Der kleine Radiowecker auf dem Tresen zeigt „12:00 a.m.“ an – genau der richtige Zeitpunkt für ein kräftiges Frühstück oder Spiegelei mit Baked Beans? Die Speisekarte im „Little Momma‘s“ (mittlerweile leider geschlossen) lässt kaum einen Wunsch offen – vorausgesetzt,  du bestehst nicht auf Schweinefleisch. Das Café, das eigentlich aussieht wie eine Strandbar, liegt mitten in Malaccas Chinatown, doch trotzdem wirst du das Gefühl nicht los, in einem Pub in Malibu zu sitzen: An den Wänden hängen Schallplatten von Deep Purple, und aus einem uralten, aber offensichtlich noch funktionierenden Gitarrenverstärker leiert „Papa Was A Rolling Stone“ von den Temptations.
 
Des Charmes nicht genug. Wer weiß, dass es im hinteren Teil des Bistros, wo es eigentlich eher nach Privatwohnung aussieht, auch noch Plätze gibt, den erwartet ein fantastischer Ausblick auf Malaccas „Geheimpromenade“. Durch die verschlafene Altstadt schlängelt sich ein kleiner Fluss (der übrigens auch „Malacca“, bzw. „Malacca-River“ heißt) mit vielen kleinen Anlegern und Stegen, auf denen es sich wunderbar die Füße im Wasser und vor allen Dingen die Seele baumeln lässt.
 
Richtig schön wird es aber erst, wenn du dich in eines der zahlreichen Fluß-Cafés in Chinatown setzt. Tagsüber zeigt sich die Promenade geschäftig in einem farbenprächtigen Kleid aus Blumen und Girlanden, während sie abends zur Flaniermeile unter Lichterketten und Lampions für die einheimische Bevölkerung wird. Genau die richtige Kulisse für viele junge Paare.

Chinesisches Mondfest in Malacca

Übertroffen wird diese bunte Lichterpracht nur noch um das Chinesische Mondfest herum, im September (der genaue Zeitpunkt richtet sich nach dem Mondzyklus), wenn die Stadt in einen regelrechten Deko-Rausch verfällt und jeder noch verbleibende Quadratzentimeter mit Bannern, bunten Glühbirnen und Aufklebern tapeziert wird. Egal, wo du auch hinsiehst: Entweder es blinkt, oder es leuchtet. Meistens beides auf einmal.
 
Aber auch jenseits der großen Feiertage hegt in Malacca eine liebenswert exotische Vorliebe für Kitsch. So gibt es – wie vielerorts in Malaysia – auch hier überall Taxi-Trishaws (dreirädrige Rickschas), in denen du dich für ein mehr oder weniger angemessenes Entgelt herumkutschieren lassen kannst. Doch werden diese in Malacca mit Blumenschmuck förmlich übergossen. Getoppt wird das gewöhnungsbedürftige Aussehen nur noch von einer Dauer-Beschallung mit Rave- und Technomusik aus den 90ern, die du als Fahrgast genießen darfst. Wir selbst haben uns das nicht zugemutet, aber jeder Passagier, dem wir auf der Straße begegnet sind, blickte zumindest verzückt drein, wobei einige regelrecht ekstatische Freudenschreie ausstießen.
 
Mittlerweile ist fast eine halbe Stunde vergangen, seit wir unserem Lieblingscafé den Rücken gekehrt haben, um im Antiquariat nebenan nach deutschen Büchern zu stöbern. In einem Regal entdecke ich den Roman „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach und ich erinnere mich, dass ich ihn schon einmal vor Jahren angefangen habe zu lesen, aber ihn schon nach ein paar Seiten wieder zur Seite gelegt habe. War ich damals zu jung, oder lechzt nach acht Wochen Asien mein Kopf nach deutscher Sprache? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es jetzt förmlich verschlungen habe.
 
12:57 a.m. und apropos Gedrucktes: Wenn ich früher in einem Reiseführer gelesen habe, dass hier oder dort „die Uhren anders gingen“, habe ich mich mokiert über dieses Bild. Doch wenn (diese ja eigentlich unsinnige) Formulierung auf eine Stadt zutrifft, dann ist es Malacca. Es klingt fast absurd, aber dieser Stadt scheint ein eigener Willen innezuwohnen, und ich meine damit nicht nur die blumenbehängten Disko-Taxen. Nein, die Art von Tourismus, die hier regelrecht zelebriert wird, folgt ihren eigenen Regeln. Und vielleicht ist es das, was Malacca erst wirklich zum Erlebnis macht.
 
Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, dass der historische Stadtkern Malaccas seit 2008 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, fürchtete ich schon, wir würden uns demnächst mit nicht enden wollenden Warteschlangen und überteuerten Eintrittspreisen herumschlagen müssen. Doch es kam anders.

Malacca – ein kultureller Schmelztiegel

Es scheint fast, als sähen die Menschen in Malacca das Kulturgut hier nicht als Verpflichtung, es den Touristen so westlich wie möglich zu machen. Sondern vielmehr als Chance, eine kreative, charmante und vor allem authentische Tourismusindustrie aufzubauen. Frei nach dem Motto „Die Touristen kommen sowieso, worauf haben wir heute Lust?“, macht hier jeder, was er will. Vor allem die Taxifahrer.
 
Und das ist gut! Weil es mal etwas anderes ist, als du es leider vielerorts in Südostasien erlebst. Die Leute hier bleiben sich treu. Ohne dabei den historischen Hintergrund der Stadt zu vernachlässigen: Die Küstenstadt wurde schon Ende des 13. Jahrhunderts von den Chinesen als Stützpunkt für den florierenden Gewürzhandel gegründet und ist somit die älteste Stadt Malaysias. Seither wurde Malacca geprägt von den unterschiedlichsten kulturellen Einflüssen. Nach der Regentschaft eines malaiischen Sultans im 15. Jahrhundert folgten (in chronologischer Reihenfolge) eine portugiesische, eine niederländische und eine britische Herrschaft und – nicht zu vergessen – die Besetzung durch Japan während des Zweiten Weltkriegs. Heute zählt die Stadt knapp 400.000 Einwohner, ungefähr so viel wie Bochum. Doch im Vergleich dazu hat sich Malacca seinen eigenen kuscheligen Charme bewahrt.
 
Kurzum, unsere persönlichen Must-Sees: Der rote Platz (holländische Altstadt), Jonker Street und „Cheng Hoon Teng-Tempel“ und die „Straße von Malacca-Moschee“ (ja, die heißt wirklich so – benannt nach der Meeresstraße). Wer dann zu später Stunde noch wach ist, sollte sich das ganze noch einmal bei Nacht anschauen. Die abendliche Beleuchtung lädt einmal mehr zum Staunen ein.
 
Genauso wie das wunderbar angestaubte Sammelsurium an Blechautos, Perserteppichen, Scotchflaschen, Flaschenschiffen und anderen Kolonialwaren in einer der vielen Gaststätten in Malacca, die sich gerne weltgewandt präsentieren und deshalb Namen wie „Discovery“ oder „Geographer Café“ geben. Solltest du bei einer nächtlichen Erkundungstour über eines jener Juwelen stolpern, unbedingt ausprobieren. Soviel Ambiente findest du selten.
 
Wir selbst sind mittlerweile weiter gezogen, und diese Zeilen entstehen gerade auf der Couch eines Hostels in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Seit fast zwei Monaten reisen wir nun schon durch Südostasien. Wir waren in Kuala Lumpur (laut), Singapur (fast schon zu sauber), auf den Inseln Langkawi (entspannt) und Penang (war nicht unser Ding). Und eben in Malacca. Und es ist komisch, weil ich nicht weiß, womit ich die Klammern hinter dem Namen dieser Stadt füllen soll. Wahrscheinlich am besten gar nicht. Das Beste ist, sie einmal selbst zu besuchen.

Ganz abgesehen davon: „2:24 p.m.“. Zeit für ein kräftiges Frühstück. Diesmal Jakarta-Style!