Overtourism: Gibt’s eine Lösung für den negativen Reisetrend?

Overtourism: Gibt’s eine Lösung für den Negativtrend?

Dubrovnik, Barcelona, Venedig: Wunderschöne europäische Städte, die ein gemeinsames Problem haben. Sie sind beliebt. So beliebt, dass die Touristenmassen Stadtverwaltungen und Einheimische überfordern.

Kreuzfahrttouristen bevölkern die Straßen in der Altstadt von Dubrovnik, Kroaten.
Volle Straßen in Dubrovnik: Weil die Tourimassen den Welterbetitel gefährden, dürfen ab 2019 nur zwei Kreuzfahrtschiffe pro Tag anlegen.

Foto: imago/Pixsell/Grgo Jelavic

Kennst du das auch? Du siehst das Bild einer einsamen Bucht auf Instagram, das Meer funkelt, der Strand ist sauber und vor allem – menschenleer. Da musst du hin!

Doch sobald du auf deiner nächsten Reise der Traumbucht einen Besuch abstattest, kommt die böse Überraschung: Der Sand ist übersät mit Kippen und Eisstielen, rechts neben dir plärrt ein Kind und dein linker Oberschenkel klebt quasi am Hinterteil deines Sitznachbarn: Der Strand ist überfüllt. 

Overtourism – wenn du von einsamen Stränden träumst und in der Sardinendose endest

Deine Erwartungen waren also ungefähr so hoch wie der Eiffelturm, die Realität versinkt aber am Grund der Seine. Dir fallen bestimmt auch noch andere Situationen ein, wie die „Mona Lisa“, die hinter Hunderten Handys verschwindet, oder wie du dich zwischen Selfie-Sticks und Bauchtaschen über die Karlsbrücke in Prag geschoben hast.

Kein Wunder, dass das Thema Overtourism in den letzten Monaten immer mehr Urlauber und auch Einheimische bewegt – und vor allem sauer macht. Das Problem: Es wird eng an den schönen Plätzen dieser Welt, die Menschen aus Filmen, sozialen Medien oder von Empfehlungen kennen und unbedingt einmal im Leben selbst besuchen möchten.

Immer mehr Urlauber wollen an die immer gleichen Ziele

Dank Billig-Airlines wie Ryanair und Easyjet können sich immer mehr Menschen Urlaub leisten. Nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern wie den bevölkerungsreichen asiatischen Staaten China und Indien.

Deshalb wird uns das Problem überfüllter, vermüllter Orte mit griesgrämigen Bewohnern in Zukunft auch noch begleiten. Oder?

Das Problem ist oftmals nicht Overtourism, sondern „Under-Management“.

Prof. Dr. Harald Zeiss, Hochschule Harz

„Overtourism ist eine Grippe, aber kein Krebs – das Problem ist heilbar“, macht Prof. Dr. Harald Zeiss Hoffnung. Er lehrt an der Hochschule Harz zu Tourismus und Nachhaltigkeit und ist stellvertretender Direktor des Instituts für Tourismusforschung. 

Overtourism sei in erster Linie ein „Under-Management“-Problem, sagt er. Die Städteverwaltungen würden oftmals daran scheitern, die Besuchermassen richtig zu lenken, sodass sich nicht alle an einem (oder wenigen) Orten über einen limitierten Zeitraum ballen. 

Umgang mit Overtourism: Lenken statt verbieten

„Es ist vergleichbar mit einem Festival: Das würde ja auch niemand veranstalten, ohne Toiletten aufzustellen und sich um die Müllentsorgung zu kümmern“, erklärt Zeiss. Viele Städte hätten aber zu lange tatenlos zugeschaut, wie immer mehr Menschen ihre Straßen bevölkern, nur um dann die Reißleine mit drastischen Maßnahmen zu ziehen.

Warum kommen überhaupt so viele Menschen? Es gibt verschiedene Kräfte, die den Druck auf Destinationen erhöhen: Neben den Billigfliegern sind das beispielsweise Kreuzfahrtschiffe, die immer zahlreicher und größer werden. Außerdem haben die ja auch nur eine begrenzte Auswahl an spannenden Städten, die am Meer liegen und angesteuert werden können. 

Auch Unterkunftsplattformen wie Airbnb, die die Unterkunftskapazitäten der Städte erhöhen und sich der Kontrolle der Verwaltungen entziehen, sowie die sozialen Medien, die starke Impulse für Reiseentscheidungen senden, befeuern das Overtourism-Problem. 

Städte schränken Urlauber ein, um gegen Overtourism zu kämpfen

Kein Wunder also, dass die betroffenen Städte reagieren: Mit Reglementierung der Kreuzfahrtterminals, Verbot von Souvenirshops, Strafen für rüpelhaftes Benehmen. Manche sind auch so clever, die Touristenmassen besser in der Stadt zu verteilen. 

Amsterdam kommuniziert Zandvoort und Bloemendal beispielsweise international als „Amsterdam Beach“, Munderslot als „Amsterdam Castle“. Beide liegen außerhalb des Stadtzentrums oder gehören streng genommen gar nicht mehr zu Amsterdam.

Einige dieser Ansätze wirken aber eher wie eine hilflose Reaktion auf den Massenandrang, die irgendwie etwas zu spät kommt. Wie sollten Städte, aber auch Nationalparks und Museen stattdessen mit Overtourism umgehen? 

Tourismus muss allen zugutekommen – Urlaubern und Einheimischen

Zeiss zufolge sollten sie ein Gesamtpaket schnüren. Städte könnten beispielsweise den Zugang für Kreuzfahrtschiffe regulieren, Leistungsträger besteuern und die dadurch entstehenden Einnahmen allen Einwohnern und nicht nur Gastronomen zugutekommen lassen, indem sie die Infrastruktur verbessern oder sozialen Wohnungsbau betreiben. 

Museen könnten flexible Besuchszeiten, dynamische Eintrittspreise, innovative Besucherlenkung oder alternative Angebote einführen, Parks könnten Eintritt nehmen, maximale Besucherzahlen festlegen und saisonal die Pforten dicht machen, damit die Natur sich erholen kann. 

Was Reisende gegen Overtourism tun können

Was kannst du als Reisender gegen Overtourism tun? Typische Bucket-List-Ziele entweder außerhalb der Hauptsaison besuchen, außerhalb der Stadtzentren übernachten und erkunden oder gleich nach Alternativen Ausschau halten.

Trotzdem: Venedig, Barcelona, Dubrovnik – all diese Städte werden in Zukunft nicht plötzlich weniger attraktiv. Wie könnte die Entwicklung des Besucherandrangs also zukünftig unsere Reiseerlebnisse beeinflussen?

Hier sieht Zeiss zwei Optionen: Entweder, Destinationen entwickeln sich immer mehr zu Parks, wie es beispielsweise für Venedig immer wieder vorhergesagt wird. Dann wäre zwar Schluss mit Authentizität, dafür würden sich die Erlebnisse wieder stärker mit den Erwartungen decken. 

Und was ist mit denen, die auf authentische Erfahrungen nicht verzichten möchten? Die weichen auf kleinere, noch unbekanntere Orte aus. Dann klappt’s auch mit den (fast) menschenleeren Schnappschüssen, die deine Instagram-Follower neidisch machen.

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