Sechs Wochen lang war ich als Volunteer in Ghana unterwegs und möchte dir im Rückblick gern in meiner Serie „Maike meets Ghana“ von meiner Reise erzählen. Heute berichte ich dir von meinen ersten Tagen im Straßenkinderprojekt und meinen Gedanken, ob ich mit meinem kurzen Einsatz überhaupt etwas bewirken kann.

Die ersten Tage in Ghana habe ich in einem Student House in Accra gewohnt, in einem Achtbettzimmer. Insgesamt wohnten in dem Haus etwa 30 Volunteers, die meisten hatten gerade ihr Abitur in der Tasche.

Es war laut und beengt, es gab viele Streitereien und die meiste Zeit gab es kein fließendes Wasser. Ganz ehrlich, das war nicht meine Welt. Aber es war auch nur eine Zwischenstation, nach drei Nächten zog ich in meine eigentliches Zuhause auf Zeit: zu Mama Mina.

Sie ist mit ein Grund, warum ich mich für Ghana als Einsatzland entschieden habe – sie hat das Straßenkinderprojekt in Accras Stadtteil Nima mitgegründet. Sie ist eine herzliche, korpulente 70-jährige Ghanaerin und hat mich mit einer dicken Umarmung und einem „Welcome home! Hello my big sister“ begrüßt.

Bei Mama Mina bekommt jeder entsprechend seines Alters einen Beinamen wie Baby, Sister oder eben Big Sister – insgesamt waren wir neun Volunteers zwischen 16 und 32 Jahren.

Unsere Gastmutter sorgte für uns wie für ihre eigenen Kinder und sagte immer: „Wir sind eine große Familie.“ Sie hat ein so großes Herz und ich bin ihr unheimlich dankbar, mit welcher Selbstverständlichkeit und Wärme sie uns in ihrem Haus hat wohnen lassen und am Familienleben hat teilnehmen lassen.

So war mein Einstieg im Straßenkinderprojekt

Wir Volunteers teilten uns Zweier-, Dreier- oder Viererzimmer und arbeiteten in verschiedenen Projekten – im Krankenhaus, in Schulen oder wie ich im Straßenkinderprojekt. Meine ersten Arbeitstage waren überwältigend.

Die Begrüßung war stürmisch: Mindestens fünf Kinder rannten „Auntie, auntie“-brüllend auf mich zu – die Volunteers werden alle Tante oder Onkel genannt –, umarmten mich und zeigten mir das Gelände.

Das Projekt findet im großen Garten statt, der zu Mama Minas Haus gehört. Die Kinder haben eine Schaukel, unter einem Dach aus Wellblech gibt es Spielzeug, Tische und Stühle für alle.

Zeit fürs Frühstück: Jeder Tag im Street Children Project hat einen geregelten Ablauf.
Zeit fürs Frühstück: Jeder Tag im Street Children Project hat einen geregelten Ablauf. Foto: privat

Der Tagesablauf ist immer ähnlich: Es gibt Frühstück und Mittagessen für alle, dazwischen finden Unterrichtseinheiten statt und es gibt Zeit zum freien Spielen. Wir haben außerdem viel gesungen, gelacht, getanzt. Neben den Volunteers gibt es zwar auch eine Lehrerin, die uns aber viel Freiraum gelassen hat, um eigene Lernmethoden und Spiele auszuprobieren.

Was kann ich als Volunteer überhaupt bewirken?

Ich hatte während meiner Zeit in Ghana nicht einmal das Gefühl, überflüssig oder fehl am Platz zu sein. Trotzdem begleitete mich eine Frage: Kann ich während einer so kurzen Zeit eigentlich überhaupt etwas bewirken? 

Um wirklich in einer neuen Stadt, einer neuen Tätigkeit und bei neuen Menschen anzukommen, reichen ein paar Wochen sicherlich nicht aus. Aber sie reichen, so hoffe und glaube ich, um zumindest im ganz Kleinen ein wenig bewegen zu können, vielleicht winzige Veränderungen anschieben zu können.

Ich möchte dir ein Beispiel nennen: Bei einem vierjährigen Jungen konnte ich tatsächlich kleine Veränderungen feststellen. Er war anfangs überhaupt nicht zugänglich, wirkte verschlossen, traurig, fast ein wenig verstört. Was genau dieser Junge zu Hause oder auf der Straße im Slum an den Nachmittagen, Abenden und an den langen Wochenenden erlebt, weiß ich nicht. Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterinnen, die durch die Slums laufen und bei den Familien nach dem Rechten sehen? Gibt es in Nima einfach nicht.

Der Junge ging in der Gruppe im Garten vielleicht durch seine Zurückgezogenheit oftmals unter, aber durch Zufall habe ich mich von Anfang an etwas intensiver mit ihm befasst und ihm Aufmerksamkeit geschenkt. Und mit den Wochen konnten wir Volunteers tatsächlich eine Veränderung feststellen.

Während er vorher immer traurig schaute, lachte er immer öfter. Während er anfangs praktisch nie ein Wort sagte, rief er „Auntie, schau mal!“ oder fing an, eines der Lieder wie „Aramsamsam“ zu singen. Was für ein schönes Gefühl das war.

Woran es genau liegt, dass er zumindest so lange ich noch da war, ein aufgeweckter kleiner Junge wurde, weiß ich nicht. Aber es bestärkt mich in meiner Auffassung, dass die Street Kids vor allem eines brauchen: Menschen, die sie fördern und fordern, die ihnen zuhören für sie da sind.