Duncan mimt den Unbeteiligten. Der Hengst schaut lässig von der texanischen Seite aus auf den Rio Grande, der die natürliche Grenze zwischen den USA und Mexiko bildet. Duncan ist braun und kräftig und trägt seine Reiterin selbst in brütender Hitze tapfer durch die Schluchten und über die Felsen. Hetzen ist nicht, Duncan bevorzugt den langsamen Schritt durchs schroffe Gelände. „Ich liebe ihn“, sagt Linda Walker. „Ich habe ihn großgezogen.“
 
Duncan ist oft drei Stunden am Stück in unwegsamen Gegenden unterwegs, wackelt ständig mit seinen zwei Ohren und bekommt immer dann einen Sattel übergeworfen, wenn Linda auf seinem Rücken sitzend Kurzzeit-Cowboys durch den Nationalpark Big Bend führen soll. Das ist Lindas Beruf.

Alle fünf Meilen ein Mensch – statistisch…

Wo sie wohnt und arbeitet, herrscht weitgehend Stille. Die in weiten Teilen unberührte Natur in diesem südlichen Grenzgebiet der Vereinigten Staaten muss sie mit kaum jemandem teilen – mal abgesehen von Kojoten, Pumas, Bären, Schlangen oder Stinktieren absieht. Und von ebenjenen Touristen, die einen sehr weiten Weg auf sich nehmen, weil sie bewusst Abenteuer und Abgeschiedenheit in atemberaubender Natur suchen. Statistisch gesehen wohnt in diesem spärlich besiedelten Teil der Erde nur alle fünf Meilen ein Mensch. „Einsam?“, fragt Linda, „ich fühle mich hier nicht einsam. In einer Großstadt wie Dallas, da fühle ich mich einsam. Es ist dort doch alles sehr unpersönlich.“

Verirren im Nationalpark? Unmöglich!

Texas ist zwar im Allgemeinen Lindas Zuhause, aber der Big Bend ist es im Besonderen. Hier hat sie ihren Lebensmittelpunkt. „In jedem Teil von Texas glauben die Menschen, dass sie in der schönsten Gegend leben. Der Unterschied zwischen ihnen und uns ist: Wir glauben es nicht, sondern wir wissen es“, sagt Linda lokalpatriotisch.

Sie ist Sinnbild des Lone Star State. Linda war einst eine der besten Rodeoreiterinnen des Landes, preisgekrönt. Ihre Bluejeans ist um die Hüfte festgezurrt mit einem Gürtel, dessen Siegerschnalle so riesig ist wie Lindas komplette Handfläche. „I am a real cowgirl, yeah“, sagt sie und klackert mit ihren Westernstiefeln. „Ich bin ein echtes Cowgirl.“ Sie ist geradezu prädestiniert, gemeinsam mit Duncan die Touristen sicher durch die malerischen Täler und über die majestätischen Berge des Big Bend zu geleiten. Verirren unmöglich.

Duncans Artgenossen sind darauf getrimmt, ihre Sitzkundschaft nicht zu überfordern – auch Ungeübte brauchen keine Furcht vorm Pferderücken zu haben. Der Möchtegern-Cowboy kann sich gänzlich dem Genuss hingeben, diese filmreife Landschaft auf sich wirken zu lassen und dabei auf einem echten Westernpferd zu reiten – die Zügel cowboy-like nur in einer Hand haltend, was einfach unglaublich cool rüberkommt.

Der Big-Bend-Nationalpark befindet sich im Süden von Texas an der Grenze zu Mexiko. Der Rio Grande bildet einen über 1500 km langen Teil dieser Grenze zwischen Mexiko und den USA.
Der Big-Bend-Nationalpark befindet sich im Süden von Texas an der Grenze zu Mexiko. Der Rio Grande bildet einen über 1500 km langen Teil dieser Grenze zwischen Mexiko und den USA. Foto: pixabay.com/Frauke Feind

Der nächste Ort? Weit weg!

Fernab der drei größten texanischen Städte Houston, San Antonio und Dallas ist es so einsam, dass auf den schnurgeraden, schier unendlich langen United States Highways Hunderte von Insekten ihr Leben an der Frontscheibe des Vehikels lassen müssen, ehe die Insassen von einem Örtchen zum nächsten gelangen.
 
Lajitas ist ein solches Idyll, das streng genommen nur aus dem gepflegten Golf Resort & Spa besteht. Terlingua ist da schon eine andere Hausnummer – ein charmantes, weil größtenteils ruiniertes Ministädtchen für Einheimische. Diese sitzen auf der Veranda, leben – so ist zumindest der Eindruck von außen – ein wenig in den Tag hinein. Gesellschaftlicher Mittelpunkt ist das Starlight Theatre, das einst ein Lichtspielhaus war und heute eine sehenswerte Bar mit Livemusik ist.
 
Linda wohnt in der Nähe, zumindest relativ, und kommt darum öfter ins Starlight Theatre. Jeder Gast scheint jeden zu kennen, viele Unterhaltungen über Gott und die Welt sind die Folge. Wenn Linda genug der persönlichen Worte gewechselt hat, wirft sie mit der für Texaner typischen Freundlichkeit ein knackiges „Bye“ in die Runde. Ihr Lächeln verrät dabei tiefe Glückseligkeit. Weil sie tagtäglich diesen Traum leben darf.