Es ist früher Morgen im Sonderzug „Zarengold“. Die Fahrt geht durch eine baumlose, sanft gewellte Einöde. Weite, die einfach nicht enden will. Überwältigend. Vor zwei Tagen ist der Zug in Peking gestartet. 1500 Kilometer sind wir seitdem auf Schienen entlang gerattert – mit kleinen Stopps. Der erste in Erlian, an der chinesisch-mongolischen Grenze. Hier wird der Zug gewechselt, denn die Mongolei und Russland nutzen im Gegensatz zu China eine Breitspurbahn.
 
Waggon 11, Abteil 7 – mein rollendes Zuhause auf Zeit. Orientteppich, holzvertäfelte Wände, Vorhänge mit Troddeln, zwei gegenüberliegende Betten, 187 Zentimeter lang, 67 Zentimeter breit, Gangbreite dazwischen kaum 50 Zentimeter. Klein, ja, aber urgemütlich. Eine Toilette befindet sich jeweils vorn und hinten im Waggon. Die Dusche muss ich mit etwa 35 Fahrgästen teilen. Da sich jeder mal waschen will, muss man sich in einen Duschplan eintragen – 15 Minuten maximal, dann darf der nächste.
 
186 Gäste sind insgesamt an Bord. Amerikaner, Deutsche, Indonesier, Schweizer, Brasilianer, Australier, Briten, Südafrikaner, Spanier, Dänen, Österreicher – die meisten im Schnitt etwas reifer. Im Zug kommt man sich schnell näher. Zwangsläufig. So zeigt uns die Indonesierin am Ende des Waggons immer ihre Nachtwäsche, wenn sie frühmorgens im schmalen Gang ihre Dehnübungen macht. Und mein netter Schweizer Nachbar schläft am liebsten bei offener Abteiltür und schnarcht ein bisschen.

Treffen im Speisewagen

 Strukturiert wird der Tag im „Zarengold“ durch die Mahlzeiten. Morgens, mittags, abends trifft man sich im Speisewagen. Zu essen gibt es reichlich – Blinis, Borschtsch und Pelmeni. Wer sich mit Lyudmila, der Chefin im Speisewagen, versteht, darf auch nach den Mahlzeiten noch sitzen bleiben. Sie freut sich besonders, wenn man „Schampanskoje“ ordert. Nur spät am Abend kann die Stimmung kippen. Denn dann ist Lyudmila angesäuert, weil der harte Kern der Reisenden die Russin mit noch einer Runde Wodka vom ersehnten Schlaf abhält.

Ulan-Bator – alle aussteigen. Am Bahnhof wartet schon Gerelt auf uns, unser Guide für die Mongolei. Er hebt das orangefarbene Fähnchen, unser Erkennungszeichen, und wir zuckeln hinterher. Rein in den Bus und ab in den Stau. In UB, wie die Mongolen ihre Hauptstadt nennen, wohnt fast die Hälfte der 2,7 Millionen Einwohner des Landes. „1990 lebten hier nur 500 000 Menschen. Niemand hat mit so vielen Leuten gerechnet – deswegen das permanente Verkehrschaos“, erklärt uns Gerelt. Ulan-Bator gilt als Boomtown. Aber wer die Mongolei wirklich kennenlernen will, muss raus aus der Stadt. Dorthin, wo die geteerten Straßen enden und die Steppe beginnt. Weit muss man dafür nicht fahren.

Mongolisch: Lamm in Milchkannen gegart

Unser Jurtencamp liegt mitten in einem riesigen Naturschutzgebiet. Zur Begrüßung gibt es mongolisches Tschinggis-Bier und eine große Portion Fleisch. Das lieben Mongolen über alles. In diesem Fall ist es in der Milchkanne gegartes Lamm – eine deftige Angelegenheit.
 
Unsere Pferde warten bereits auf uns. Was wir dann sehen, ist eher enttäuschend. Zottelig, klein, gedrungen – die Gäule sind ja mehr Ponys. In Wahrheit sind Mongolenpferde extrem zähe Burschen. Sie leben das ganze Jahr im Freien – bei 30 Grad im Sommer und minus 40 Grad im Winter – und suchen sich ihr Futter selbst. Beim Nadaamfest, dem Nationalfeiertag der Mongolen, rennen sie Strecken von 35 Kilometern mit einem Kind auf dem Rücken im vollen Galopp.
Wir reiten. Mandakh, das Oberhaupt der Nomadenfamilie, voran. Lässig lehnt er auf seinem Tier. Hannah wird warm. Sie zieht ihre Jacke aus – und holla, geht ihr Gaul durch. „Schu“, brüllt Ankhaa und kann die Stute zum Glück wieder einfangen. Mongolenpferde sind sensibel. Ungewohnte Geräusche oder auch Gerüche – damit haben sie ein Problem. Also – bloß keine Experimente. Schön ruhig im Sattel sitzen bleiben und die traumhafte Landschaft genießen.

Donkosaken im Bordradio

Abends fallen wir auf unsere Pritschen in den Nomadenzelten, die Sterne glitzern durch die Öffnung im Dach. Es riecht nach Schaffellfilz, und draußen wiehern die Pferde – Jurtenromantik.
 
Unser Zug schaukelt seit Sonnenaufgang am Baikalsee entlang, im Bordradio singen die Donkosaken. Der Baikal ist ein See der Superlative: 636 Kilometer lang, 27 bis 80 Kilometer breit, bis zu 1637 Meter tief – damit ist er das weltweit größte Süßwasserreservoir. Mit 25 Millionen Jahren ist er zudem der älteste See der Erde. Hier leben die einzigen Süßwasserrobben, der Omul, ein leckerer Speisefisch, und zahlreiche andere endemische Arten. Die Natur ist einzigartig. Wir rauschen an Tausenden von Birken, Kiefern, Zedern und sibirischen Lärchen vorbei. Dahinter glitzert das „heilige Meer“, wie die Burjaten ihren See nennen. Wir haben die Möglichkeit, diese phantastische Kulisse für fünf Euro in allererster Reihe zu genießen, von der Lok aus – ein spektakuläres Erlebnis.
 
Später am Nachmittag sitzen wir dann am Ufer des Sees und genießen geräucherten Omul, duftende Gurken, Tomaten, Dill, Kartoffeln und selbstverständlich Wodka. Baikal-Wodka, denn der ist wunderbar mild. Vor uns das bleiern-blaue, kristallklare Wasser – warm ist es nicht, auch jetzt im Sommer nicht, vielleicht 13 oder 14 Grad. Trotzdem sind einige von uns so mutig und baden darin. Wann schwimmt man schon mal wieder im Baikalsee?