Kurz bevor ich Ende Januar nach Litauen flog, fragten mich meine Freunde: Gibt es da fließend Wasser? Wie kannst du dich mit uns in Verbindung setzen? Und wo zur Hölle ist das? Die erste Frage beantwortete ich mit Ja. Auf die zweite sagte ich Internet. Die dritte wurde mit EU, Baltikum beantwortet. Aber viel mehr wusste ich auch nicht. Für mich ging ein Abenteuer los. Ich war nur heilfroh, nicht alleine zu reisen.

Bei der Landung kurz nach 18 Uhr in Vilnius ist es stockdunkel. Aber glücklicherweise holt mich meine Mentorin am Flughafen ab. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen – obwohl die Strecke, im Nachhinein betrachtet, nicht schwierig ist. Aber bei Minus zwölf Grad, Schneefall und Dunkelheit sieht alles gleich aus. Dank der Hilfe finden wir aber schnell nach Kaunas und in unsere Unterkunft.

Der Start in Litauen ist etwas holprig, aber es wird mit der Zeit immer besser. Ich wohne in Kaunas der zweitgrößten Stadt Litauens. Nach und nach entdecke ich die Stadt für mich, mache Ausflüge und Reisen durch das Land.

Schnell entdecke ich meinen Lieblingsort: Die Laisves Aleja – die Freiheitsallee.  Auf den Bänken unter den Linden, mit einem Kaffee in der Hand, kann man wunderbar abschalten und Leute beobachten – egal bei welchen Temperaturen. Denn im Winter hat es locker minus 30 Grad, im Frühjahr geht es dann aber auch schnell auf plus 30 hoch. Links und rechts der Allee gibt es viele tolle Bars und Restaurants. 

Was Fußball angeht, werde ich aber enttäuscht. Ich bin großer Schalke-Fan und brenne dafür die internationalen Spiele meines Vereins zu sehen. Die Litauer haben aber eine Leidenschaft für Basketball. Und Schalke klingt auch noch so ähnlich wie die heimische Mannschaft Zalgiris. Deshalb werde ich das ein oder andere Mal enttäuscht. Wenn aber nicht zeitgleich Basketball läuft, zeigen sie in manchen Bars auch mal Fußball.

Die verbliebenen Telefonzellen in Kaunas sind aus Holz.
Für Generation Smartphone unbekannt: Telefonzellen. In Kaunus sogar noch aus Holz. Foto: Maren Christoffer
Geht man die Laisves Aleja weiter entlang, kommt man in die Altstadt von Kaunas. Hier läuft man vorbei an historischen Telefonzellen, die mit ihrer Holzoptik schon sehr witzig anmuten. Die kleinen Gassen und Gebäude versprühen den Charme der Vergangenheit. Man sollte sich einfach mal die Zeit nehmen einfach entspannt durch die Gegend zu schlendern.

Auch hier gibt es viele Kneipen. In der BlueOrange Bar beispielsweise kann man in rustikaler Umgebung eine Reihe verschiedenster Biersorten testen. Denn eines haben die Litauer mit uns Deutschen gemeinsam: Sie lieben Bier und brauen es auch sehr gern.
 
Das Ende der Altstadt bildet der Rathausplatz. Das große, weiße Rathaus sieht eher aus wie eine Kirche. Der Platz ist weitläufig mit Bänken gesäumt. Direkt am Anfang des Rathausplatzes befindet sich mein Lieblingsrestaurant, das Dvaras. Hier esse ich häufig, vor allem Gerichte der klassischen litauischen Küche. Danach gibt es, einige Meter weiter, meist noch einen Absacker. Einen  Cocktail to go, den wir dann mit an den Fluss nehmen. Aber man sollte sich damit nicht erwischen lassen, denn eigentlich ist es in Litauen verboten auf öffentlichen Plätzen Alkohol zu trinken. 

Um den Kaunas-Sightseeing-Trip zu beenden, läuft man noch ein Stück weiter bis zur Burg von Kaunas, dem Wahrzeichen der Stadt. SIe beherbergt auch ein Museum. Aber ganz ehrlich: Museen habe ich in meiner Zeit in Litauen nicht besucht. Die Umgebung ist dafür einfach viel zu schön.

 
In Erinnerung blieb vor allem mein Trip von Vilnius, über Kaunas, die Memel entlang bis an die Ostsee und die kurische Nehrung. In Vilnius schlendern wir einfach durch die Gassen. Nach dem Start am Kathedralenplatz, laufen wir zum Rathaus und von dort in die Altstadt. Natürlich haken wir die im Reiseführer beschriebenen Sehenswürdigkeiten ab. Aber es ist viel besser einfach das Flair der Stadt aufzusaugen. Und das tun wir auch. Besonders spannend finde ich das Künstlerviertel. Die eigene Verfassung im Café Užupis lässt mich schmunzeln. Darin heißt es unter anderem: „Jeder Mensch sollte seinen Namen kennen.“ Auch die anderen Paragrafen sind ähnlich lustig.

Nach dem Besuch in Vilnius machen wir, auf dem Weg nach Kaunas, einen kurzen Abstecher nach Trakai. Die Wasserburg ist einfach beeindruckend. Angeblich wurden hier schon einige Szenen von Hollywood-Filmen gedreht. Ob das wahr ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen, fest steht aber: Das Schloss muss man gesehen haben - nicht nur, weil es historisch relativ interessant ist.

 
Riesig ragt es zwischen den Seen auf. Mich beeindrucken die Seen am meisten, besonders zugefroren. Wir laufen über das gefrorene Wasser. Ich bin nervös, kennt man doch die ganzen Hiobsbotschaften von Unfällen. Aber das Eis ist dick und wir können problemlos darüber laufen und auch eine Schneeballschlacht machen. Zum anschließenden Aufwärmen gibt es Kibinai, eine Teigtasche gefüllt mit Fleisch.

Building castles / Throwback Erasmus / Throwback Lithuania ❤

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Warm und satt geht es weiter nach Kaunas. Hier verbringen wir nur eine Nacht. Wir gönnen uns ein leckeres und deftiges Abendessen aus Cepelinai im „Aviliys“ in der Nähe vom Rathausplatz und dazu ein hausgebrautes Bier. Viele Restaurants in ganz Litauen brauen ihr eigenes Bier. Das  sollte man probieren, auch wenn es im Anschluss manchmal Kopfschmerzen gibt. Ein Reinheitsgebot wie in Deutschland gibt es nämlich nicht.

Am nächsten Tag geht es dann bei bestem Wetter und ohne Kopfweh weiter. Das Ziel ist Nida auf der kurischen Nehrung. Wir nehmen aber einen Umweg in Kauf, meiden die Autobahn und fahren über Land, die Memel entlang bis zum Delta. Auf dem Weg zum passieren wir kleine Dörfer, haben immer wieder tolle Blicke auf den Fluss und können die wunderschöne Landschaft Litauens genießen. Abseits der drei großen Städte ist das Land sehr ursprünglich und von Landwirtschaft geprägt. Immer wieder halten wir an, um einfach den Ausblick und die Landschaft zu genießen. Das flache Land, der blaue Fluss und die Weitläufigkeit sind beeindruckend schön.

 
Am Delta können wir unser Ziel schon sehen. Nida, auf der anderen Seite des kleinen Meeres - kurisches Haff. Aber erst müssen wir noch einige Kilometer zurücklegen. Denn auf litauischer Seite kommt man nur von einem Ort auf die kurische Nehrung. Von Klaipeda. Dort angekommen, geht es mit unserem Mietauto auf eine kleine Auto-Fähre.
Schon nach kurzer Zeit erreichen wir die Nehrung. Die kleine Zunge besteht gefühlt nur aus Kiefernwäldern und Strand.

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Wir haben Glück im Frühling dort zu sein: Im Sommer bevölkern Touristen aus aller Welt das kleine Fleckchen Erde. Angekommen in Nida beziehen wir unser kleines Hotelzimmer. Der Vermieter erklärt uns, dass die meisten Restaurants noch geschlossen haben, gibt uns aber einige gute Tipps. Dann stellt er uns noch die hauseigenen Fahrräder zur Verfügung.  

 
In Nida gehen wir viel spazieren, genießen die Ruhe und die Natur. Auf der Seite des kurischen Haffs laufen oder fahren wir auf befestigten Wegen. Der Weg führt uns unter anderem zum Thomas-Mann-Haus. Hier hat der berühmte Schriftsteller mehrere Monate seines Lebens verbracht.

Das eigentliche Ziel ist allerdings der Ostsee-Strand. Um ihn zu erreichen, müssen wir erstmal einen ordentlichen Fußmarsch zurücklegen. Den ersten Zwischenstopp legen wir bei der Großen Düne ein. Sie ist Europas größte Wanderdüne. Sie ragt weiß und steil gen Himmel. Oben befinden sich eine riesige Sonnenuhr und mehrere Schilder, die etwas über die Umgebung erzählen. Das eigentlich Beeindruckende ist aber der Ausblick. Auf der einen Seite sieht man die Enge des kurischen Haffs, auf der anderen Seite glitzert die Ostsee.

Weiter geht´s Richtung Strand. Auf dem Weg laufen wir durch die dichten Kiefernwälder. Nach Angaben des Reiseführers soll es hier viele Elche geben, die sehen wir aber leider nicht. Rund eine halbe Stunde spazieren wir durch den Wald, bis wir endlich die Ostsee erreichen. Der Wind pfeift uns hier ordentlich um die Ohren. Wir wenden uns gen Süden und laufen in Richtung der russischen Grenze.
 
Dort angekommen lachen wir laut auf. Die Grenze am Strand ist mit Holzpfählen und Flatterbändern abgesperrt. Dazu ein Schild mit der Aufschrift „Stopp“. Ist das ihr Ernst? Scheint so. Wir testen aus, wie streng die Grenzen hier wirklich gemeint sind und spazieren noch einige Meter weiter. Dann lassen wir uns in den Sand fallen und machen erstmal ein Picknick. Viel weiter trauen wir uns dann aber doch nicht. In Sichtweite ist ein Wachturm. Da wir kein Visum haben, gehen wir lieber kein Risiko ein und wandern zurück ins Hotel.
Eine Grenze eher symbolischer Art: Die Befestigung zwischen Litauen und Russland in Form von Flatterband.
Die Grenzabriegelung an der litauisch-russischen Grenze bei Nida ist nicht ganz ernst zu nehmen. Jedoch: Wenige Meter weiter steht ein Wachturm des russischen Militärs. Foto: Maren Christoffer

Am folgenden Tag geht es zurück nach Kaunas. Dort verbringe ich die letzten Wochen meines Aufenthalts, Prüfungen stehen an. Die freie Zeit im Sommer genieße ich entweder mit Kaffee auf der Laisves Aleja oder mit einem Buch an der Memel.  Sonne tanken steht in diesem warmen Sommer auf dem Plan.

Nach einem knappen halben Jahr geht es dann für mich zurück nach Deutschland. Aber eins steht fest: Ich habe mich in das Land verliebt und komme definitiv so schnell es geht zurück!