelgezwitscher, saftig grüne Wiesen und nirgendwo ein Hinweis auf moderne Zivilisation: In Hobbingen auf der Nordinsel wähnt sich der Besucher tatsächlich im idyllischen Auenland. Hier beginnt das „Herr der Ringe“-Abenteuer und auch die „Unerwartete Reise“ von Hobbit Bilbo.

Für viele Tolkien-Fans führt jedoch vielmehr eine „lang erwartete“ Reise an diese zur ständigen Attraktion umgewandelte Filmkulisse. Bis zu 2.000 kommen pro Tag, jeder vierte deutsche Neuseelandbesucher kehrt in den dorfeigenen Pub zum Grünen Drachen ein, in dem ein Schild zum „Rauchringwettbewerb“ einlädt und es köstliche Steakpasteten und selbst gebrauten Cider gibt.

45 Hobbit-Höhlen stehen in Hobbingen

„Die Hobbits schätzen ihr Essen und ihr Bier“, sagt Farmbesitzer Russell Alexander, der seinem Bruder die Schafzucht überlassen und sich ganz auf den Tourismus konzentriert hat. Er erzählt, wie Peter Jackson Apfelbäume pflanzen und dann jedes einzelne Blatt und jede Frucht durch Pflaumen ersetzen ließ. „Ein Originalpflaumenbaum hätte nicht die richtige Höhe im Verhältnis zu den Hobbit-Darstellern gehabt“, erklärt er. Diese Detailversessenheit des Regisseurs preisen die Neuseeländer immer wieder. Es klingt, als hätte sich eine ganze Nation verbündet, um Mittelerde wahrhaftig werden zu lassen.

Jede einzelne der 45 Hobbit-Höhlen ist liebevoll und detailgetreu gestaltet, die Behausungen von Imker, Käsemacher und Zimmermann sind an ihren Arbeitsutensilien zu erkennen. In den Vorgärten wachsen Margariten, Kornblumen, Lavendel und Klatschmohn, Kohl und Kartoffeln. Die ausgetretenen Steinplatten wirken so, als wäre gerade erst jemand vorbeigelaufen.

Feenlichter, Schaukelstuhl, Briefkästen mit Turteltaubenmotiv, getrocknete Blumen und Hufeisen an den runden Eingangstüren in Himmelblau oder Honiggelb schaffen eine Gemütlichkeit, dass wir gleich einziehen möchten. Rund um den riesigen „Partybaum“ am Ufer eines Weihers lädt eine Wiese zum Verweilen ein. Im Souvenirshop gibt es neben haarigen Hobbit-Füßen-Hausschuhen auch Kuriositäten wie Nagelknipser.

Film-Requisiten auf neuseeländischer Farm

Noch verschont vom Massentourismus ist die verwunschene Farm „Hairy Feet Waitomo“ wenige Autostunden entfernt. Satte 22 Minuten Filmmaterial für den „Hobbit“ wurden hier aufgenommen, unter anderem die Troll-Lagerfeuerszene. Das spektakuläre Kalksteinmassiv, das am Horizont aufragt, ist allein schon einen Besuch wert. Von den Dreharbeiten sind Relikte wie ein Vogelhäuschen geblieben sowie eine Bodenmarkierung für den Bilbo-Darsteller Martin Freeman.  

No, that is not a wolf. #hairyfeetwaitomo #thehobbit #Bilbo #middleearth #newzealand

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Die Farmbesitzerin Suzie Denize versteckt das gelbe Plastikband schnell wieder unter einer Schicht Moos: „Nicht, dass die Filmcrew zurückkommt und es mitnimmt.“ Sie erzählt, wie ein Location Scout eines Tages an ihre Bauernhoftür klopfte und ihr weitläufiges Weideland für Schafe und Rinder plötzlich von 500 Filmleuten bevölkert war. Auf ihren familiären Touren weist sie Besucher auf die einheimische Fauna hin, etwa den Silberfarn oder den knotigen Märchenwaldbaum Mahoe.

Tolkien-Fans können auf unterschiedliche Weise auf den Spuren der Hobbits wandeln. Barfuß etwa wie Rita Davies, die mit ihren grauen Locken, den Lachfalten und dem Wollpullover ein wenig an einen Hobbit erinnert, mit bloßen Füßen durch den Abel-Tasman-Nationalpark im Norden der Südinsel führt und von dem Respekt der Maori vor kleinen magischen Wesen erzählt.

Geschichten von Feen und Zwergen verbinden offenbar die Kulturen. Stilecht im Sinne der vorindustriellen Tolkien-Saga geht es zu Pferde über die wild zerklüfteten Bergrücken am nahe gelegenen Farewell Spit. Eine Schafsherde schaut nur müde auf, wenn sich die Reiter auf dem Weg zum Gipfel durch sie hindurchschlängeln. Das Kliff ist nicht nur Kulisse des Ausritts, sondern auch des „Hobbit“. Der paradiesische Strand der Golden Bay wurde im Film digital entfernt – in Tolkiens Geschichte ist vom Meer keine Rede. 

Dennoch hat Mittelerde auch für Bootliebhaber etwas zu bieten: Auf dem Pelorusriver in der Weinregion Marlborough wurde die Verfolgungsszene gedreht, in der Orks die in Weinfässern auf dem Fluss treibenden Zwerge angreifen. Das Licht reflektiert sich im jadegrünen Wasser, marmorfarbene Kiesel säumen das Flussbett.

Mini-Stromschnellen sorgen bei Kanufahrern für einen beschleunigten Herzschlag. Peter Jackson kannte diesen Ort von Familienausflügen aus seiner Kindheit, konnte sich aber nicht mehr an die Stelle erinnern. Seine Mitarbeiter suchten monatelang danach, erst kurz vor Drehbeginn wurden sie fündig. 

Besonders eindrücklich vermittelt sich die Magie der Landschaft bei einem Helikopterflug über den Mount Owen in der Nähe des Ortes Nelson im Norden der Südinsel. Am Horizont ragen die Nebelberge in die Höhe, von denen die alten Zwergenlieder zeugen. Die schiere Macht der Felsen lädt diesen Ort mythisch auf. „Geistertal“ nennen die Maori die Schlucht, hinter der sich in den „Herr der Ringe“-Filmen das Tor zur Zwergenwelt Moria versteckt. In dieser Gegend wurde auch die große Entscheidungsschlacht am Rande des Drachenhortes gefilmt, von dem der letzte „Hobbit“-Film handelt.

"Herr der Ringe"-Tour ab Wellington

Mit dem Bus fährt die „Herr der Ringe“-Tagestour von Wellington aus Pilgerstätten für Tolkien-Anhänger ab. Im Elbenwald Rivendell kannst du als Legolas mit Schwert posieren, in Isengard als Zauberer Saruman. In der von Trollen bewachten „Weta Cave“, dem Labor für Spezialeffekte, dürfen die Besucher zuschauen, wie aufwendige Waffen oder ein trageleichtes Kettenhemd gebastelt werden. Tourleiter Jack Machiela ist auf eine ansteckende Weise geekig: Jeder Baum, der in einer Filmszene vorkam, ist ihm heilig. Ein bisschen Nerd musst du wohl auch sein, um Teil der Mittelerde-Familie zu werden.

Neuseeland erinnert stark an die englische Landschaft, die Tolkien beim Schreiben vor Augen hatte. Die britische Kultur prägt die ehemalige Kolonie bis heute, am Nachmittag laden Cafés zum „High Tea“, Fish und Chips gehören neben den landesspezifischen grünen Riesenmuscheln zum Nationalgericht. Auch die englische Aussprache erinnert ans Britische, wenngleich das „e“ eher wie ein lang gezogenes „ä“ klingt.

Der Herr der Ringe und die Maori

Zugleich ist die Kultur der Maori, die die Inseln im 13. Jahrhundert besiedelten, allgegenwärtig, in den Ortsnamen oder in den auffälligen Gesichtstätowierungen vieler Menschen. Tolkien hat sich eher von nordischen Mythen wie der Nibelungensage inspirieren lassen, über die Maori hat er wohl weniger nachgedacht.

Doch bei näherem Hinsehen lassen sich dennoch Gemeinsamkeiten finden: Die Maori glauben, dass sich die Toten nach ihrer Rückkehr zur Erdmutter Papatuanuku wieder auf den Weg zum Ursprungsland der Maori jenseits des Meeres nach Polynesien machen. Diese Vorstellung ähnelt Tolkiens Idee, dass die Elben sich am Ende ihres Zeitalters auf eine Schiffsreise in ihre alte Heimat begeben. Auch die Idee, dass ein Gegenstand – bei Tolkien ist es der Ring – Macht speichert und mehrt, findet sich bei den Maori, die dem grünen Jadestein diese Kraft zusprechen.

Das Te Papa Museum  in Wellington vermittelt die Kultur der Maori auf anschauliche Weise. Nach dem Besuch wird sich der Reisende nicht mehr wundern, dass viele neuseeländische Ortseingänge von Schnitzfiguren mit zur Seite herausgestreckter Zunge geziert werden – ein Symbol des Willkommens.

Wie Gollum in den Waitomo-Höhlen

Schon als Fünfjähriger wurde Angus Stubbs von Forschern in die engen Löcher der Waitomo-Höhlen im Zentrum der Nordinsel abgeseilt, damit er ihnen berichten konnte, was er dort sah. Als Jugendlicher erkundete er das Höhlensystem auf eigene Faust, rutschte auf Schlamm durch enge Gänge, nur mit einer Kerze als Licht. Damals stellte er sich vor, dass Gollum, Tolkiens lichtscheue Gruselgestalt, hier hausen würde. 

Jahrzehnte später kam der Gollum-Darsteller Andy Serkis tatsächlich in die Waitomo-Höhlen, um sich auf seine Rolle einzustimmen. Auch alle unterirdischen Tonsequenzen für die Mittelerde-Filme wurden hier aufgenommen. Für den Tolkien-Fan Stubbs war es das Größte, als seine 13-jährige, nach dem Hobbit Pippin benannte Tochter den Schauspieler Billy Boyd mit einem Hobbit-Lied aus dem Film zu Tränen rührte.

60 Meter unter der Erde herrscht eine ätherische Stimmung. Es riecht feucht, und unzählige Glühwürmchen erleuchten die Decke. Die Maori nennen sie „Sterne, die sich im Wasser spiegeln“. Beim näheren Hinsehen entpuppen sie sich als spaghettiähnliche Fäden – Mückenlarven, die durch ihr Licht Insekten anlocken.

Wie ein künstlerisches Wachskabinett wirken die Tropfsteingebilde. In der Ferne rauscht ein Fluss, mit ein bisschen Fantasie klingt es wie das Flüstern Gollums. Was Normalsterblichen eine Gänsehaut zaubert, bedeutet für Stubbs Heimeligkeit. Eines Tages möchte er sich selbst eine Hobbit-Höhle bauen. „Wenn man sich so lange wie ich unter der Erde aufgehalten hat, fühlt sich das sehr sicher und normal an“, sagt er.

Wer sich nach dem Besuch der Höhle als Gollum wähnt, kann sich seinen „Schatzzzz“ bei Halfdan Hansen besorgen. Sein 1999 verstorbener Vater hatte für die Filme den Ring der Macht geschmiedet. Sein Sohn, der mit seinem Spitzbärtchen wie ein Renaissance- Maler aussieht, führt die Tradition weiter. In einem unscheinbaren Geschäft in dem niedlichen Küstenort Nelson lassen sich neben Repliken des Ringes für bis zu 2000 Euro auch erschwinglichere Schmuckstücke erstehen.

Letzte Station auf Neuseeland: Schicksalsberg

Letzte Station Schicksalsberg. Hier hinein, in den mit Schneezuckerguss beträufelten Vulkan Ngauruhoe, warf Frodo im Film den Ring, um die Macht Saurons zu brechen. Dafür musste er eine beschwerliche Reise zurücklegen, dem Tod oft näher als dem Leben. Diese Strapazen kann der Neuseelandbesucher ein Stück weit nachempfinden, wenn er die acht-stündige Wanderung „Tongariro Crossing“ auf sich nimmt. 

Der Name des aktiven Ngauruhoe hat eine düstere Herkunft: Es ist der Name des Sklaven, den die Maori einst opferten, um den Vulkan zu besänftigen. Sauron als Feuergott, eine bezwingende Vorstellung. Mythos und Realität verschmelzen an diesem Ort. Weinrotes schottisches Heidekraut und die für Honig bekannte Manukapflanze sind die einzigen Farbtupfer in der kargen Lavalandschaft.

Wenn der Wind den Regen ins Gesicht peitscht, die Füße beim Überqueren eines Gebirgsflusses nass und die Beine immer schwerer werden, während immer neue unheimliche Schemen sich plötzlich aus dem Nebel lösen – dann ist das „Mordor“-Gefühl sehr intensiv.

Auf der Hälfte des Weges wünscht sich der Wanderer vielleicht gar, es möge ein Ork kommen und ihn erlösen. Doch am Ende siegt der Stolz, sich selbst überwunden und sich dem Abenteuer und der Natur gestellt zu haben. Und das ist schließlich die Essenz aus Tolkiens Geschichten.