Überall funkeln Neonlights

Bleibe ich in meiner Kabine oder vertrete ich mir noch die Beine in der Stadt? Nein, nicht in Fort Lauderdale, da haben wir längst abgelegt. Die Stadt, das ist die „Oasis of the Seas“, wir sind auf See. Als ich das erste Mal in der Royal Promenade auf Deck 5 stehe, halte ich Ausschau nach einem hilfsbereiten Crewmitglied, das mir den Unterkiefer wieder hochklappt. Eine Straße auf einem Schiff. Mit Shops, Bars, Restaurants. Überall funkeln Neonlights - es könnte auch der Las Vegas Strip sein. Allein dieser Bord-Boulevard ist länger als manch’ anderes Kreuzfahrtschiff.

Die erste Royal Promenade gab es auf der Voyager of the Seas, die im November 1999 ihren Dienst aufnahm.
Die erste Royal Promenade gab es auf der Voyager of the Seas, die im November 1999 ihren Dienst aufnahm. Foto: Uwe Bahn

Am Eingang steht ein alter Auburn Speedster Tribute aus dem Jahre 1936. Jeder der 6200 Passagiere dürfte am Ende der Reise dieses Motiv auf seiner SD-Karte haben.

Schicke Flitzer auf dem Kreuzfahrtschiff ernten neidische Blicke von den Gästen.
Schicke Flitzer auf dem Kreuzfahrtschiff ernten neidische Blicke von den Gästen. Foto: Uwe Bahn

„Am 5. Tag ist in der Royal Promenade die „Seventies Dance Party“, erzählt Drew, der Cruise Director. Der Kanadier ist für die gesamten Aktivitäten an Bord zuständig.

Drew Cruise ist der Chef auf der Oasis of the Seas.
Drew Cruise ist der Chef auf der Oasis of the Seas. Foto: Uwe Bahn

Vom Big Band Dancing mit dem Oasis-Orchester im Dazzle auf Deck 8 bis zur großen „Cats-Show“ im Opal-Theatre auf Deck 4 und 5. Das ist ganz am Ende der Straße. Dort stehe ich vor der Starbucks Filiale und fühle mich, wie Crocodile Dundee, als er aus dem australischen Busch nach Manhattan kommt.„Sechzig Aktivitäten haben wir jeden Tag“, zählt Drew durch. Eine davon ist die Revue im Eisstadion, das sich hinter der Tür von „Studio B“ verbirgt, direkt unter der Royal Promenade. Moment, wo war die jetzt?

Auf der Oasis of the Seas kannst du auch Wintersport betreiben, nämlich Eislaufen.
Auf der Oasis of the Seas kannst du auch Wintersport betreiben, nämlich Eislaufen. Foto: Uwe Bahn

Zeit für den Rückzug, Eindrücke sortieren, ordnen, durchatmen.  Die Kabine ist der einzige Ort, der so auch auf „Mein Schiff 3“ oder „AIDA stella“ sein könnte. Der Rest ist eine andere Galaxie. 

Einige Kneipen & Passagiere sind voll

Wir sind in Nassau. Dort, wo ich im Januar 2002 zum ersten Mal auf ein Kreuzfahrtschiff gegangen bin, auf die „Astor“ von Transocean. 21.000 Tonnen, 578 Passagiere. Überwältigt war ich damals. Wow, was für ein riesiges Schiff. Und nun, vierzehn Jahre später, bin ich das zweite Mal hier auf den Bahamas. Mit der „Oasis of the Seas“, die ist zehnmal größer als die Astor.

Die Oasis of the Seas ist das größte und revolutionärste Kreuzfahrtschiff, das je gebaut wurde! Auf insgesamt 16 Decks finden 5400 Passagiere ihren Platz.
Die Oasis of the Seas ist das größte und revolutionärste Kreuzfahrtschiff, das je gebaut wurde! Auf insgesamt 16 Decks finden 5400 Passagiere ihren Platz. Foto: Uwe Bahn

Und Kreuzfahrt ist längst nicht mehr ausschließlich für jene, die es schon im Kreuz haben. Es boomt. Neben uns liegt die „Norwegian Getaway“, daneben die „Majesty of the Seas“, einen Liegeplatz weiter die „Norwegian Sky“. Achja, die „Carnival Ecstasy“ hat gerade abgelegt.

Sint Maarten heißt die freundliche Insel. Frankreich und Holland auf einer Insel erleben.
Sint Maarten heißt die freundliche Insel. Frankreich und Holland auf einer Insel erleben. Foto: Uwe Bahn

Die Karibik-Kneipen von Nassau sind voll, einige Passagiere auch. „Senor Frogs“ heißt der Laden am Ende des Woodes Rodgers Walk, der Hafenpromenade. Aus langen Plastik-Kelchen schütten sie mit der bekannten all-inclusiv-Gier den Strawberry Daiquiri in die vollschlanken Körper.  

.Volle Hütte: Die sogenannten Senor Frogs in Nassau sind gut besucht.
Volle Hütte: Die sogenannten Senor Frogs in Nassau sind gut besucht. Foto: Uwe Bahn

Bahamas goes Ballermann.  Das Schild vor der Pirate Republic Brewing Company hätte vor zehn Jahren auch an der Playa de Palma auf Mallorca stehen können: „Beer is the answer, but...I don’t remember the question...“.

Gemütliches Lokal am Kreuzfahrthafen Nassau Bahamas.
Gemütliches Lokal am Kreuzfahrthafen Nassau Bahamas. Foto: Uwe Bahn

Der knurrende Magen schickt mich zurück aufs Schiff. Gastronomisch ist es auf der „Oasis of the seas“ für diese Masse von Menschen erstaunlich zivil. Selbst das Büffet-Restaurant „Winderjammer Marketplace“ wirkt nicht überlaufen und geordnet. Natürlich haben amerikanische Mägen in der Regel eine andere Kapazität und Priorität: Burger, Saucen, Diet Coke (die wenig bringt). „Johnny Rockets“, der Hamburger Laden, ist die perfekte Kulisse dafür, hier hätte auch - der späte - Elvis sitzen können.

Johnny Rockets ist eine amerikanische Hamburger-Restaurantkette, die im Stil der American Diners der 1950er Jahre gehalten ist.
Johnny Rockets ist eine amerikanische Hamburger-Restaurantkette, die im Stil der American Diners der 1950er Jahre gehalten ist. Foto: Uwe Bahn

Für alle, die die Burger-Bude finden wollen: Direkt hinter dem Kinderkarussell  auf dem Boardwalk, der zweiten Hauptstraße, Deck 6, steuerbord. Der Boardwalk ist unter freiem Himmel und führt direkt hinunter zum Meer, wo das Aqua theatre das Heck abschließt.

Die Karussels auf dem Schiff kommen bei den Kids gut an.
Die Karussels auf dem Schiff kommen bei den Kids gut an. Foto: Uwe Bahn

Beim kulturbefreiten „Bauchklatscher-Contest“ erkennen wir einige aus den Bahama-Bars wieder. Zehn Decks höher johlen Japaner. Gerade hat es einen von ihnen vom Brett gerissen und gegen die Seitenwand geklatscht. Stürmischer Applaus auf der gut gefüllten Tribüne beim Flowrider, dem Surfsimulator, im Heck auf Deck 16. Zwei Scouts helfen dort den Laien auf die Bretter, und dann geht es wieder hinauf auf die künstliche Welle.

Der Flowrider auf der Oasis of the Seas ist besonders für die Kids der absolute Renner.
Der Flowrider auf der Oasis of the Seas ist besonders für die Kids der absolute Renner. Foto: Uwe Bahn

Ein ganz anderes Abenteuer gleich nebenan. Gesichert wie ein Bergsteiger am Nanga Parbat, stehen wagemutige Passagiere auf der Absprungrampe. Unter ihnen zehn Decks freier Fall und der tiefe Blick zum Boardwalk. Über diese Schlucht gleiten nun die Freiwilligen an einem Seil bis zur gegenüberliegenden Reling, geschätzte 75 Meter werden es sein. 

Sport auf der Oasis: Wer hier hangelt muss mutig sein.
Sport auf der Oasis: Wer hier hangelt muss mutig sein. Foto: Uwe Bahn

Botox in der Beauty-Welt

Eine ganze andere Art von Gesundheitsbewusstsein auf Deck 6, ganz vorne: Spa und Fitness.  Die Cardio-Abteilung wirkt wie ein riesiger Geräteschuppen, ein paar Pflanzen würden der Atmosphäre guttun, aber die stehen ja alle im Central-Park. Charlie, die Spa Managerin zeigt mir die Beauty-Welt der „Oasis of the Seas“. Die ganze Palette der Behandlungen steht natürlich auch hier im Folder, aber dann doch auch etwas ganz Spezielles: Botox. Zwei Ärzte kümmern sich nur um die faltigen Gesichter der Kundschaft, die sie gerne geglättet haben möchten. „Manche Gäste kommen nur dafür an Bord, weil Lifting und Botox an Land viel teurer ist“, erzählt Charlie mit einem gestrafften Lächeln. Dabei klappt sie eine Broschüre mit vorher/nachher-Bildern auf. 

Central Park auf der Oasis: Ein großes Schiff braucht einen großen Garten.
Central Park auf der Oasis: Ein großes Schiff braucht einen großen Garten. Foto: Uwe Bahn

Frühstück im Central Park. Es ist die Oase auf der Oasis, die Botanik an Bord. Palmen, Schlingpflanzen, Olivenbäume. Das ist der Ort, an dem sich Tarzan und Jane wohlfühlen würden. Ich sitze im Park Café, habe mir einen Cappuccino und drei Croissants geholt und tippe diese Zeilen ins Macbook. Vögelgezwitscher kommt aus jedem Busch und dann kommt Lazlo. Ich habe mich mit dem Ungarn verabredet, denn er hat einen Job, den gibt es auf keinem Schiff: Lazlo ist Gärtner. Wobei das deutlich untertrieben ist. „Landscape Specialist“ steht auf seinem Schild, Gartenbauarchitekt also, er hat den ganzen Central Park geplant und ist zusammen mit drei Mitarbeiten der grüne Daumen an Deck.

Lazlo Oasis arbeitet als Gärtner auf einem Kreuzfahrtschiff.
Lazlo Oasis arbeitet als Gärtner auf einem Kreuzfahrtschiff. Foto: Uwe Bahn

Früher hat Lazlo auf dem Festland in Florida tropische Gärten angelegt, seit 2009 tut er das auf den Mega-Schiffen von Royal Caribbean: Hier auf der „Oasis of the Seas“, dem Schwesterschiff „Allure of the Seas“ und auch auf dem dritten Giganten, der „Harmony of Seas“, die dieses Jahr zu Wasser gelassen wurde. Über tausend Pflanzen und Bäume gedeihen hier im Central Park auf Deck 8. Beim „Walk in the Park“ erzählt mir Lazlo, dass seine Jungs eigentlich ständig zurückschneiden müssen. Es wächst und gedeiht wie auf einer karibischen Insel. Wenn sie den Wildwuchs zulassen, haben die Passagiere irgendwann Efeu in der Kabine. Jeder noch so kleine Busch steht in einer eigenen Box, wird einzeln künstlich bewässert. Im Boden von Deck 8 laufen viele elektronische Leitung für die Royal Promenade. Und wenn die Jungs bei einem Kurzschluss immer erst den gesamten Park roden müssen, wäre das mehr als beschwerlich. Während die Flora echt ist, kommt die Fauna vom Audio-System, verrät Lazlo. „Wir haben hier 55 Lautsprecher versteckt, aus denen das Vogelgezwitscher kommt.“  War eigentlich klar. Aber manchmal gesellen sich tatsächlich richtige Vögel zu den digitalen Kollegen – der Central Park ist oben offen. Sogar echte Geckos laufen hier rum und fangen sich echte Fliegen. Heute Abend werde ich zum letzten Mal durch den Central Park gehen, denn hier sind die besten Restaurants an Bord. Vom Steakhouse „Chops Grill“ bis zum Gourmettempel „150 Central Park“.  Und vielleicht nehme ich noch einen Absacker in der Stadt, der Royal Promenade auf Deck 5.

Royal Promenade in der Stadt
Royal Promenade in der Stadt Foto: Uwe Bahn

Eine Woche auf der „Oasis of the Seas“, das ist bei Landgängen grenzwertig. Ja, wir waren auch an Land. In St. Thomas und auf Sint Maarten, dort mit fast 20.000 anderen Passagieren. Da bleibt einer Karibik-Insel keine Luft mehr zum Atmen. An Bord habe ich tatsächlich meine Oase auf der Oasis gefunden. Vielleicht zelte ich beim nächsten Mal im Central Park. 

Harmony of the Seas

Seit Mai 2016 fährt die „Harmony of the Seas“, das jetzt größte Kreuzfahrtschiff der Welt mit einer Tonnage von 227.000 BRZ.  Mit maximal 6360 Passagieren und 2300 Crew-Mitgliedern kreuzt das Schiff in der Sommersaison ab Barcelona im westlichen Mittelmeer. Highlights an Bord: „Ultimate Abyss“, eine Wasserrutsche über 10 (!) Decks, die „Bionic Bar“, in der Roboter die Cocktails mixen und Innenkabinen mit virtuellen Balkonen. Mehr Infos hier.