Kreuzfahrt mit Italienern: La Deutsche Vita

Wie lebt es sich als deutscher Passagier auf einem italienischen Schiff? Eine Woche im westlichen Mittelmeer auf der Costa Diadema, dem größten der Reederei mit knapp 4000 Gästen.

Die Costa Diadema liefert dir Urlaubsfeeling auf die Deutsch-Italienische Art.
Die Costa Diadema liefert dir Urlaubsfeeling auf die Deutsch-Italienische Art.

Foto: Uwe Bahn

„Benvenuti a bordo“, begrüßt mich der Mann, der die Bordkarte ausstellt. Ich vermute mal, es heißt: „Herzlich willkommen an Bord“, und nicht: „Sie sind verdient Weltmeister geworden“. Wir wollen auch nicht gleich zu Beginn der Kreuzfahrt die Toleranz der italienischen Crew ausreizen. Wir sind hier in der Minderheit und sollten den Ball flach halten. Durch die vielen Mallorca-Urlaube habe ich mir ein Speisekarten-Spanisch angeeignet, aber mein Italienisch beschränkt sich auf ein paar gastronomische Grundbegriffe und Eigennamen wie „Eros Ramazzotti“. Diese Woche werde ich meinen Wortschatz erweitern, mich auf das italienische Lebensgefühl einlassen, soweit es meine Mentalität zulässt. Vielleicht werde ich einen Kompromiss finden: „La Deutsche Vita“.

Bunt ist es an Bord, besonders im Atrium, das sich über sechs Decks erstreckt. Hier war Fincantieri besonders farbenfroh. Fincantieri heißt die italienische Werft, auf der die Costa Diadema im Oktober 2014 fertiggestellt wurde. Sie ist das größte Schiff der Flotte. Costa-Schiffe erkennt jeder am gelben Schornstein mit dem großen „C“ darauf. Unter diesem Schornstein versuche ich mich nun zwischen Deck 3 und Deck 15 zurechtzufinden. Kulinarisch ist alles geklärt, es steht auf meiner Bordkarte: Ich speise abends um 18:30 Uhr im „Ristorante Fiorentino“ an Tisch 577, erste Tischzeit. Dort treffe ich dann doch einige Landsleute, die Italiener sind fast komplett in der zweiten Speise-Schicht. Ein anderer Biorhythmus. Kellner schwirren um die Tische, notieren sich „Antipasto“, „Primo piatto“ und „Secondo piatto“ von uns. Im „Fiorentino“ wird serviert. Heute ein siebengängiges Menu, dessen eingedeutschten Gänge ein wenig von der kulinarischen Raffinesse nehmen: „Knusprige Pasta-Teigtasche aus Kaninchen, Huhn und Ente“ klingt im italienischen Original einfach anders. Die Italiener lieben Motto-Abende. Dazu später mehr. Wir werden nicht nur „Bella Italia“ an Bord, sondern auch an Land erleben: Civitavecchia, La Spezia und Savona sind die drei italienischen Häfen der Tour.

Deutsch-Italienische Kreuzfahrt mit der Costa Diadema

Civitavecchia, die erste Station, der erste italienische Landgang. In Kreuzfahrt-Katalogen wird der Hafen gerne als „Rom“ aufgeführt und manch ein Japaner an Bord wundert sich, dass die Costa Diadema nicht direkt vor dem Kolosseum festmacht. Unser Bus Nr. 42 hält genau dort. Ein Treffpunkt, den selbst die Orientierungslosen wiederfinden, denn unser Ausflug heißt „Rom auf eigene Faust“. Je näher wir den touristischen Hotspots, wie Pantheon, Cappella Sistina oder Piazza Navona, kommen, desto höher schnellen die Pizza-Preise nach oben. Letztlich essen wir aus purem Mitleid in der Pizzeria Faciolaro in der Via dei Pastini. Wir hätten Danielo nicht sagen sollen, dass wir Deutsche sind. Herzerweichend erklärt er uns, dass er so fürchterlich leidet, weil sein Club Milan in der Championsleague keine Rolle spielt und dass sein Leben nur noch einen Sinn hat, wenn wir bei ihm einkehren. Als wir es tun, ist der Herzschmerz schlagartig kuriert. Und außerdem ist er Fan vom AS Rom. Aber die Pizza war gut. Viele Stufen führen hinauf zum schönsten Blick über Rom, zur Terrazza Caffarelli des Museums „Capetolini“ direkt an der Piazza Venezia. Gut, dass mein iPhone eine Panorama-Funktion hat.

Punkt 18:30 Uhr sitzen wir wieder im „Fiorentina“ auf Deck 3 der Costa Diadema. Die Kellner tragen heute Schürzen in den Farben des Landes, auf denen „Buon Appetito!“ steht. Der italienische Abend ist legendär, sogar ein verspannter Deutscher wird an diesem Abend mindestens „al dente“. Zum Dessert greift sich ein Kellner das Mikrofon und singt den Song, der zum Ritual bei Costa gehört: „Volare!“

Die Passagiere wissen, was nun zu tun ist. Die weißen Stoffservietten werden durch die Luft gewirbelt, während schon die nächste Hymne erklingt. Irgendwas von Adriano Celentano. Das heißt: nach der Bolognese nun die Polonaise. Jeder legt die Hände auf die Schultern des Vordermannes oder der Vorderfrau. Das hier ist noch die „light“-Version, die zweite Sitzung mit den Italienern rastet dann völlig aus. Costa, das ist alles andere als eine verklemmte Kreuzfahrt. Es ist ein bisschen wie in der Rush Hour von Roms Piazza del Popolo. Es fehlt nur das Knattern der Vespas.

Cinque Terre fällt aus wegen Lokführerstreik

Die nächsten beiden italienischen Häfen heißen La Spezia und Savona. Höhere Gewalt macht uns einen Strich durch das Ausflugsprogramm. „Cinque Terre“ fällt aus. Wir werden die fünf zauberhaften Dörfer an der ligurischen Küste nicht sehen, denn die Lokführer streiken. Und mit einem Mietwagen durch die Tunnel und Serpentinen dieses spektakulären Küstenstreifens zu fahren ist mehr als eine Mutprobe.

Der Plan B lautet Porto Venere. Das Städtchen auf der ligurischen Landzunge, 12 Kilometer südlich von La Spezia, ist ein Juwel. Hinter den bunten Häuserfassaden an der Uferpromenade verstecken sich kleine Gässchen, ausgetretene Treppen und verschlungene Wege. Es riecht aus allen Küchen der Hafenrestaurants nach trocknenden Fischernetzen, nach grätenkauenden Katzen und nach Oregano. Vier Stunden Ursprünglichkeit für 2,50 € mit dem italienischen Linienbus. Der fährt.

Allerding nicht am nächsten Tag in Savona. Die Stadt ist Durchgangsstation des Radklassikers Mailand – San Remo. Die Straßen sind gesperrt – auch für öffentliche Verkehrsmittel. Wir warten vor einer Apotheke auf die Radfahrer und wundern uns, dass sie daran vorbeifahren. Die Costa Diadema liegt zentral vor der Altstadt, die Reederei betreibt hier eigene Terminals, ist der Platzhirsch und hat in den letzten Jahren zweistellige Millionen-Beträge in den Ausbau der Hafenanlage investiert. Zwei weitere Costa-Schiffe haben im Hafen festgemacht.

„Corsa Italia“ heißt die sündigste Straße Savonas - es ist die Schokoladenstraße. Hier reihen sich die Stände mit den süßesten Sachen aneinander und kein Costa Diadema-Passagier ist willensstark genug, daran vorbeizugehen. Auch der nicht, der diese Zeilen schreibt. „La Dolce Vita“ – hier ist es unübersehbar.

Kreuzfahrt: Essen, Trinken & Unterhaltung

Und schon wieder zehnmal um den gelben Schornstein. Zehn Runden gegen das schlechte Gewissen. Wie jeden Morgen. Die 220 Meter Jogging-Parcours auf Deck 14 der Costa Diadema können zwar Gelateria und Pizzeria nicht annähernd neutralisieren, sind aber immerhin ein guter Ansatz. Und im Frühtau zur See ist es fast beschaulich auf dem Schiff.

Ein paar bettflüchtige Landsleute stehen an der Reling und scheinen zu überlegen, welche Liege sie heute besetzen können. Eine Stunde später herrscht im Büfett-Restaurant auf Deck 10 ein Treiben wie beim Sonntagspicknick einer toskanischen Großfamilie. „Wer hupt hat Vorfahrt“, so die bekannte italienische Straßenverkehrsordnung. Dieses Prinzip gilt auch bei der Selbstbedienung auf dem Schiff. Dazu ist die Besatzung hier oben ganz sicher nicht im Einsatz.

Büfett-Restaurant: Wer hupt, hat Vorfahrt! 

Verantwortlicher für Food & Beverage an Bord ist der Italiener Antonio Imparato. Ein Name wie gecastet. Er kennt seine Pax-Pappenheimer aus aller Herren Länder. „Die Deutschen haben Probleme mit der Pasta, wenn sie al dente ist!“ Sie mögen es lieber wabbelig-weich. So würde es Antonio natürlich niemals formulieren. Auch nicht, dass viele Deutsche hier den Weißwein lieber lieblich trinken. Wir stehen mit ihm in der Großküche unter Deck, wo einer der Pasta-Köche gerade die nächsten Beutel Barilla aufreißt und in das überdimensionale Nudelnetz schüttet.

200 kg Pasta werden an Bord täglich vertilgt. Und 100 bis 200 Pizzen aus der Bordpizzeria „Pummid’oro“. Original neapolitanisch ist sie nicht, gibt Antonio zu. „Dazu brauchen wir einen Steinofen und Wasser aus Neapel. Das geht auf der Costa Diadema nicht.“ Entschuldigt. Die Pizza schmeckt trotzdem, ist aber nicht inklusive, sondern muss extra bezahlt werden. Ebenso wie das Erlebnis-Essen beim Japaner „Teppanyaki“, wo Kamikaze-Köche mit Messern und Pfeffermühlen jonglieren. Die Rettung für alle mit einer Pizza-Pasta-Psychose.

Costa hat Charme, der Stimmungs-Seismograf schlägt um einiges höher aus, als auf einem deutschen Dampfer. Das muss man mögen und auch die Enge, die manchmal mehr als grenzwertig ist. Eine Costa-Cruise, das ist auch eine Kreuzfahrt der Kulturen. Und so ein Integrationsgrundkurs kann auch deutschen Passagieren – gerade in diesen Zeiten – nicht schaden. „Wenn die erste Dinner-Sitzung um 18:30 Uhr beginnt, stehen die Deutschen spätestens um 18:29 vor der Tür vom Fiorentino“, lächelt Antonio. „Für die Italiener ist die Uhrzeit eine grobe Empfehlung.“

Passend legt die Costa Diadema reichlich verspätet in Savona ab. Es wird gemunkelt, ein Bus aus Süddeutschland war nicht pünktlich. Na, bitte es geht doch. La Deutsche Vita.

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Der Autor
Uwe Bahn ist der Kreuzfahrtexperte in Deutschland und Autor des jährlichen Kreuzfahrtguide. Außerdem ist er Herausgeber des Kreuzfahrtportals www.kruize.de. Als Moderator hat er si ... mehr
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