Die erste Radtour: 4.200 Kilometer von Berlin nach Marokko

Die erste Radtour: 4.200 Kilometer von Berlin nach Marokko

Warum lässt ein Berliner Student, der noch nie ein Fahrrad besessen hat, alles hinter sich und radelt 4.200 Kilometer von Berlin nach Marokko? Dem reisereporter hat Ahmed Khelifi (23) es verraten.

35 Tage und 4.200 Kilometer im Sattel: Ahmed Khelifi ist allein mit dem Fahrrad von Berlin nach Chefchaouen gefahren.
35 Tage und 4.200 Kilometer im Sattel: Ahmed Khelifi ist allein mit dem Fahrrad von Berlin nach Chefchaouen gefahren.

Foto: privat

Mit dem Fahrrad bis zum Supermarkt – das war die weiteste Strecke, die Ahmed vor seinem großen Abenteuer zurückgelegt hat. Mit einem geliehenen Fahrrad wohlgemerkt. Sein erstes eigenes hat er sich vergangenen Sommer gekauft, um damit gleich mal 4.200 Kilometer von Berlin nach Marokko zu fahren.

Ziemlich verrückt? „Na klar. Aber das ist doch gerade das Lustige, finde ich“, sagt der 23-Jährige, der ursprünglich aus Tunesien kommt. Vor vier Jahren zog er fürs Informatikstudium nach Berlin. „Einen durchschnittlichen Tag verbringe ich vor dem Bildschirm – entweder fürs Studium oder für die Arbeit. Wann immer ich die Zeit finde, etwas zu tun, das mich aus meiner Komfortzone holt und mich herausfordert, dann versuche ich es.“

Berlin nach Markokko: Einen Monat auf dem Fahrrad statt vier Stunden im Flugzeug

Ahmeds Ziel ist es, alle Länder der Welt zu bereisen. Und das nordafrikanische Land Marokko stand schon lange auf seiner Liste. Aber: Es sollte keine normale Reise werden. „Klar, ich kann ganz einfach einen Vier-Stunden-Flug nach Marokko nehmen. Ich kann beim Blick auf die Karte sagen, dass das Land weit weg ist. Aber wie weit ist es wirklich weg?“

Tag eins: Ahmed hatte keinen konkreten Plan. Er fuhr einfach los.
Tag eins: Ahmed hatte keinen konkreten Plan. Er fuhr einfach los. Foto: privat

Das wollte Ahmed spüren und daher die Strecke aus eigener Kraft zurücklegen, innerhalb eines Monats. „Ich wollte erleben, wie sich die Landschaft, das Wetter, die Kultur, die Sprache und die Traditionen auf meiner Reise von Land zu Land verändern.“

Inspiration bekam er durch Internetvideos. „Ich wusste nicht, dass Radreisen so eine große Sache sind – bis zu dem Morgen, als ich zufällig ein Video von Backpackern, die durch Europa radeln, im Internet gesehen habe. Und ich dachte: Was für eine coole Idee wäre es, 4.000 Kilometer nach Marokko zu reisen, mit einem Fahrrad, das nur durch meine Muskeln und meinen Schmerz angetrieben wird.“ Wenige Tage später kaufte er sich sein erstes Fahrrad.

Jeden Tag saß Ahmed etwa zehn Stunden im Sattel.
Jeden Tag saß Ahmed etwa zehn Stunden im Sattel. Foto: privat

Und knapp zwei Monate später fuhr er am 8. August los – ohne Plan. „Das war der abenteuerliche Teil meiner Reise, ich habe die Route praktisch nicht im Voraus geplant.“

Nur die grobe Richtung stand fest – von Berlin aus Richtung Westen an die niederländische Küste fahren und dann nach Süden und über Belgien, Frankreich und Spanien nach Marokko. „Die Tagesroute habe ich mir ein oder zwei Nächte vorher überlegt, je nach Wetter und meinem Erschöpfungslevel.“

Das sei vor allem nach den ersten zwei Tagen extrem hoch gewesen: „Die ersten 48 Stunden waren die härtesten des ganzen Trips. Am ersten Tag fuhr ich 15 Stunden lang unter Schmerzen, weil ich nicht wusste, wie ich mich richtig bewegen sollte. Der zweite Tag lief nicht besser, da ich 220 Kilometer fahren wollte, aber von einem Sturm getroffen wurde. Der war so stark, dass einige Bäume in der Nähe der Straße umknickten. Und ich hatte weder eine Regenjacke noch warme Kleidung dabei.“

In Spanien wurde es in den Bergen anstrengend für Ahmed.
In Spanien wurde es in den Bergen anstrengend für Ahmed. Foto: privat

Doch aufgeben sei nie eine Option gewesen, sagt Ahmed. „Ich hatte die Entscheidung getroffen, nach Marokko zu fahren, und daher habe ich durchgehalten. Jeden Morgen früh aufzustehen und mit dem Wissen aufs Fahrrad zu springen, nun zehn Stunden im Sattel vor mir zu haben, das war nicht einfach. Aber ich musste es tun, ob ich wollte oder nicht.“

Ich war mir nicht sicher, ob ich diesen Tag überlebe.

Ahmed Khelifi

Mit den Straßen hatte er meist Glück – besonders beeindruckt haben ihn die Niederlande. „Es gibt im ganzen Land gut gepflegte Radwege, es ist verrückt! Ich musste nie die Straße mit einem Auto teilen.“ Auch Spanien habe ihm gut gefallen. „Dort gibt’s zwar nicht überall Radwege, aber fast alle Straßen, auch Landstraßen, haben sehr breite Seitenstreifen, die perfekt für Radfahrer sind.“

Doch auch sein Horrorerlebnis hatte er in Spanien: „Ich war mir nicht sicher, ob ich diesen Tag überlebe“, sagt Ahmed. „Eine 100 Kilometer lange Schnellstraße von Málaga nach Algeciras hatte auf weiten Strecken keine Seitenstreifen. Ich musste mir die rechte Spur mit wütenden Truckern teilen. Immer wenn mich ein Lkw überholte, drückte mich der Wind zur Seite. Ich konnte nur extrem schwer das Gleichgewicht halten. Und dann fing es auch noch an zu regnen, was die Sache noch gefährlicher machte.“ An diesem Tag sei er völlig entkräftet ins Bett gefallen.

Übernachtet hat er übrigens während der gesamten Reise nie in einem Hotel. Um die Kultur in den Ländern kennenzulernen, hat er sich über Airbnb Schlafmöglichkeiten gesucht.

„Viele der Wohnungen befinden sich nicht direkt im Stadtzentrum, und man findet dort coole Bars, Cafés und Bäckereien“, erzählt Ahmed. Er sei Teil des Lebens gewesen. „Die Hosts haben Lust, ihre Geschichten und Tipps mit den Gästen zu teilen, anders als die Rezeptionisten in vielen Hotels.“

Zurück ging’s mit dem Flieger. Also: Fahrrad zusammenpacken.
Zurück ging’s mit dem Flieger. Also: Fahrrad zusammenpacken. Foto: privat

Nach 35 Tagen erreichte Ahmed sein Ziel: Chefchaouen in Marokko. Und nun? Umkehren und zurückfahren? So radbesessen war der Student dann doch nicht. „Ich habe mein Fahrrad zusammengepackt und bin geflogen. Aber ich habe schon Pläne für einen neuen Trip – der wird vielleicht noch länger.“

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