Ein politischer Roadtrip durch alle Länder der EU

Ein politischer Roadtrip durch alle Länder der EU

Warum haben viele Menschen keine Lust mehr auf die EU? Und warum gibt’s einen Rechtsruck? Fragen, die Ina, Felix und Tim umtreiben. Um Antworten zu finden, bereisen sie alle EU-Mitgliedsstaaten – im Sprinter.

Ina, Tim und Felix wollen Antworten. Und wo bekommt man die besser als bei den Menschen? Also reisen sie durch alle EU-Mitgliedsländer.
Ina, Tim und Felix wollen Antworten. Und wo bekommt man die besser als bei den Menschen? Also reisen sie durch alle EU-Mitgliedsländer.

Foto: privat

Die eigene Blase mal verlassen und herausfinden, was eigentlich andere Menschen bewegt – für Ina Bierfreund (24, Journalistikstudentin), Tim Noetzel (23, Wirtschaftswissenschaftler) und Felix Hartge (23, Wirtschaftsingenieur) ist das der Plan für die kommenden Monate.

Die drei Hamburger sind mit ihrem Sprinter, der den skurrilen Namen „Oswald van Europe“ trägt, auf einer Mission unterwegs: Sie wollen alle 28 EU-Mitgliedsstaaten bereisen. Warum ausgerechnet die?

So entstand die Idee zum politischen Roadtrip durch die EU

Zum einen wollen sie die Nachbarn, wie sie sagen, besser kennenlernen – die verschiedenen Landschaften, die Kulturen und die Menschen. Außerdem gibt es ein Thema, das die Freunde beschäftigt und das viele Diskussionen in der heimischen WG-Küche (die drei wohnen seit gut einem Jahr zusammen) beherrscht hat: Die EU – „oder vielmehr die Krise der europäischen Politik“, sagt Ina.

„Die politischen Entwicklungen in der EU, den Rechtsruck und die EU-Müdigkeit, finden wir erschreckend, besonders in Hinblick auf die EU-Parlamentswahlen im Mai 2019. Wir würden gern wissen, warum es so weit gekommen ist“, sagt Ina.

Und wo könnten die drei Freunde besser Antworten erhalten als bei den Menschen vor Ort?

   

Galerie: Die Reise durch alle EU-Staaten

Seit Anfang September sind sie unterwegs, waren schon in Luxemburg, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, England, Schottland, Wales, Nordirland, Irland, Frankreich und Spanien.

Dort haben sie zum einen das Vanlife in ihrem eigenhändig umgebauten Sprinter genossen. „Wir meiden die großen Städte, waren weder in London noch in Dublin. Dafür haben wir viel Natur erlebt – und sind bereits jetzt überrascht, wie vielfältig die EU eigentlich landschaftlich ist“, sagt Ina.

Der Sprinter wird in der freien Natur abgestellt

Meist stellen sie ihren Sprinter nicht auf großen Campingplätzen ab, sondern suchen mithilfe von Apps wie „park4night“ oder „iOverlander“ nach Stellplätzen.

Und so kommt es, dass sie schon in England zwischen Hochlandrindern auf einer Weide eingeschlafen sind, unter atemberaubenden Sternenhimmeln in der Normandie geträumt haben und an Steilküsten in Irland mit donnerndem Meeresrauschen aufgewacht sind.

So wurde aus einem Baustellenfahrzeug ein Roadtrip-Fahrzeug

Der Sprinter ist ein altes Baustellenfahrzeug. Die Freunde haben ihn im April 2018 gekauft und komplett umgebaut. „Wir haben auf den acht Quadratmetern Isolierung, ein Bett, Dachluken, Küche und Schränke eingebaut sowie Strom- und Wasserleitungen gelegt“, erzählt Felix. „Das war ganz schön schwierig, keiner von uns ist handwerklich so richtig erfahren, und unser Budget war relativ klein – aber dafür hat’s erstaunlich gut funktioniert.“

Und warum der Name „Oswald van Europe“? Der entstand, wie so vieles auf der Reise, zufällig – und aus einer Bierlaune heraus. „Es sollte ein Name sein, der möglichst wenig zu einem Auto passt, irgendwie kamen wir da auf Oswald. Das van kommt vom englischen Wort Van. Und Europe – ist klar, oder?“

Die Europäische Union – für die drei Freunde war der Verbund von aktuell noch 28 Ländern bis zum Roadtrip vor allem etwas, über das viel in den Nachrichten berichtet wurde – inklusive der Themen „Rechtsruck“, „Nationalismus“ und „EU-Müdigkeit“.

Was halten die Menschen eigentlich wirklich von der EU?

Den drei Freunden war das alles aber zu weit weg, zu theoretisch. „Wir wollen wissen, wie die Menschen ticken und was sie wirklich denken“, sagt Tim. Daher wollen sie auf ihrem politischen Roadtrip möglichst viele Interviews mit ihren EU-Nachbarn führen.

Die meisten ergeben sich spontan: „Wir klingeln da einfach an Haustüren oder schauen, ob jemand im Garten ist. Dann fragen wir, ob sie Zeit hätten für ein Interview über die EU. Das klappt meist richtig gut, obwohl einige auch skeptisch sind, wenn wir da mit unserem weißen Sprinter vorfahren“, sagt Tim und lacht.

In den gut zwei Monaten haben die drei Hamburger schon viele schöne Gespräche geführt, an eines erinnern sie sich besonders gern:

„Wir haben in Schottland eine 70-jährige Frau kennengelernt, haben einfach bei ihr geklingelt. Die Dame hatte eigentlich andere Pläne für den Tag, hat die aber für uns über den Haufen geworfen. Wir haben in ihrem Haus mit Blick über eine Bucht am Rand der Highlands gesessen und bei Kaffee und selbst gebackenen Keksen den ganzen Nachmittag lang über die Europäische Union geplaudert.“

Politischer Roadtrip: So laufen die Interviews zur EU ab

Bei den Interviews, die auf Video aufgezeichnet werden, stellen Ina, Felix und Tim drei Hauptfragen: 1. Was halten Sie von der EU? 2. Was würden Sie sich von einer idealen EU wünschen? 3. Was muss in der EU besser laufen? 

Eine Antwort auf die dritte Frage blieb den Hamburgern besonders im Kopf. Andrew (61) aus Irland sagte: „Damit die Europäische Union effektiv funktioniert, muss sich jeder als ein Teil derselben Familie fühlen. Ja, ich bin in Großbritannien geboren, aber ich bin Europäer. Ja, ich bin in Deutschland geboren, aber ich bin Europäer. Das wären dann wohl die Vereinigten Staaten von Europa, was sehr viele Leute nicht wollen. Für mich jedoch wäre das die Lösung.“

In Großbritannien war der Brexit natürlich das Hauptthema der Interviews. „Da gab es viele verschiedene Meinungen“, so Tim. „Aber die meisten sagten eigentlich, dass sie keine Angst vor einem harten Brexit haben.“ Was sie überrascht habe, sei die Offenheit gewesen. „In Deutschland verrät zum Beispiel kaum jemand, welche Partei er gewählt hat. Aber in Großbritannien hat uns jeder direkt gesagt, ob er für oder gegen den Brexit gestimmt hat.“

Generell sei es spannend, dass für die Meinungsbildung zu EU-Themen persönliche Erlebnisse bedeutend waren. „Wenn beispielsweise ein Interviewpartner die Flüchtlingspolitik nicht unterstützt, dann hatte derjenige oftmals Einbrüche oder Gewalt durch Flüchtlinge erlebt.“ So richtig „losgebollert“ habe jedoch noch niemand – „die Kritik an der EU war bisher ziemlich konstruktiv“.

Ob das in den kommenden Ländern so weitergeht? Die drei Freunde wollen noch bis Mai 2019 unterwegs sein und dann alle 28 EU-Staaten bereist haben. Als Nächstes geht es nach Portugal und Italien, dann wollen sie entweder nach Slowenien oder mit der Fähre nach Griechenland. 

Nach der Reise soll aus den Videointerviews – bislang haben sie mehr als fünfeinhalb Stunden Material – und den Landschaftsaufnahmen dann ein Dokufilm werden. Die drei Freunde hoffen, dass sie mit diesem uns allen unsere EU-Nachbarn ein Stückchen näher bringen können.

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