Empire Builder: Mit dem Fernzug quer durch die USA

Empire Builder: Mit dem Fernzug quer durch die USA

Ein Roadtrip quer durch die USA – dieser Mythos treibt jedes Jahr Massen an Autos und Campern auf die Straßen. reisereporter Luca hat sich für eine fast vergessene Alternative entschieden: den Fernzug.

Luca Pot d'Or
Einsteigen, bitte! reisereporter Luca fährt mit dem Empuire Builder durch die USA.
Einsteigen, bitte! reisereporter Luca fährt mit dem Empuire Builder durch die USA.

Foto: Luca Pot d’Or

Mein neues Zuhause für die nächsten 48 Stunden soll also der Fernzug mit dem verheißungsvollen Namen Empire Builder sein, in dem es von Chicago nach Portland geht: Mehr als 3.620 Kilometer durch den Norden der USA bis in den US-Bundesstaat Oregon kurz vor dem Pazifik.

Zur Wahl stehen bei der Buchung Schlafabteile für rund 600 Euro und reguläre Sitzplätze ab 140 Euro. Ich entscheide mich für den Sitzplatz. Das heißt: Keine Dusche und kein WLAN. Und Verspätungen sind bei dem Anbieter Amtrak an der Tagesordnung. Bevor ich mir das alles noch einmal durch den Kopf gehen lasse, ist das Ticket gebucht. Keine Umtauschmöglichkeit, kein Zurück.

Der Empire Builder: Ein angemessen unmoderner Zug

Überpünktlich eine halbe Stunde vor Abfahrt an der Union Station in Chicago bildet sich vor dem Gleis eine zähe Schlange aus Rentnerpaaren, jungen Backpackern, Familien und Amish-Leuten. Da die Amish in ihrer Religionsgemeinschaft weitestgehend auf moderne Technologien verzichten, bleibt ihnen für Langstrecken nur der Zug, der offenbar noch angemessen unmodern erscheint. Ich hoffe natürlich auf das Gegenteil und stürze mich ins Gewühl beim Einlass.

vGedränge vor dem Einstieg, jeder will den besten Sitzplatz.
Gedränge vor dem Einstieg, jeder will den besten Sitzplatz. Foto: Luca Pot d'Or

Die vorderen Passagiere kämpfen um die Pole-Position für den Einlass. Die besten Plätze sind schnell vergeben, sagt mir ein Wartender. Die Schaffnerin beruhigt mich bei der Ticketkontrolle: Alle Plätze seien gleich schön, außer den Schlafabteilen natürlich. Na klar. Also suche ich mir einen freien Fensterplatz, verstaue mein Gepäck und lasse mich in den erstaunlich bequemen Sitz fallen.

Die Novembersonne strahlt durch die beschlagenen Scheiben, das ganze Abteil leuchtet in goldenen Farben, und bei mir breitet sich ein Gefühl aus, nach dem ich mich schon insgeheim bei der Buchung gesehnt habe: Entschleunigung.

Der Zug bewegt sich langsam, aber unablässig vorwärts – und ich kann einfach nur sein. Ich brauche an nichts zu denken und komme trotzdem übermorgen in Portland an. Ich kann ein Buch lesen oder ein Nickerchen machen, der Empire Builder fährt trotzdem weiter der langsam untergehenden Sonne entgegen.

Hach... Der Sonnenuntergang irgendwo auf der Zugstrecke in den USA.
Hach... Der Sonnenuntergang irgendwo auf der Zugstrecke in den USA. Foto: Luca Pot d'Or

Nachdem ich mich an meinem Platz eingerichtet habe, schlendere ich in die Sightseer Lounge, den Aussichtswaggon mit besonders großen Fenstern für den ultimativen Panoramablick. Hier treffe ich Jerry und Liz aus Montana, die wie ich die vorbeirauschende Landschaft und die kleinen Dörfer im spätherbstlichen Sonnenlicht bestaunen.

Die warmen, satten Farben täuschen aber über die tatsächliche Temperatur hinweg, wie die zugefrorenen Seen und Flüsse verraten.

Jerry und Liz lieben das entschleunigte Reisen mit dem Empire Builder.
Jerry und Liz lieben das entschleunigte Reisen mit dem Empire Builder. Foto: Luca Pot d'Or

„Vor zehn Jahren hättest du weit und breit nur Schnee gesehen“, sagt Jerry. Stattdessen umringt den Zug in der untergehenden Sonne heute eine endlose Prärie. Jerry und Liz schätzen genau das an der Fahrt mit dem Empire Builder. „Du lässt dich wie die Landschaft da draußen treiben, niemand kann dich hetzen. Es ist wie eine kleine Auszeit“, findet Liz.

Die beiden waren auf Familienbesuch an der Ostküste und haben sich für diesen Anlass bewusst für den Zug entschieden. „Das ist eben unsere Art zu reisen“, sagt Liz und fügt hinzu: „Schon als Studentin bin ich mit dem Interrail-Ticket durch Europa gereist.“

Bei dem Gedanken an die mit Pendlern überfüllten ICE in Deutschland sträuben sich mir die Haare und ich erzähle dem paar davon. Wieso dieser Unterschied? „Im Empire Builder ist niemand in Eile“, sagt Jerry. „Wer mitfährt, der legt es nicht auf Pünktlichkeit an. Ein paar Stunden Verspätung sind nichts Ungewöhnliches.“

vZeit für Romantik...
Zeit für Romantik... Foto: Luca Pot d'Or

Das liegt daran, dass in den USA – anders, als wir es gewohnt sind – der Güterverkehr Vorrang vor dem Personenverkehr hat. Und tatsächlich hält auch der Empire Builder immer wieder kurz an, und auf dem anderen Gleis rauschen Züge beladen mit Containern, Autos oder mit leeren Anhänger vorbei.

Nachdem das letzte Rot des Sonnenuntergangs am Himmel verschwunden ist, geht eine Leselampe nach der anderen aus und es wird im Zug schlagartig leise. Trotz einer holprigen Nacht und dem schnarchenden Vordermann schlafe ich wirklich gut. Wer braucht schon ein Schlafabteil? Die Antwort erhalte ich am nächsten Tag zum Lunch.

Mit dem Science-Fiction-Autor im Speisewagen

Da die Anzahl an Plätzen im Speisewagen begrenzt ist, werden die Passagiere nach dem Zufallsprinzip an den freien Tischen platziert. So kommt es, dass ich dem Science-Fiction-Autor Jim gegenübersitze, der sich für die Fahrt in einem Schlafabteil eingemietet hat.

vJim schreibt seine Science-Fiction-Romane im Zug.
Jim schreibt seine Science-Fiction-Romane im Zug. Foto: Luca Pot d'Or

Er ist bereits eine Woche zuvor aus San Francisco mit dem Zug nach Chicago gefahren und kehrt nun über den Umweg Portland zurück. „Auf Gleisen kann ich mich komplett auf das Schreiben konzentrieren, daher bin ich hier so etwas wie ein Stammgast, könnte man sagen“, erzählt mir Jim, während wir das Menü studieren.

Hier gibt es keinerlei unnötige Ablenkung: Kein Internet, kein Handyempfang. Nur die Arbeit, die Landschaft und dich.

Der vegetarische Burger räumt mit den letzten Vorbehalten gegenüber der Bordküche auf, während Jim mir bei einem Glas Wein von seinem neuesten Werk berichtet, an dem er gerade arbeitet. Nach dem Essen zeigt er mir sein Abteil. Ich bin froh, dass ich die 460 Euro gespart habe, denn so richtig luxuriös ist das Abteil nun auch nicht.

Für Jim lohnt es sich jedoch allemal. „Einige meiner Bücher sind vollständig im Zug entstanden“, sagt er. „Hier gibt es keinerlei unnötige Ablenkung: Kein Internet, kein Handyempfang. Nur die Arbeit, die Landschaft und dich. Das ist perfekt.“

Im Panorama-Wagen haben die Passagiere den Rundumblick.
Im Panorama-Wagen haben die Passagiere den Rundumblick. Foto: Luca Pot d'Or

Abends treffe ich Jim in der Sightseer Lounge wieder. Den zweiten Sonnenuntergang möchte er auch mit Rundumblick genießen – „danach geht es aber wieder an die Arbeit“. Ich bleibe allein zurück mit dem roten Himmel über der dunklen, kargen Landschaft, die sich seit gestern kaum verändert hat.

Am Horizont sind die ersten Ausläufer der Rocky Mountains zu sehen, doch bevor wir die Gebirgskette erreichen, ist es bereits dunkel. Ich ertappe mich dabei, wie ich heimlich hoffe, dass uns die ganze Nacht über irgendwelche Güterzüge aufhalten, damit wir am nächsten Morgen mit Blick auf die Rockys aufwachen.

Sonnenaufgang über dem Columbia River

Den Sonnenaufgang sehe ich jedoch über dem Columbia River in Oregon. Und das ist derart beeindruckend, dass sich um 7.30 Uhr morgens alle zusammen an den Fenstern versammeln, während sich der Empire Builder auf der letzten Etappe nach Portland befindet.

Obwohl es auf der Reise größtenteils dunkel war, hat sich der Blick auf die unendlichen Weiten tagsüber so eingebrannt, dass die dichten Wälder der pazifischen Küstenregion auf einmal fast exotisch anmuten.

Und während ich doch noch einmal an die verpasste Aussicht auf die Rocky Mountains denke, erscheint am Horizont die Spitze des Mount Hood. Knapp 3.500 Meter ragt der Vulkan in die Höhe und erscheint – komplett in Weiß – fast unwirklich inmitten des fruchtigen Grüns der Nadelbäume.

Hallo, Portland!
Hallo, Portland! Foto: Luca Pot d'Or

Und dann fährt der Empire Builder in Portland ein. Die letzte Durchsage ertönt und ich sammle mein Gepäck zusammen, während die Schaffner ihre letzten Runden drehen. „Ihr habt heute Glück, wir werden sogar etwas früher eintreffen“, sagt einer der Schaffner beim Ausstieg.

Ich betrete erstmals seit zwei Tagen wieder festen Boden und lächle dem Schaffner gezwungen zu. Eigentlich hätte ich am liebsten gleich die Rückfahrt angetreten.

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Zur
Startseite