Es ist Freitagabend. Eine Gruppe Hamburger Abiturienten irrt durch den 7. Bezirk von Budapest. Die Straßen sind leer und nur spärlich beleuchtet, die Schilder schwer zu lesen und viele der alten Häuser verfallen, die Fassaden immer noch übersät mit Einschusslöchern. Hilflos schauen sich die jungen Leute aus Deutschland um.

Zwei ältere orthodoxe Juden hasten an ihnen vorbei. Sie kommen vom Schabbat-Gebet aus der Synagoge in der nahe gelegenen Kazinczy-Straße, und es scheint in diesem Moment, als ob hier, in der alten Elisabethstadt, die Zeit stehen geblieben sei. Nicht erst seit 20 Jahren, seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, nein, noch viel länger.

Und hier soll die junge Szene der Stadt toben? Die Abiturienten aus Deutschland wollen sich gerade schon wieder auf den Heimweg machen, als aus einem der schwarzen Häuser plötzlich Musik dringt. Hämmernder Beat, dumpfer Bass, aus dem Hauseingang löst sich ein massiger Mann.

Ein kurzer Blick, die Gruppe darf passieren. Über ein Gewirr von Treppen geht es in den Keller und dann wieder hoch, bis sich plötzlich ein Innenhof öffnet, eine schrille bunte Gegenwelt: An den Wänden Graffiti und bizarre Kunstinstallationen, auf einem TV-Screen läuft Barcelona gegen Madrid, und auf zerschlissenen Sofas und ramponierten Gartenstühlen prosten sich lautstark junge Leute mit Jägermeister zu. 

Szimpla, Budapest VII

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Ungarisch, Englisch, Französisch, Spanisch – das Stimmengewirr ist international. Genau deshalb sind sie hierher gekommen. Um abzufeiern, um Gleichgesinnte aus aller Welt zu treffen, und vielleicht auch deshalb, weil das Bier hier nur 450 Forint den halben Liter kostet, umgerechnet gerade mal 1.70 Euro.

Ruin Pubs“ heißen diese versteckten Bars, „Romkocsmák“ auf Ungarisch. Die erste und immer noch bekannteste ist das „Szimpla Kert“ („Schlichter Garten“) in einer ehemaligen Stahlfabrik. Gegründet von vier Studenten. Auch als Antwort auf Immobilienspekulanten, die das ehemalige jüdische Viertel von Budapest gezielt verkommen lassen.

Der Ruin Pub Szlimpla Kert in Budapest 

Zwischen 15 und 20 dieser „Ruin Pubs“ soll es mittlerweile in Budapest geben. So genau weiß das keiner. Weil zwischendurch immer wieder eine Bar schließt oder eine neue aufmacht. Entweder illegal in einem spontan besetzten Haus oder auf einem verwilderten Fabrikgelände, oder nur für einen Sommer gemietet gegen geringes Entgelt.

Die einen mittlerweile mehr kommerziell mit Karaoke und „Ballermann“-Musik und auch „Damen“ aus der Rotlicht-Szene, die anderen immer noch avantgardistisch ambitioniert, mit Kunstausstellungen, Poetry Slams und Live-Sessions lokaler Bands. Aber in allen schlägt das wilde junge Herz des neuen Budapest.