Lufthansa fliegt von Indien nach Deutschland im Mini-Airbus A319

Lufthansa: Von Indien nach Deutschland im Mini-Airbus

Ist das kreativ oder fast schon Körperverletzung? Für einen knapp zwölf Stunden langen Nachtflug setzt die Lufthansa ab heute einen kleinen Airbus A319 ein. Garantiert unkomfortabel. Und keineswegs lustig.

Der Airbus A319-100 der Lufthansa wird normalerweise nur auf der Kurz- oder Mittelstrecke genutzt. (Symbolfoto)
Der Airbus A319-100 der Lufthansa wird normalerweise nur auf der Kurz- oder Mittelstrecke genutzt. (Symbolfoto)

Foto: Lufthansa Bildarchiv, FRA CI/C

Augen auf bei der Flugzeugwahl! Wer einen Langstreckenflug bucht, fliegt nicht automatisch in einer Langstreckenmaschine, sondern kann auch schon mal ahnungslos in einem Airbus A319 landen, der sonst nur auf Strecken wie Hamburg–Düsseldorf oder München–Mallorca eingesetzt wird.

Kein Witz: Genau diesen Umstand mutet die Lufthansa ab dem heutigen Sonntag ihren Passagieren auf dem Nachtflug vom indischen Pune nach Frankfurt zu.

Die Lufthansa fliegt mit einem Airbus A319 jetzt auch Langstrecke

Ziemlich gemein und wenig kundenfreundlich: Die meisten „Normalflieger“ können beim Buchungsprozess gar nicht überblicken, auf welches Abenteuer sie sich da einlassen. Schließlich wird nicht ausdrücklich warnend darauf hingewiesen, was es mit dieser kuriosen Verbindung auf sich hat. Auch beim Preis spiegelt sich die Service-Unterschreitung nicht wider. Das Ticket ist keineswegs billig.

Der eingesetzte Airbus A319 wird in der Detailansicht genannt.
Der eingesetzte Airbus A319 wird in der Detailansicht genannt. Foto: Mänz (Screenshot)

Deshalb wollte der reisereporter mehr über die Hintergründe von LH769 wissen. Auf Interviewanfragen gab es von der Lufthansa-Pressestelle allerdings nur ein Statement: „Als Flugzeugmuster kommt ein Airbus A319 zum Einsatz (mit Tankstopp in Baku), da die Landebahn in Pune nicht die ausreichende Länge für Langstreckenflugzeuge bietet.“

Wir stellen uns das gerade mal vor unserem geistigen Auge vor: Elf Stunden und 35 Minuten – inklusive Zwischenstopp in Aserbaidschan – auf schmalen, dünn gepolsterten, praktisch nicht verstellbaren Sitzchen. In einer typischen Drei-drei-Bestuhlung. Womöglich auf dem Mittelplatz. Mitten in der Nacht. Und das ganze Elend auch noch ohne Entertainmentsystem.

Der Blick auf den Sitzplan bei der Buchung.
Der Blick auf den Sitzplan bei der Buchung. Foto: Mänz (Screenshot)

Das ist garantiert nichts für solche, die für einen Wochenendtrip ans Meer auch nicht den städtischen Linienbus nehmen, das Klassenfahrtalter überschritten oder gerade ihr Rückenleiden in indischen Yoga-Retreats auskuriert haben.

Um zu verstehen, warum Lufthansa die Verbindung Pune–Frankfurt überhaupt anbietet, muss man wissen, dass bis zum Sommer der Lufthansa-Partner Privat Air die Strecke mit einer Boeing 737-700 mit besserer Langstreckenausstattung geflogen ist.

Lufthansa: Die A319-Lösung ist nur eine Übergangslösung

Doch dann entschied sich Lufthansa, die Zusammenarbeit „aus operationellen und kommerziellen Gründen bis auf Weiteres auszusetzen. Lufthansa und Privat Air prüfen derzeit verschiedene Optionen, die Zusammenarbeit baldmöglichst wieder aufzunehmen“, heißt es in dem offiziellen Statement. Und weiter: „In der Zwischenzeit wird Lufthansa Pune mit dem beginnenden Winterflugplan wieder aufnehmen, um der hohen Nachfrage auf dieser Verbindung wieder nachkommen zu können.“

Hohe Nachfrage? Den Druck machen wohl die vielen deutschen Unternehmen (vor allem IT-Firmen und Autozulieferer), die sich im Großraum Pune angesiedelt haben und die Direktstrecke frequentieren. Aber muss man deshalb seinen Passagieren gleich den berechtigt erwartbaren Mindeststandard eines Interkontinentalflugs verweigern?

Lufthansa-Businessclass-Passagiere bekommen eine Sitzreihe und Zeitschriften

Die Lufthansa-Pressestelle will beschwichtigen: „Gäste in der Businessclass erhalten eine komplette dreisitzige Reihe für sich. An Bord sollen Voucher für Flynet angeboten werden sowie ein breites Angebot an Zeitschriften und Zeitungen, da kein Bordunterhaltungsprogramm verfügbar ist.“

Wir reden also von rund 20 „glücklichen“ Businessclass-Passagiere, die die Armlehnen hochklappen und ihre Sitzbank zur Pritsche umfunktionieren dürfen, um dann in Magazinen zu blättern.

A319: Zwölf Stunden Flug und kein Bordunterhaltungsprogramm

Economy-Gästen bleibt nur, in die Papiertüte zu atmen oder nachts um zwei auf dem Rollfeld in Pune Reißaus zu nehmen. Denn: Auf weitere reisereporter-Nachfrage, ob die Economyclass ebenfalls umgerüstet wird, heißt es: „Bei der Economyclass ist Ähnliches nicht bekannt, da der Unterschied zwischen der Lang- und Kurzstreckenkabine nicht so groß ist.“

Das lässt nichts Gutes ahnen. 

Im Netz hagelt es schon vor dem ersten Flug gehässige Kommentare: „Wer bucht denn so was?“, heißt es da. Oder: „Die sollten den Passagieren besser für Zehn-Stunden-Valiumtabletten geben.“ Einer, der fliegen muss, schreibt vorab: „Das grenzt an Betrug. Economy-Sitzkomfort anbieten und Business-Tarife verlangen.“ 

Das letzte Wort zu LH769 hat Lufthansa: „Es sei nochmals erwähnt, dass der Einsatz einer A319 eine Interimslösung sein soll.“ Dieser Begriff ist dehnbar – die Geduld der Kunden auch?

Nachtrag der Redaktion, 1. November: Unsere Autorin hatte die Verbindung privat gebucht und bezahlt. Nachdem ihr auffiel, dass ein Airbus A319 auf dem Rückflug eingesetzt wird, hat sie bei der Lufthansa-Pressestelle um eine Umbuchung gebeten; sie wurde kostenfrei auf einen anderen Flug umgebucht. Da unsere Autorin davon ausgegangen ist, dass die Airline bei diesem speziellen Flug die Umbuchungs- und Stornierungsbedingungen der außergewöhnlichen Situation anpasst und generell allen Passagieren gegenüber flexibler und kulanter reagiert, hat sie es im Artikel nicht erwähnt. Die Lufthansa teilt dazu mit: „Da deutlich auf das Flugzeugmuster und die Zwischenlandung hingewiesen wird, besteht keinerlei Grund zu einer Umbuchung.“ Es würden dementsprechend die üblichen Umbuchungskonditionen gelten, falls doch eine Umbuchung von Passagieren gewünscht sei.

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