Doppeltes Vergnügen: Bei einer Suche nach den Spuren des Mythos vom WM-Titel 1954 wird das Berner Oberland zum Star. Ein kleiner Schotterweg führt entlang des Ufers am Thunersee. Die Ausleger kräftiger Laubbäume, die auf der Landseite den Hang bewachsen, beschatten den Pfad und sorgen auf dem tiefblauen Wasser für Lichtspiele, auf der gegenüberliegenden Seeseite prahlt das Berner Oberland mit einem atemberaubenden Bergpanorama.

Fußball-Gespräche in Spiez

Doch die zwei Männer, die den Pfad zwischen den Seeanrainer-Örtchen Spiez und Faulensee beschreiten, nehmen ihre Umgebung kaum wahr. Ihre Köpfe sind gesenkt, sie scheinen hoch konzentriert, tragen Trainingsanzüge, die irgendwie nicht in diese Gegend passen wollen, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Es redet immer nur einer der beiden, ein kleiner, hagerer, älterer Mann mit hoher Stirn und streng gescheiteltem Resthaar.

60 Jahre ist diese Szenerie her. Sie soll sich so oder zumindest ganz ähnlich mehrmals täglich im Sommer des Jahres 1954 am Thunersee zugetragen haben. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hatte sich für die Weltmeisterschaft in der Schweiz im Hotel Belvédère, traumhaft am Hang oberhalb der Spiezer Bucht gelegen, einquartiert.  

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Weil es Ko-Trainer Albert Sing bald furchtbar nervte, dass Cheftrainer Sepp Herberger die Spieler ständig zu Einzelgesprächen in das gemeinsame Doppelzimmer einlud, musste der Chef der Legende nach seine Weisheiten eben im Zuge eines Spaziergangs am Seeufer vermitteln. Es gibt schlimmere Orte für eine Unterredung. Und am Ende stand schließlich das „Wunder von Bern“ – Deutschland wurde nach einem 3:2-Erfolg im Berner Wankdorfstadion über die hochfavorisierten Ungarn Weltmeister.

Fußball-Wallfahrtsort in der Schweiz

Auf dem Uferweg und im Vier-Sterne-Hotel Belvédère können Besucher dem Wunder und dem „Geist von Spiez“, dem ebenso mythischen Teamgeist der Nationalmannschaft bei der WM in der Schweiz, ganz konkret nachspüren – und erleben gleichzeitig die Schönheiten des Berner Oberlandes. Hier brüteten also Herberger und Mannschaftskapitän Fritz Walter über der Taktik für das nächste Spiel. Gänsehaut! Ein Wallfahrtsort nicht nur des deutschen Fußballs, sondern der bundesrepublikanischen Geschichte mitten in einer der attraktivsten Regionen der Schweiz.

Nur zur Einordnung: In den sechs Jahrzehnten seit dem Ereignis rief mancher Historiker das „Wunder von Bern“ am 4. Juli 1954 zum Datum der eigentlichen deutschen Staatsgründung aus, der Satz „Wir sind wieder wer!“ fand Aufnahme ins deutsche Sprachgedächtnis. Und wen wundert es da, dass die regionalen Urlaubspromoter immer noch davon profitieren möchten.

Ausflugsziele für Fußballfans und Nicht-Fans

So steht am Bahnhof Spiez noch bis zum September 2017 ein Ausstellungspavillon zum Thema „Wunder von Bern“. Die Ausstellung enthält Original-Objekte aus dem Finalspiel Deutschland–Ungarn, ein Modell des Wankdorfstadions, eine Fotogalerie sowie das Video des Spiels.

Das Berner Oberland, als dessen Ausgangspunkt Spiez bezeichnet wird, bietet darüber hinaus jede Menge Ausflugsziele – auch für Fußballuninteressierte. Am spektakulärsten ist eine Fahrt mit der Zahnradbahn hinauf zum Jungfraujoch, dem auf 3.454 Metern höchstgelegenen Bahnhof Europas. 

Durch das Skiörtchen Wengen und mitten durch die Berge Mönch und Eiger geht die Fahrt, bis fast jeden nicht an die Höhe gewöhnten Touristen ein wenig der Schwindel packt. Die Aussicht beim Zwischenstopp mitten in der Eiger Nordwand und von der Panoramaplattform Sphinx entschädigt für die leichte Übelkeit, ist aber nichts für Menschen mit Höhenangst.

Besuch im Stade de Suisse in Bern

Zurück zum Fußball: Während in Spietz der Geist weiterlebt, bedarf es dazu An dem Ort, an dem das Wunder stattfand, noch etwas mehr Fantasie. Das ehemalige Berner Wankdorfstadion, Schauplatz des deutschen WM-Erfolgs, ist seit mehr als zehn Jahren abgerissen. An seiner Stelle steht heute das Stade de Suisse, eine moderne Multifunktionsarena mit Konferenzräumen, Restauration und was sonst in der Moderne des Fußballs noch dazugehört.

Im Stadionmuseum gibt es eine „Wunder von Bern“-Ecke, und auch die Stadionführungen widmen sich dem – für die deutschen Besucher – größten Tag in der Geschichte des Stadionkomplexes, der 1925 eröffnet wurde und seitdem mehrfach aus-, um- und neu gebaut wurde.

Auf dem Vorplatz lässt die originale Stadionuhr, die unser heutiges Bild vom Endspiel ebenso bestimmt wie der damals rund um die Spielfläche aufgestellte Jägerzaun, Nostalgie aufkommen. Noch immer zeigt sie den Zeitpunkt des Schlusspfiffs am 4. Juli 1954 an, 20.16 Uhr. Jahrzehntelang war auf ihr der Endstand des 54er-Endspiels verewigt, 2:3. Die Fans von Young Boys Bern, die im Stade de Suisse ihre Heimspiele austragen, opponierten jedoch dagegen.

Natürlich sorgt aber allein die Vorstellung, dass Helmut Rahn auf der vor einem liegenden Rasenfläche aus dem Hintergrund schießen müsste, schoss – so der Fast-O-Ton des damaligen Radioreporters Herbert Zimmermann – und damit einen bis heute lebenden Mythos in der linken unteren Ecke des Tores begründete, für wohlige Schauer.

Und so lebt in Spiez und in Bern auch das Wunder weiter – wenn man es denn zulässt.