Das Azorenhoch wird maßlos überschätzt, jedenfalls von den Azoren aus betrachtet. Da können die Meteorologen zu Hause in Deutschland noch so begeistert vor ihren Wetterkarten herumfuchteln. Jetzt stehen wir trotzdem hoch über dem Lagoa do Fogo und sehen, dass wir nichts sehen.

Die Azoren und das Azorenhoch

Auf den portugiesischen Inseln im Atlantik finden Urlauber paradiesische Naturansichten – und eine unerwartet wechselhafte Wetterlage. Dabei soll es sich bei dem Kratersee auf der größten Azoreninsel São Miguel um einen der eindrucksvollsten handeln. Momentan jedoch ist die Naturschönheit in Nebel und Regen versunken. Für heute muss ein Alternativprogramm her.

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Die Azoren können nichts dafür, dass die für ihr sonniges Gemüt in Europa so beliebten Hochdruckgebiete nach dem Archipel benannt sind. Aber ihr Ursprung musste irgendwo verortet werden, und mitten im Atlantik ist nun mal sonst nicht so viel los.

Jeder Azoreaner ist ein Hobby-Meteorologe

Die außergewöhnliche Lage führt dazu, dass sich das Wetter manchmal minutenschnell ändert. Womöglich hat der Wind die graue Suppe schon eine Bucht weiter weggepustet und eröffnet schönste Ausblicke aufs blaue Meer und auf sattgrüne Wiesen, auf denen schwarz-weiße Holstein-Kühe grasen. Die Milch- und Käseproduktion ist neben Fischfang und Tourismus ein wichtiger Erwerbszweig auf den Azoren.

Notgedrungen verstehen sich die Einwohner als Hobbymeteorologen. Das digitale Zeitalter hat ihre Prognosefähigkeiten allerdings deutlich verbessert. Wer auf São Miguel einen Strandtag plant, schaut sich im Netz erst mal Webcam-Aufnahmen von verschiedenen Inselecken an. Nach der aktuellen Sonnenlage richtet sich das Ausflugsziel.

Wenn der verregnete Kratersee Lagoa do Fogo also momentan im Nebel abhandengekommen ist, fährst du eben weiter zur nächsten Attraktion im Nordwesten. Ist ja alles nah beieinander hier. Dort schimmern die pittoresken Seen Lagoa Azul und Lagoa Verde blau und grün. 

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Unten am Seeufer ruht still und friedlich das Dörfchen Sete Cidades in seiner verlorenen Kraterwelt. Oder wie wäre es, sich in die Geheimnisse der Teeproduktion einweihen zu lassen? Die Azoren sind der einzige Fleck Europas, wo gewerblich Tee angebaut wird. Es wächst hier sowieso so ziemlich alles, was du in den Boden steckst – egal ob Orangen, Bohnen, Steckrüben, Tabak oder Ananas (die allerdings in Gewächshäusern). Die übers ganze Jahr hinweg milden Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit machen es möglich.

Zwei chinesische Entwicklungshelfer klärten die Insulaner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darüber auf, welches wohltuende Getränk sich aus der Pflanze brauen lässt. So jedenfalls wird die Geschichte erzählt im Familienbetrieb Chá Porto Fomoso, wo die Besucher in einer nostalgisch angehauchten Teestube sitzen und Schwarztee schlürfen.

Cozido: Eintopf aus heißen Erdlöchern

Empfehlenswert bei Nieselwetter ist auch ein Bad in einer der vielen warmen mineralischen Quellen, die schon die Orangenbarone in früheren Jahrhunderten inspirierten, Wellnessanlagen einzurichten. Im Örtchen Caldeiras da Ribeira Grande hängt Schwefelgeruch in der Luft, in einem heißen Tümpel blubbert es.

Die Gegend sieht wie aus der Zeit gefallen aus, und tatsächlich wurden die ersten Badewannen hier bereits 1811 aufgestellt – die heutigen können nur wenig jünger sein. Die Sanierung des einstigen Badeparadieses hat begonnen. Berühmt sind die Thermalbäder von Furnas, wo mehr als 20 Quellen aus dem vulkanischen Fels sprudeln.

Der Clou: Die Einheimischen packen ihr Mittagessen in heiße Erdlöcher, wo Fleisch, Fisch, Kartoffeln und Kohl stundenlang im eigenen Saft schmoren. Cozido heißt der originell zubereitete Eintopf, den sich auch Touristen im Restaurant schmecken lassen. 

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Die größte Azorenstadt Ponta Delgada hat ein modernes Gesicht – das keineswegs nur freundlich ist. Hässliche Hotels ruinieren die Hafenpromenade mit ihren Kirchen, Klostern und Kolonialhäusern.

Hier versuchen auch die „Problemkinder“ der Azoren, sich möglichst unauffällig durchzuschlagen: Das sind die Söhne und Töchter der vielen Emigranten, die ihr Glück in den USA oder Kanada gesucht haben. Die Kinder wurden in ihrer neuen Heimat straffällig und abgeschoben. Bei den Einheimischen sind die Zwangsrückkehrer nicht besonders beliebt, stehen sie doch im Ruf, die gegen null tendierende Kriminalitätsrate zu verderben. Im Zweifelsfall werden sie gleich weiter aufs Festland abgeschoben.

Moderne und Tradition auf den Azoren

Immer wieder prallen Moderne und Tradition auf diesem Archipel aufeinander. Eben noch gleitest du auf mit viel EU-Geld gebauten Schnellstraßen, schon kurvst du wieder auf alten Platanenalleen. Milch wird hier vielfach noch in Kannen am Pferdesattel transportiert, genauso aber von Nestlé in einer eigenen Fabrik zu Pulver verarbeitet.

Jede Insel verfügt über Besonderheiten: Pico zum Beispiel ist berühmt für seinen Wein, der – geschützt zwischen Mäuerchen aus Vulkangestein – im rauen Atlantikklima reift. An Faials Westküste spuckte noch Mitte des vorigen Jahrhunderts der Vulkan Capelinhos, verschüttete ein ganzes Fischerdorf und hinterließ eine eindrucksvolle Aschewüste. 

Der Macht der Natur wird sich der Besucher auf den Azoren immer wieder bewusst, aber auch ihrer Großzügigkeit: Nach dem Urlaub, bei der Landung in Deutschland, scheint die Sonne mit ganzer Kraft vom Himmel. Das muss ein Azorenhoch sein.

Wo liegen die Azoren?

Die neun Inseln São Miguel, Santa Maria, Terceira, Graciosa, São Jorge, Pico, Faial, Flores und Corvo liegen verstreut im Atlantik: Portugal im Osten ist rund 1.600 Kilometer entfernt, bis nach Amerika im Westen ist es mehr als doppelt so weit. Im Norden könntest du bis Grönland durchsegeln, im Süden gleich bis in die Antarktis.