Auf dem weitläufigen Rasen, auf dem die aristokratische Familie Crawley sonst tiefgründige Gespräche über das Leben, den Alltag und den ganzen Rest führt, sitzen heute Menschenmassen beim Picknick. Butler Carson würde angesichts des Andrangs vermutlich Misses Hughes, die Hausdame, um Rat fragen. „Misses Hughes“, würde er sagen, „wir haben da ein Problem.“
 
Doch Butler Carson fehlt an diesem Tag – und Downtown Abbey  hat alles andere als ein Problem. Das viktorianische Anwesen ist weltweit bekannt, seit die gleichnamige Fernsehserie 2010 erstmals im britischen Fernsehsender ITV lief. Plötzlich interessieren sich Menschen aus aller Welt für die Familie Crawley. Und natürlich für ihr Bilderbuchanwesen, auf dem die meisten Szenen spielen.

Hampshire, nicht Yorkshire

Massenweise pilgern Fernsehzuschauer nun zu dem 400 Hektar großen Gelände auf der Suche nach dem wahren „Downton Abbey“. Das heißt eigentlich Highclere Castle und liegt anders als in der Serie nicht im nordenglischen Yorkshire, sondern in der südenglischen Grafschaft Hampshire. Sir Charles Barry schuf das Gebäude zwischen 1839 und 1842 in seiner heutigen Form, jener Architekt, der kurz zuvor auch das Parlament von Westminster entworfen hatte. Wer genau hinsieht, entdeckt unter anderem bei den Türmchen und Zinnen gewisse Parallelen. Doch schon zuvor gab es in Highclere ein opulentes Gebäude. Das Anwesen ist seit 1679 Sitz der Familie Carnarvon.
 
Bis auf ein paar Hochzeiten, die hier gefeiert wurden, um das teure Anwesen unterhalten zu können, lebte man recht beschaulich. Das ist Vergangenheit. An rund 60 Tagen im Jahr öffnen die Carnarvons Haus und Hof, um Fans von „Downton Abbey“ einen Einblick zu geben. So können Besucher sehen, wo Serienhausherr Robert Crawley alias Hugh Bonneville gewöhnlich am Schreibtisch der Bibliothek sein Tagwerk plant. Oder auf welchem Stuhl die Countess of Grantham (Maggie Smith) üblicherweise beim Abendessen ihre bissigen Kommentare abgibt. Und auch, welche Treppe die Hausdiener allabendlich nach oben stürmen, um das Dinner zu servieren. Die Wirtschaftsräume im Untergeschoss aber existieren hier nicht so wie in der Serie – sie wurden in den Ealing Studios in London nachempfunden.

Keine Fotos bitte!

Fotografieren ist in Highclere Castle allerdings strengstens untersagt, denn noch werden viele der Räume bewohnt. Und ein bisschen Privatsphäre wollen sich Lady Fiona Carnarvon und ihr Mann, der 8. Earl of Carnarvon, bewahren.
 
Julian Fellowes, der Schöpfer der Serie, ist übrigens ein enger Freund der Familie. „Wir glauben, dass er Highclere in Erinnerung hatte, als er die Serie schrieb“, sagt Julia Robins, Mitarbeiterin des Anwesens. Das ist sicher untertrieben. In Wahrheit dürfte er die Folgen regelrecht auf das Anwesen zugeschrieben haben. Einige Parallelen jedenfalls sind auffallend: Die reale Lady Catherine etwa reiste 1920 aus den USA nach England, um dort den Earl of Porchester zu heiraten und ihr Vermögen in das Anwesen einzubringen. In der Serie ist Robert Crawley mit der von Haus aus wohlhabenden Amerikanerin Elizabeth McGovern verheiratet. Lady Almina verwandelte Highclere Castle während des Ersten Weltkrieges in ein Hospital – ganz wie es auch in der Serie geschah.

Alles echt, nur das Dorf nicht…

Wer sich bei einem Besuch von Highclere Castle indes aufmacht, um das Dorf Downton zu suchen, wird enttäuscht: Die entsprechenden Szenen werden nicht hier in der Umgebung gedreht, sondern im beschaulichen Bampton in der Grafschaft Oxfordshire, etwa 60 Kilometer nördlich von Highclere. Hier befindet sich auch Crawley House, in dem zu Beginn der Serie der Erbe Matthew mit seiner Mutter einzieht. In Wahrheit ist das Gebäude ein ganz normales Wohnhaus.
 
Eine Reihe weiterer historischer Gebäude rühmen sich inzwischen damit, Drehort für Szenen der Serie gewesen zu sein, auch wenn sie zum Teil nur kurz im Bild zu sehen sind. Doch der Marketingeffekt hat Erfolg: In Großbritannien ist regelrecht eine Art „Downton Abbey“–Tourismus entstanden. Mehrere Veranstalter bieten sogar Tagestouren zu den einzelnen Drehorten an. Und Highclere Castle bereitet sich schon mal auf den nächsten Ansturm vor.