Folge 1

Der „Hamburger Hügel“ ist ein Gebirgszug im Osten Mallorcas zwischen Santanyi und Manacor . Offiziell nennt sich der Landstrich „Serra de Llevant“. Aber weil sich an den sanften Berghängen viele Hanseaten eine Finca gebaut haben,  heißt die Gegend eingedeutscht „Hamburger Hügel“. Und nun sind diese Hamburger von ihrem Hügel gelockt worden. Zu einer besonderen Kreuzfahrt auf einem Schiff, das nur so heißen kann:  „Hamburg“. Gut fünfzig Mallorca-Residenten wollen nachschauen, ob es hinterm Horizont vor der Haustür wirklich weitergeht. Genau wie die anderen, die aus der deutschen Heimat angereist sind. Das Schiff ist mit vierhundert Passagieren ausgebucht. Gegen Mitternacht verlassen wir Porto Pi, den Hafen von Palma. In der Ferne funkeln die Lichter der Playa de Palma, dem einstigen Epizentrum des Massentourismus. Kreuzfahrtschiffe, die in Palma ablegen, steuern in der Regel Häfen wie Barcelona, Marseille oder Civitavecchia an. 

Die Kathedrale der Heiligen Maria steht in der spanischen Hafenstadt Palma. Im Volksmund wird sie La Seu genannt.
Die Kathedrale der Heiligen Maria steht in der spanischen Hafenstadt Palma. Im Volksmund wird sie La Seu genannt. Foto: Uwe Bahn

Unser Ziel heißt La Savina auf Formentera. Der kleine Ort hat gerade mal fünfhundert Einwohner. Mit der „Hamburg“ verdoppeln wir deren Anzahl für diesen Vormittag. Nach Formentera verirrt sich selten ein Kreuzfahrtschiff. Eine Fähre schon eher, die pendelt im halb-Stunden-Takt von Ibiza hinüber.

Die MS Hamburg liegtMee vor Formentera.
Die MS Hamburg liegt vor Formentera. Foto: Uwe Bahn

Frühnebel hat sich über die Küste der kleinsten Balearen-Insel gelegt. Wir sitzen im ersten Tenderboot, das uns zum Anleger bringt. 

Mit dem Tenderboot an der Küste von Mallorca entlang düsen.
Mit dem Tenderboot an der Küste von Mallorca entlang düsen. Foto: Uwe Bahn

Formentera, einstiges Aussteigerparadies und beliebte Hippie-Hochburg, hat sich seine Ursprünglichkeit bewahrt. Hier haben sie heute noch Blumen und nicht Gel im Haar. 

La Savina ist der erste Ort, den du auf Formentera betreten wirst, denn hier liegt der Fähranleger.
La Savina ist der erste Ort, den du auf Formentera betreten wirst, denn hier liegt der Fähranleger. Foto: Uwe Bahn

Wir mieten uns standesgemäß ein Fahrrad, dessen Bremsen noch aus der Woodstock-Ära stammen. Auf der Straße zur Hauptstadt Sant Francesc Xavier stoppen wir. Ein weißes Haus fällt uns auf. Es ist verziert mit farbenfrohen Eidechsen, Schmetterlingen und kunstvollen Fabelfiguren. Eine Dame öffnet, tritt aus einer alten blauen Holztür hervor und zeigt uns ein Foto.

Schoppi: Ein kreativer Kopf auf Formentera
Schoppi: Ein kreativer Kopf auf Formentera Foto: Uwe Bahn

Schoppi hieß der Künstler, der hier sein Atelier hatte. Ein Berliner Aussteiger, der die Hippie-Kultur auf Formentera maßgeblich geprägt hat. 2007 ist er gestorben. Aber hier leben seine Betonskulpturen weiter. An der Straße nach San Francisco. Das passt. Wir haben das Gefühl, auf einer organisierten Bustour hätten wir Schoppis Atelier niemals entdeckt.

Schoppis Atelier auf Formentera wirst du kaum übersehen.
Schoppis Atelier auf Formentera wirst du kaum übersehen. Foto: Uwe Bahn

Natürlich tauchen wir nicht wirklich in das Flair von Formentera ein, schaffen nicht die „Platja de Mitjorn“, einen der beliebtesten Strände. Besuchen auch nicht den Hippiemarkt von El Pilar. 

Folge 2

Wir nippen fünf Tage an den Balearen, aber immerhin viel individueller als auf so manch anderer Kreuzfahrt. An Bord der Hamburg ist das Gitarrenduo „Los Vagabundos“ zu Gast, zwei Musiker, die auf Ibiza leben und uns mit der Fähre entgegengefahren sind. Denis und Barish heißen die beiden,  die auch nach San Francisco passen würden. Als die Hamburg den Ankerplatz vor La Savino verlässt, ertönen die ersten spanischen Gitarrenklänge auf dem Sonnendeck. Die beiden Musiker schaffen eine ganz besondere Atmosphäre auf den zwölf Seemeilen zwischen Formentera und Ibiza.  Die Passagiere spüren: Dieses ist eine einzigartige Kreuzfahrt, abseits der bekannten Autobahnen, auf denen die 130.000 BRZ-Schiffe durchs Mittelmeer furchen.

.Die Jungs von Los Vagabundos sind auch schon auWacken Open Air aufgetreten.
Die Jungs von Los Vagabundos sind auch schon auf dem Wacken Open Air aufgetreten. Foto: Uwe Bahn

Auf dem Weg nach Ibiza passieren wir die „Isla de Espalmador“, eine private Balearen-Insel, 137 Hektar groß. Sie steht zum Verkauf. Für 36 Millionen Euro. Soviel Bordguthaben haben selbst die Gäste vom Hamburger Hügel nicht dabei.

.Vom Hafen aus hast du eine wundervollen Blick auf die Altstadt von Ibiza.
Vom Hafen aus hast du einen wundervollen Blick auf die Altstadt von Ibiza. Foto: Uwe Bahn

Nach knappen zwei Stunden erreichen wir schon die nächste Balearen-Insel. Früher war der Kreuzfahrtterminal von Ibiza direkt vor der Altstadt und die Passagiere fielen von der Gangway ins Nachtleben. Heute machen die Schiffe auf der anderen Seite des Hafenbeckens fest. Wir auch.

Ibiza liegt ca. 90 Kilometer östlich des spanischen Festlands. Die nächstgelegene Großstadt ist Valencia.
Ibiza liegt ca. 90 Kilometer östlich des spanischen Festlands. Die nächstgelegene Großstadt ist Valencia. Foto: Uwe Bahn

Bis 3 Uhr nachts. Ibiza eben. Die Tanztempel sind in der Vorsaison meist noch geschlossen und David Guetta mixt in Mailand oder Melbourne. „Crucero walk“ steht auf unserem Abend-Programm, der Gang durch die Altstadt „Dalt Vila“. Für den harten Kern an Bord. Denis und Barish begleiten uns. Zu Fuß und auf der Klampfe. Mit Blick auf das maurische Kastell wirken die Songs ihrer spanischen Gitarren noch intensiver.

Über der historischen Altstadt von Ibiza-Stadt thronen Kastell und Kathedrale und warten auf Touristen mit Fotoapparaten oder Smartphones.
Über der historischen Altstadt von Ibiza-Stadt thronen Kastell und Kathedrale und warten auf Touristen mit Fotoapparaten oder Smartphones. Foto: Uwe Bahn

La Bodega Ibiza heißt unsere kulinarische Einkehr. Allein dafür, erzählen die Mallorca-Residenten, lohnt es sich schon nach Ibiza zu fahren. In der Tat: Bessere Tapas habe ich noch nirgends gegessen, als in dieser quirligen Bar ganz in der Nähe der Stadtmauer.

Ibiza: Ausgelassene Stimmung in den zahlreichen Cafés der Altstadt.
Ibiza: Ausgelassene Stimmung in den zahlreichen Cafés und Bars der Altstadt. Foto: Uwe Bahn

Und als wir zum Finale auch noch in das ehrwürdige Teatro Pereyra einkehren, ist das Landgangsende akut gefährdet. Das Teatro ist DJ-freie Zone, der Ort für Livemusik. An diesem Abend feinster Soul. Mit dem allerletzten Bus erreichen vierzig Nachtschwärmer gegen 2.30 Uhr die Hamburg. Vielleicht waren es auch ein paar Minuten später. 

Folge 3

Am nächsten Mittag wollen wir wieder auf Mallorca sein. Nein, nicht in Palma. Der Hamburg lässt vor Port de Sòller den Anker ins Mittelmeer tauchen. Ein Kreuzfahrtschiff vor der Westküste Mallorcas wirkt wie eine Fata Morgana. „Wir müssen das Schiff drehen, damit die Passagiere auf der Lee-Seite in die Tenderboote einsteigen können“, erklärt der  Kapitän das Manöver. Und sieht dabei sehr skeptisch aus. Selbst auf der windstillen Seite ist der Wellengang zu hoch. Das Tenderboot wird zur Walnussschale. Die Entscheidung ist gefallen: Kein Port de Sòller - wir kreuzen weiter. Die Panoramafahrt entlang der felsigen Westküste Mallorcas wird zu einem der Höhepunkte dieser Reise. Keiner der Passagiere hat das Tramuntana-Gebirge jemals aus dieser Perspektive gesehen. Fast wie die Fjorde Norwegens, nur ohne schneebedeckte Berge.

Das Schiff "Hamburg" liegt vor der Westküste Mallorcas.
Das Schiff "Hamburg" liegt vor der Westküste Mallorcas. Foto: Uwe Bahn

Das Timing ist perfekt: Zum Sunset erreichen wir den größten Naturhafen des Mittelmeers: Mahòn auf Menorca. Ein Erlebnis ist die Einfahrt in diesen Hafenfjord. Sechs Kilometer, die nur kleineren Kreuzfahrtschiffen vergönnt sind.

Liegeplätze in Mahon kannst du ganz bequem mieten.
Liegeplätze in Mahon kannst du ganz bequem mieten. Foto: Uwe Bahn

Mahòn wird nicht das Schicksal von Dubrovnik oder Tallinn erleiden, die von Kreuzfahrttouristen überschwemmt werden. Baixamar heißt das Hafenviertel und die Hamburg hat genau an der Flaniermole festgemacht. Von dort sind es nur wenige Schritte, die wir hinaufgehen in die Altstadt.

Mahons Yachthafen ist voll mit Booten.
Mahons Yachthafen ist voll mit Booten. Foto: Uwe Bahn

Mallorca ist fünfmal größer und fünfmal hektischer. Selbst die Markthalle, in der es natürlich den Inselkäse gibt, wirkt gechillt. Gefühlte acht Stunden sitzen wir an einem der beiden Tische der Tapasbar „Sa Bodega“  an der Plaça de la Constitució.

Für Feinschmecker - Der aromatische Mahón-Menorca-Käse aus Rohmilch
Für Feinschmecker - Der aromatische Mahón-Menorca-Käse aus Rohmilch Foto: Uwe Bahn

Hier wird nicht automatisch die deutsche Speisekarte aufgeschlagen, es gibt sie gar nicht. Ich könnte bleiben, aber morgen sind wir wieder in Palma. Die wichtigste Information zum Schluss: Der höchste Berg auf Menorca misst gerade mal 358 Meter. Das ist ungefähr so hoch wie der Hamburger Hügel.