Manuel Pamkal verharrt in seiner Bewegung. Er hebt den Speer, spannt die Muskeln an, nimmt sein Ziel ins Visier, und schon sirrt das hölzerne Geschoss durch die Luft. Der Speer des Aborigine verfehlt das Känguru, das nur etwa 20 Meter entfernt steht, nur knapp. Macht nichts. Denn Manuel ist nicht darauf angewiesen, ein Tier zu erlegen, um sich und seine Familie zu ernähren. Das Känguru ist aus Metall, und die kurze Jagdszene sollte uns verdeutlichen, wie seine Vorfahren einst für die Familie gesorgt haben.
 
Die Darbietung ist Teil der Top Didj Cultural Experience. Am Rand von Katherine im australischen Northern Territory, etwa 300 Kilometer von der Hauptstadt Darwin entfernt, bringt der Aborigine Interessierten seine Kultur näher. Das ist auch heutzutage in Australien noch immer etwas Besonderes. Die Begegnung mit Aborigines ist selten. Viele von ihnen bleiben unter sich. Die wenigen, die wir während unseres Aufenthaltes sehen, leben vielerorts eher am Rand der vorwiegend weißen Gesellschaft.

Manuel war schon etwa fünf bis sechs Jahre alt, als er zum ersten Mal einen Weißen sah. In seinem Führerschein ist der 5. Juli 1963 als Geburtsdatum angegeben. Das ist allerdings nur ein geschätzter Termin, denn in der Wildnis haben sich die Ureinwohner solche Daten nicht notiert. Alles, was sie wissen mussten, lernten sie von ihren Familien. „Es ist mir wichtig, auch meine Kinder das zu lehren, was ich von meinen Ahnen gelernt habe“, sagt Manuel. Bei der etwa zweieinhalbstündigen Cultural Experience teilt er auch mit uns einen Teil seines Wissens – natürlich nur, soweit es ihm die Regeln seines Stammes erlauben. So erfahren wir nicht nur viel über seine Geschichte, Manuel zeigt uns auch Traditionen wie das Feuermachen oder die Maltechniken und gibt uns einen Einblick in die mythische Welt der Ureinwohner. Er erzählt uns auch, wie die tiefen Schluchten im nahegelegenen Nitmiluk National Park entstanden sein sollen.

Den alten Geschichten nach soll die Regenbogenschlange, ein mythologisches Schöpferwesen der Ureinwohner, die 13 Schluchten mit bis zu 70 Meter hohen Felswänden der Katherine Gorge geschaffen haben, indem sie sich durch das Gestein schlängelte. Die Jawoyn, auf deren Land der Nationalpark liegt, glauben, dass die mächtige Schlange dort schläft, wo das Wasser mit 40 bis 45 Metern am tiefsten ist. Wehe dem, der sie weckt!

 
Gut, dass wir mit unserem Boot fast geräuschlos über das Wasser gleiten, als wir am Abend bei einer Dinner Cruise durch zwei der Schluchten fahren. Während die Sonne langsam hinter dem rostroten Gestein verschwindet, bereitet die Crew auf einem der beiden Boote, mit denen wir unterwegs sind, bereits ein mehrgängiges Abendmenü zu. Auf der Speisekarte stehen lokale Spezialitäten wie Krokodil, Känguru und der Barramundi, ein Riesenbarsch, der vornehmlich in den Gewässern Australiens schwimmt, bis zu zwei Meter lang und 60 Kilogramm schwer werden kann. Köstlich!
 
Der „König der Fische“, wie ihn die Australier nennen, ist auch die Leibspeise eines anderen Tieres, das auf dem Fünften Kontinent zuhause ist: des Salzwasserkrokodils. Leistenkrokodile, die ihren Zweitnamen der Tatsache zu verdanken haben, dass sie nicht nur in süßen Gewässern, sondern eben auch in Salzwasser leben können, sind die größten ihrer Art. Ganz gefahrlos bringt Pat Chappell Teilnehmern seiner Jumping Crocodile Cruise die riesigen Tiere näher. Bei unserer Bootstour auf dem Adelaide River bei Darwin dauert es am folgenden Tag nicht lange, bis auch uns die ersten eindrucksvollen Exemplare umkreisen. Der 55-Jährige lockt sie mit Futter. Wenn die Kolosse ihre schweren Körper für ein Stückchen Fleisch am Spieß aus dem Wasser hieven, kann es einem schon angst und bange werden. Gut, dass wir in dem überdachten Boot gut geschützt sitzen. Denn ein beeindruckendes Fotomotiv sind die Krokodile allemal.
Leistenkrokodile leben im Süß- und Salzwasser und werden bis zu 29km/h schnell.
Die großen Leistenkrokodile sind erstaunlich behände, wenn es ums Thema Futter geht. In Höchstform erreichen sie schwimmend bis zu 29km/h. Foto: https://giphy.com/gifs/alligator-bait-VyLkXUKfHfGmI
Genauso wie die meterhohen Termitenhügel im nahegelegenen Litchfield National Park. Die Buley Rockholes (natürliche Wasserlöcher im Gestein) und die Wasserfälle Florence Falls sind eine weitere Attraktion – die viele Parkbesucher als willkommene Abkühlung nutzen, bevor sie sich wieder auf den Weg ins Outback oder an die Küste machen.
 
Während wir auf dem Stuart Highway die etwa zweieinhalb Stunden nach Darwin fahren, schimmern neben der Strecke immer wieder Eisenbahnschienen in der Sonne. Auf ihnen fährt der Ghan von Darwin nach Adelaide im Süden des Kontinents. Fast drei Tage braucht der transkontinentale Zug, um die etwa 3000 Kilometer zu überwinden. Einmal wöchentlich transportiert er außer Fracht auch Touristen, die die langsame Art des Reisens bevorzugen, durch das rote Zentrum.

Beim Bau des Schienennetzes spielten Tiere eine wichtige Rolle – allerdings ganz ohne Mythologie. Um die Strecke für den Ghan zu schaffen, wurden Arbeiter aus Afghanistan ins Land gebracht. Die Männer brachten Kamele mit. Weil die Tiere in Australien keine natürlichen Feinde hatten, vermehrten sie sich ungehindert. Deshalb gibt es heute auf dem Kontinent mehr Kamele als in jedem anderen Land der Welt.

 
Spuren der Tiere sehen auch wir immer wieder, nachdem wir mit dem Flugzeug weiter ins Landesinnere geflogen sind. Von Alice Springs geht es für uns mit dem Auto weiter zur Kings Canyon Wilderness Lodge. Nach einem Abend am Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel brechen wir von dort aus am frühen Morgen zu einer Wanderung am Kings Canyon auf. Wer die 500 steinernen, recht steilen Stufen, die den Auftakt der sechs Kilometer langen Strecke bilden, einmal überwunden hat, wird mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt.

Mehr geht nicht, möchte man meinen, doch als nach einigen weiteren Stunden Autofahrt schließlich der Ayers Rock, den die Einheimischen Uluru nennen, am Horizont vor uns auftaucht, werden wir eines Besseren belehrt. Das Wahrzeichen in der Wüste erstrahlt in sattem Rostrot. Ein magischer Moment.

 
Noch immer gibt es jede Menge Touristen, die gern auf den Berg hinaufwandern. Das wird bei den Aborigines, für die der Uluru eine Heilige Stätte ist, allerdings nicht gern gesehen. Auf Hinweisschildern bitten sie, davon abzusehen. Und eigentlich ist es auch gar nicht nötig. Wer den 350 Meter hohen Felsen von oben sehen möchte, muss ihm nicht allzu nahe kommen. Die Chance bietet sich auch bei Helikopterflügen. Besonders Mutige wagen einen Fallschirmsprung. Und was könnte es für ein einmaligeres Erlebnis geben, als sich über dem Berg aus 4000 Metern in die Tiefe zu stürzen – natürlich gut gesichert. Wer weiß, vielleicht entdeckt man aus der Luft sogar eine weitere Spur der Regenbogenschlange?