Unser Guide Joseph ist so leicht durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Doch als er sieht, wie Stefan mit einem Grasbüschel in der ausgestreckten Hand auf den fünf Meter hohen Giraffenbullen zugeht, wird er laut: „Stopp, nicht weiter!“ Stefan ist Unternehmensberater aus Hamburg – und gewohnt, dass er derjenige ist, der bestimmt, wo es langgeht.

Er macht noch einen Schritt auf die Giraffe zu, kann sie jetzt fast berühren: „Wieso, ich will sie doch nur füttern!“ Joseph schaut ihn jetzt direkt an: „Diese Giraffe kann einen Löwen mit einem einzigen Huftritt töten.“ Stefan stockt, lässt die Hand sinken und legt den Rückwärtsgang ein. 

Joseph, ein hochgewachsener Massai, rollt mit den Augen. Er hat schon viel erlebt hier mit den weißen Touristen, die er über Crescent Island führt – eine Halbinsel am Ostufer des hochgelegenen Lake Naivasha in Kenia. Hier sieht Afrika aus wie eine romantische Kulisse für einen Hollywood-Film: weite, sanft geschwungene grüne Hügel, Affenbrotbäume, mächtige Akazien und dazwischen grasende Herden von Gnus, Zebras und majestätische Giraffen.

Crescent Island: Dreh für "Jenseits von Afrika"

Dass uns diese Landschaft so vertraut erscheint, ist kein Zufall: 1985 wurden hier große Teile von „Jenseits von Afrika“ mit Robert Redford und Meryl Streep gedreht. Auf der privaten Halbinsel siedelten die Produzenten dazu eigens ein paar Dutzend Wildtiere an.

Die großen Herden, die heute über Crescent Island ziehen, sind die Nachkommen der vierbeinigen Film-Komparsen. Da es hier keine Raubkatzen gibt, ist das „Wildlife Sanctuary“ der einzige Ort in Kenia, an dem Safaris zu Fuß möglich sind. An Menschen gewöhnt, lassen die Herden Touristen bis auf wenige Schritte an sich heran. 

„Das hier“, sagt Joseph, „ist der friedlichste Platz auf der Welt.“ Und wer würde ihm widersprechen, während am Himmel ein Fischadler kreist und vor uns eine Gruppe Flusspferde träge in der Nachmittagssonne badet? Weil der Lake Naivasha 1884 Meter über dem Meer liegt, ist das Wasser so kalt, dass es hier keine Krokodile gibt. Später zeigt Joseph uns das größte Raubtier der Halbinsel: Priscilla, einen enormen Python, der sich reglos auf einem Felsen sonnt.

Der Trip nach Crescent Island markiert die Halbzeit unseres Ostafrika-Urlaubs: Zuerst war die Safari, ein Abstecher über Silvester in eine Zelt-Lodge in der Masai Mara. Danach folgen Strand, Palmen und Sundowner am Indischen Ozean. Mombasa und die Pauschalziele an der kenianischen Küste lassen wir links liegen. Stattdessen zieht es uns nach Sansibar, der Insel mit dem Sehnsuchtsnamen. Der Fotograf einer großen Illustrierten erzählte uns an einer Bar in Nairobi, er habe im Lauf seiner vielen Dienstjahre fast 40 afrikanische Länder bereist: „Der einzige Ort, wo ich mich wirklich wohlgefühlt habe, war Sansibar.