Dundee: Warum du die schottische Stadt sehen musst I reisereporter.de

Dundee: Warum du diese schottische Stadt sehen musst

In Dundee sollen die Orangenmarmelade und die Briefmarke erfunden worden sein – aber erst wegen des neu eröffneten Victoria and Albert Museums wird der schottischen Stadt plötzlich die Aufmerksamkeit zuteil, die sie längst verdient hat.

Ein Meilenstein für Dundee: Das neue V&A Museum am früheren Hafen zieht schon von außen die Aufmerksamkeit auf sich.
Ein Meilenstein für Dundee: Das neue V&A Museum am früheren Hafen zieht schon von außen die Aufmerksamkeit auf sich.

Foto: Hufton Crow

Es ist ein Wiedersehen nach mehr als 20 Jahren, und was für eines! Damals, irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er, hatten wir unseren Ausflug nach Dundee schon nach den ersten Schritten durch die Innenstadt beendet. Die Häuser wirkten grau, die Luft roch nach verbrannter Kohle – und es regnete. Unaufhaltsam.

Aber was war das denn damals bloß für ein Dundee? Die Stadt hat sich gewandelt, das wird heute schon nach den ersten Minuten deutlich – und das nicht nur wegen des Sonnenscheins.

Dundee: Früher graue Maus, heute Design-Stadt

Die schottische Kleinstadt, etwa 100 Kilometer nördlich von Edinburgh gelegen, war lange Zeit eher unbeachtet und hatte zwischen den viel besungenen Highlands und der prunkvollen Hauptstadt kaum eine Chance zu leuchten – bis ein neues Projekt die ganze Stadt aufblühen ließ: die erste richtige Außenstelle des Londoner Victoria and Albert Museums (V&A), einem der wichtigsten Designmuseen der Welt.

Fast zehn Jahre haben Planungen und Bau gedauert, und in dieser Zeit ließen sich alle in der Stadt anstecken von dem, was da kommen würde: etwas ganz Großes.

Im neuen V&A Museum von Dundee ist Kunst von Weltrang zu sehen.
Im neuen V&A Museum von Dundee ist Kunst von Weltrang zu sehen. Foto: Hufton Crow


Wie der Rumpf eines Ozeandampfers liegt das Gebäude am früheren Hafen von Dundee. Entworfen hat es der japanische Architekt Kengo Kuma, der gerade in Tokio das neue Olympische Stadion baut und kürzlich im bayerischen Nobelrefugium ein Meditationshaus schuf.

Das V&A Dundee ist eines der wichtigsten Designmuseen der Welt

Nun hat er sich mit dem V&A Museum in Dundee verewigt, für umgerechnet 91,1 Millionen Euro Baukosten. Kuma sieht in dem Bau ein „Wohnzimmer für die Stadt“. Im Grunde aber ist es vielmehr eine Art Einfallstor ins Zentrum, das sich direkt anschließt.

Denn das ist das Schöne: Dundee wirkt mit seinen mächtigen viktorianischen und georgianischen Bauten wie eine richtige schottische Großstadt. Aber anders als in anderen Orten kann hier eigentlich jeder das Zentrum locker zu Fuß erkunden. Mit nur knapp 150.000 Einwohnern gehört Dundee eher zu den kleinsten Großstädten der Insel.

John Alexander, der Vorsitzende des örtlichen Stadtrats, sieht in dem Bau nur den Beginn eines langen Prozesses. „Da wird noch viel kommen aus unserer kreativen und dynamischen Stadt.“ Das V&A sei die perfekte Darstellung dessen, wie eine Kommune neue Wege gehe.

Tristram Hunt, Direktor des V&A Museums in London und früherer Labour-Politiker, bezeichnet das neue Museum gar als einen „Meilenstein für Dundee“. „Das Museum soll eine Inspirationsquelle für Designer werden“, unterstreicht Hunt.

Das Museum soll eine Inspirationsquelle für Designer werden.

Tristram Hunt, Direktor des V&A London


Wer genau hinschaut, entdeckt in Dundee mehrere solcher Meilensteine. Die Briefmarke etwa, wie wir sie heute kennen: Der örtliche Verleger James Chalmers soll das Prinzip eines aufklebbaren Wertzeichens 1840 erfunden haben. Von Großbritannien aus ging es um die Welt.

„Discovery“ unternahm Expeditionen

Die „Discovery“ gleich neben dem V&A Museum ist Zeichen einer Zeit, in der die prachtvolle Architektur entstand, die die Innenstadt noch heute prägt. In großen Fabriken woben die Mitarbeiter im 19. und frühen 20. Jahrhundert Stoffe, vor allem aus Jute. In Werften wurden robuste Expeditionsschiffe wie die „Discovery“ gebaut, mit der Robert Falcon Scott von 1901 an zu seinen Expeditionen in die Antarktis aufbrach.

Die „Discovery“ brach einst zu Expeditionsfahrten auf der Südhalbkugel auf. Heute hat sie in Dundee ihr Zuhause gefunden.
Die „Discovery“ brach einst zu Expeditionsfahrten auf der Südhalbkugel auf. Heute hat sie in Dundee ihr Zuhause gefunden. Foto: Kenny Lam/Visit Scotland


Das Schiff ist heute eines der letzten, das aus dieser Zeit erhalten geblieben ist, und es gibt Einblick in eine heute unvorstellbare Zeit auf dem Meer. „Das hatte nichts mit Kreuzfahrten zu tun, wie wir sie kennen“, verdeutlicht Tourführer Malcolm Howley. Die Kabinen waren eng, die Ausstattung war schlicht – zumindest für die Mannschaft.

Die Offiziere hingegen speisten auf vornehmem Porzellan mit täglich wechselndem Menü. Trotzdem: Eine Expedition dauerte planmäßig rund ein Jahr, was nach heutigen Maßstäben schon lang genug wäre. Die „Discovery“ aber fror gleich beim ersten Mal im Eis fest und kehrte erst nach drei Jahren zurück. „Danach musste hier alles erneuert werden“, sagt Howley. „Das Eis hatte das Holz an vielen Stellen zermalmt.“

Caird Hall ist eines der prägenden Gebäude in Dundee

Die Konzerthalle Caird Hall, nur ein paar Minuten zu Fuß in Richtung Innenstadt, ist schon vor Fertigstellung des V&A Museums eines der prägenden Gebäude in Dundee gewesen. Von 1914 an erbaut, umrahmt der protzige Säulenbau den City Square, auf dem tagsüber Dudelsackspieler ein bisschen schottische Folklore ins Einkaufsgeschehen bringen.

Das McManus am anderen Ende der Innenstadt geht da fast ein wenig unter – dabei ist der sakrale Bau in gewisser Weise das erste V&A Museum, das in Dundee entstand. Das Gebäude wurde in den 1840er-Jahren zu Ehren von Prinz Albert erbaut, dem Ehemann Königin Victorias. Heute beherbergt es eine schottische Kunstsammlung.

Dundee ist Unseco City of Design

Kunst und Design sind fest verwoben mit Dundee. 2014 wurde die Stadt zur ersten britischen Unesco City of Design. Sie befindet sich damit zumindest künstlerisch in einer Liga etwa mit Berlin, Montreal und Peking. Darauf ist man hierzulande schon ein bisschen stolz.

Viel wichtiger für andere aber: Dundee ist längst so etwas wie die Comichauptstadt des Landes. „Beano“ ist eine seit 1938 erscheinende wöchentliche Comiczeitschrift, die auf der Insel in etwa den Stellenwert hat wie „Fix & Foxi“ oder die „Micky Maus“ in Deutschland. Verlegt wird sie bei D.C. Thomson, gleich gegenüber vom McManus.

Auf den Spuren der Comics: Im Stadtzentrum von Dundee gibt es sogar Skulpturen von den Figuren - zum Beispiel Desperate Dan am Dundee City Square.
Auf den Spuren der Comics: Im Stadtzentrum von Dundee gibt es sogar Skulpturen von den Figuren – zum Beispiel Desperate Dan am Dundee City Square. Foto: Kenny Lam/Visit Scotland

Der Hang zur Kreativität schwappte auch auf andere Branchen über: Die Kneipen- und Restaurantszene Dundees etwa entwickelt sich immer weiter weg vom traditionellen Fish and Chips. Überall entstehen neue hippe Konzepte, wie die wuselige Jute Café Bar im Dundee Contemporary Arts Centre oder das auf junge schottische Küche spezialisierte Daisy Tasker im Designhotel Indigo.

Eine der angesagtesten Adressen bleibt Besuchern mitunter verborgen – allein, weil sie ohne Vorwissen unauffindbar ist: das Draffens. Kein einziges Schild weist auf diese Cocktailbar im Stil der Zwanzigerjahre hin, man muss einfach wissen, welche Eingangstür in der kleinen, gruselig wirkenden Gasse Couttie’s Wynd zu öffnen ist.

Das Museum Dundee Contemporary Arts widmet sich zeitgenössischer Kunst aus der ganzen Welt.
Das Museum Dundee Contemporary Arts widmet sich zeitgenössischer Kunst aus der ganzen Welt. Foto: Kenny Lam/Visit Scotland


Der Name Draffens stammt von einem in den 80er-Jahren geschlossenen Kaufhaus, in dessen Keller die Bar untergebracht ist. Höhepunkt auf der Karte: das Dundee Breakfast, ein Cocktail aus Gin, Milch, Eiweiß und Orangenmarmelade. Übrigens ein weiterer Meilenstein: Die heute auf jedem britischen Frühstückstisch stehende Orangenmarmelade wurde 1797 in Dundee erfunden.

Auch in anderer Hinsicht war die Stadt in jüngster Zeit kreativ: Irgendjemand hat herausgefunden, dass der Regen, der einem auch nach 20 Jahren noch in Erinnerung blieb, nicht gut fürs Image ist. Seitdem lautet der offizielle Slogan „Sunny Dundee“ – weil es hier der Statistik zufolge weniger regnen soll als in anderen Orten Schottlands.

Und tatsächlich: Mit Städten wie Barcelona, Dubai oder Sydney mag das Wetter nicht viel gemein haben; aber es scheint in der Tat die Sonne. Wie machen die das bloß? Eine weitere wegweisende Erfindung aus Dundee? Wir überprüfen das beim nächsten Mal – denn eines ist sicher: Wir werden wiederkommen, nicht erst in 20 Jahren.

Tipps für deine Reise nach Schottland

Anreise: Mit dem Flugzeug ab Deutschland, idealerweise nach Edinburgh. Von dort fahren regelmäßig Züge nach Dundee (Fahrtzeit rund eine Stunde). Mit der Fähre von Amsterdam nach Newcastle (DFDS), von dort sind es noch etwa dreieinhalb Stunden Fahrtzeit bis Dundee.

Beste Reisezeit: Das Klima ist vergleichbar mit dem in Deutschland. Am besten kommst du im Frühjahr oder Herbst, im Sommer ist es oft überlaufen, die Winter sind kühl.

Unterkunft:
Neu und chic: Indigo Hotel, Lower Dens Mill, Constable Street, Dundee, Telefon: (00 44) 33 03 31 17 50.
Klassisch, in Bahnhofsnähe: Malmaison, 44 Whitehall Crescent, Telefon (00 44) 13 82 33 97 15.
Günstig, neben dem V&A: Premier Inn, Discovery Quay, Riverside Drive, Telefon: (00 44) 87 15 27 83 20.

Ausflüge: Ein Besuch von Dundee lässt sich gut verbinden mit einem Ausflug in die Umgebung sowie nach Edinburgh und Aberdeen – beide Städte liegen an der Bahnstrecke, die durch Dundee führt.

Das Museum: V&A Dundee, 1 Riverside Esplanade, Dundee, Telefon: (00 44) 13 82 41 16 11, täglich 10 bis 17 Uhr, Eintritt frei (außer Sonderausstellungen).

Attraktionen: Royal Research Ship „Discovery“, Riverside Drive, Dundee. Von November bis März geöffnet von montags bis sonnabends 10 bis 17 Uhr und sonntags 10 bis 17 Uhr. Von April bis Oktober bis jeweils 18 Uhr. Eintritt 11,25 Pfund für Erwachsene (etwa 13 Euro), 6,25 Pfund für Kinder (etwa 7 Euro).

Die Reise wurde unterstützt von Visit Scotland, Visit Britain, Visit Dundee und dem V&A Dundee. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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