Kaum hat das Flugzeug auf der Betonpiste in Punta Arenas aufgesetzt, wird es von einer steifen Windböe durchgeschüttelt. Wer im tiefen Süden Chiles unterwegs ist, spürt nicht nur die Weite des Landes, sondern auch, wie unbarmherzig das Wetter sein kann. Wir wurden gewarnt: Innerhalb von Minuten sind hier alle vier Jahreszeiten erlebbar, wird herrlicher Sonnenschein von bitterkalten Hagelschauern abgelöst. 

Mit Böen von Tempo 100 und mehr fegt der Wind die Wolken davon, hinweg über verkrüppelte Bäume und trockene Grasbüschel, zwischen denen Schafe und Guanakos weiden, als seien sie nicht von dieser Welt. Die Fahrt geht von Punta Arenas nach Puerto Natales und über schotterartige Pisten weiter durch das westliche Patagonien zum weltberühmten Nationalpark Torres del Paine.

Und wie aus dem Nichts tauchen sie plötzlich auf: die „Türme des blauen Himmels“, wie sie übersetzt heißen, die nadelartigen Granitberge, die 2.800 Meter fast senkrecht aus der chilenischen Pampa in den Himmel wachsen. „Es gibt einen Platz auf Erden, an dem du dem Schöpfer die Hand reichen könntest, wenn du noch eine Winzigkeit näher wärst“ – mit diesem Spruch unter dem Abbild dieser mystischen Felsenburg warb Chiles Tourismusbehörde jahrelang. In diesem Moment wissen wir warum.

Atemberaubender Anblick: Torres del Paine

Hier, nahe am Ende der Welt, wo Kap Hoorn nicht weit und der Hauch des südpolaren Eismeeres bereits deutlich zu spüren ist, in der braunen patagonischen Steppe, wo einen die Winde wie Faustschläge treffen können, führt die Natur noch einmal ein großes Schauspiel auf.

Umgeben von azurblauen Seen, durchzogen von grünen Wäldern, kalbenden Gletschern und unzähligen Wanderwegen ist der 1959 entstandene Torres-Nationalpark ein Muss für alle Chile-Besucher. Jedes Jahr kommen inzwischen rund 200.000 Touristen in den Süden des Landes, um sich an seinem atemberaubenden Panorama sattzusehen oder gar als Trekkingtourist die bizarre Bergwelt zu durchstreifen.

Schild der Gletscher im Nationalpark Torres del Paine in Patagonien in Chile
Die drei nadelartigen Granitberge sind bis zu 2.850 Meter hoch. Foto: Pixabay

Die Zeit drängt. Wir wollen Menschen kennenlernen, die in dieser so schönen wie abweisenden Region leben, die sich schon fast prophetisch „Ultima Esperanza“ – übersetzt „letzte Hoffnung“ – nennt.

Deutscher Pionier in Patagonien

Nur wenige Kilometer entfernt von Puerto Natales treffen wir den deutschstämmigen Farmer Erik Eberhard (32). Sein Ururgroßvater ist in ganz Chile ein Begriff. Hermann Eberhard, ein ehemaliger Kapitän mit schlesischen Wurzeln, gründete 1893 die erste Siedlung in Westpatagonien und beanspruchte damit weitgehend unbesiedeltes Land im Namen des jungen Staates Chile gegenüber fremden Mächten wie Großbritannien oder Argentinien.

Zwei Jahre später fand der ehemalige Auswanderer und neue Schafbaron dann in einer Höhle die Reste eines vor 10.000 Jahren ausgestorbenen Riesenfaultiers – eines über vier Meter großen Pflanzenfressers mit dem Gewicht eines Elefanten. „Er war schon ein verrückter Abenteurer“, sagt Erik schmunzelnd über seinen berühmten Vorfahren, dem er auf seiner Estancia bald ein Museum widmen will. 

Ausritt mit einem Gaucho

Über die freut sich auch Luis Caiuquel. Der 55-Jährige ist ein Gaucho, wie er im Buche steht: Lederstiefel, schwarze Reithose und rotes Hemd mit dem Konterfei von Gauchito Gil auf dem Rücken – einem argentinischen Robin Hood des 19. Jahrhunderts, der später zum Volksheiligen der südamerikanischen Gauchos avancierte. Schon mit elf Jahren trieb Luis Viehherden über die Pampa.

Heute züchtet er Pferde und zeigt Touristen vom Sattel aus seine schöne wie raue Heimat. Auch wir schwingen uns aufs Pferd und staunen über die grenzenlose Trittsicherheit und unendliche Geduld der chilenischen Pferde. Auf einer Anhöhe satteln wir ab und lassen die Tiere grasen. Luis entzündet ein Lagerfeuer und reicht erfrischenden Matetee herum. In diesem Augenblick fühlen wir uns eins mit Chile, mit Patagonien und seinen Menschen.