Wenn du den Mythos Irland suchst und das raue Klima nicht scheust, solltest du die Westküste der Insel besuchen. Regen und Wind, mooriger und felsiger Boden und schlechte Wege sprachen jahrhundertelang dagegen, dass sich hier freiwillig Menschen ansiedelten. Die Menschen, die im Westen lebten, sprachen weiterhin Gälisch und höchstens als Zweitsprache Englisch.

Touristen, die wilde Natur und das Ursprüngliche lieben, sind allerdings immer gern gekommen. Seit dem Wirtschaftsboom und erst recht seit der darauffolgenden Krise zieht es nun auch Iren aus dem hektischer und teurer gewordenen Großraum Dublin gen Westen.

Paul Phelan ist so ein „Hineingewehter“, wie er selbst von sich sagt. Von Letterfrack aus, einem Dorf am Fuße des Connemara-Nationalparks, führt der 52-Jährige Wanderer auf steinigen Wegen den 442 Meter hohen Diamond Hill hinauf. Selbst wenn die Sonne scheint und der weite Blick auf Meer, Moor, Hügel und Seen schon genug wäre, hält auch der ehemalige Dubliner die Vergangenheit des Landstrichs lebendig. Die Legenden der Region sind Phelan präsent. „Die Insel Inishbofin“, sagt er und zeigt übers Meer, „die ist nach einer weißen Kuh benannt, die sich plötzlich in einen Stein verwandelte.“ Aus einem See auf der anderen Seite des Diamond Hill soll ein Schimmel gesprungen sein, von dem ebenfalls nur ein Fels übrig blieb. Und drüben in Clifden gibt es die „weiße Lady“.

Galways faszinierende Einöde

Die Geschichten, die bei Sonnenschein einige Fantasie erfordern, erscheinen am nächsten Tag gar nicht mehr unwahrscheinlich. Es ist ein verhangener Tag auf dem Burren, einem kargen, felsigen Hochplateau südöstlich der Galway-Bucht. Immer wieder beginnt es zu regnen. Weiße Kühe, weiße Damen – gut vorstellbar mit Blick auf die Felsen am dunstigen Horizont. Auch in dieser einzigartigen, scheinbar gottverlassenen Gegend ist es gut, einen ortskundigen Führer zur Seite zu haben. Ein paar markierte Wege gibt es zwar in der faszinierenden Einöde, aber sie sind schlecht zu erkennen. 

Wanderführer Tony Kirby ist Burren-Experte und hat ein Buch über die weitläufige Karstlandschaft im County Clare geschrieben. Stundenlang kann er von alten Pilgerwegen erzählen, von frühchristlichen Mönchen, die in Höhlen lebten, aber auch von der überraschenden Mischung aus alpinen und mediterranen Blumen, die zwischen den Felsen wachsen.

In Irlands Westen lebt die traditionelle Musik

Der 55-Jährige ist vor einigen Jahren in Irlands Westen umgezogen, „der Musik wegen“, wie er sagt. Die Westküste nämlich ist das Kernland der traditionellen irischen Musik, der Jigs und Reels, Polkas und Hornpipes. Überall finden sich Pubs, in denen sich ein oder mehrmals pro Woche Instrumentalisten, häufig auch Sänger und manchmal noch Stepptänzer zu abendlichen Sessions zusammenfinden.

Nahe den Klippen von Moher, in Doolin, dem „Mekka“ der irischen Traditionsmusik, sogar jeden Tag. Die Einheimischen sprechen im Übrigen von „Traditional“ oder „Trad Music“ – als Folk gelten überlieferte Gesangsstücke. 

Traditional at it best???????? #gusoconnorspub #ireland #thesextons

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Nicht nur Touristen, auch Einheimische strömen spätabends in die Kneipen, lauschen verzückt dem spontanen Zusammenspiel von Geige und Flöte, Mandoline, Banjo und Ziegenfelltrommel. Jeder, der das Grundrepertoire beherrscht, kann einfach mitspielen, 40 oder 50 Instrumentalisten kommen manchmal zusammen.

Mancher Reisende mit Gitarre im Gepäck, der daheim seit Langem irischen Folk spielt, erfüllt sich so einen Traum. „Um die Sache in Gang zu bringen, bezahlen die Pubs immer zwei Musiker, die anfangen und den Ton angeben“, erzählt Heather Greer, die mit ihrer Freundin Mary Lovett selbst von Pubs engagiert wird.

Greer und Lovett haben sich noch ein weiteres Standbein geschaffen, das ist allerdings mehr eine Mission: „Dusty Banjos“, die von ihnen gegründete Schule und Band für traditionelle irische Musik, richtet sich an Erwachsene, die ihre musikalischen Fertigkeiten auffrischen und sich langsam an Sessions herantrauen wollen. Auch die beiden Musikerinnen sind vor ein paar Jahren nach Connemara gezogen. „Wir lieben die Westküste“, stimmen sie überein.