Es ist Sonntagmittag, und die große Wiese ist fast leer. Dort, wo vor wenigen Stunden noch rund 2.000 Menschen das „Azores Burning Summer“-Festival feierten, werden in entspanntem Tempo die Bühne und eine kleine Zeltkolonie des Musikfestes abgebaut. Doch etwas fehlt gänzlich auf dem großen Platz an einem sanften Hang im Hafenstädtchen Porto Formoso: Müll. Es liegt nichts auf dem Boden.

„Azores Burning Summer“: Das vielleicht sauberste Festival in Europa

Sind die enormen Müllberge aus Plastikmüll, Essensresten und Zigarettenkippen bei großen Sommerfestivals in ganz Europa ein massives Umweltproblem, so fehlen sie bei diesem Festival auf der Azoreninsel São Miguel komplett. „Wir wollen guten World-Pop von Künstlern aus Portugal, Brasilien oder von den Kapverden hören, eine gute Zeit mit unseren Freunden verleben – dafür müssen wir doch nicht unsere Umwelt schädigen“, fasst Festivalgründer Filipe Tavares sein kluges Konzept zusammen.

Der Porto-Formoso-Strand bei Tageslicht.
Der Porto-Formoso-Strand bei Tageslicht. Foto: Frank Schmiedel

Der Plan des gebürtigen Insulaners geht auf dem Rasen auf. Hier kann problemlos gepicknickt werden, ohne Angst vor Zivilisationsschmutz. Auch nicht vor Glasscherben: „Im Eintrittspreis unseres Zwei-Tage-Festivals ist ein Plastikbecher samt Band enthalten, mit dem der Becher um den Hals getragen werden kann“, so der bärtige Filip, der das Festival erfand, dessen vierte Auflage Anfang September umjubelt über die Bühne ging.

Den Becher immer halb voll – mit Gin-Drinks und portugiesischem Wein

„Getränke gibt es ausschließlich an unseren Verkaufsständen, Glasflaschen gelangen so nicht auf unseren Rasen.“ Dafür aber die Becher am Band, gut gefüllt mit lokalen Gin-Drinks, tollen portugiesischen Weinen oder lokalen Softdrinks wie Kimo, der süß-sauren Passionsfruchtlimonade.

Ein Becher vom „Azores Burning Summer Festival“ auf den Azoren.
Der Festivalbecher verhindert Müll und schützt die Umwelt. Foto: Frank Schmiedel

Das Trinkgefäß verdirbt nicht den Trinkgenuss, hält aber den ökologischen Fußabdruck jedes Festivalbesuchers klein. „Viele Besucher haben die Becher vom Vorjahr wieder mit dabei“, merkt Tavares stolz an. „Sie haben verinnerlicht, dass wir etwas tun können, um unsere Umwelt nicht noch mehr zu verunreinigen und zu zerstören.“

Auf den Azoren erlebst du alle Jahreszeiten an einem Tag

Die zu Portugal gehörenden Azoren sind neun schützenswerte Eilande inmitten des Atlantiks. Diese einst riesigen Vulkane liegen quasi auf halbem Weg zwischen Europa und Amerika. Getreu dem Spruch der Insulaner „Wir haben hier Jahreszeiten – an einem Tag“ gibt es nicht nur regelmäßige Wetterwechsel zu erleben, Abwechslung steht hier allerorten auf dem Programm: Atemberaubende Strände mit schwarzem Sand, ein Hinterland in tiefem Grün, Berge mit Spitzen in Nebelwolken, klare Seen am Boden ehemaliger Vulkankegel, schroffe Felsen am Meer sind auf der Hauptinsel São Miguel auf engstem Raum zu erleben.

Wolken über der Landschaft der Azoren.
Eine Tour über die Insel bietet Überraschungen: Hinter mannshohen Farnen öffnet sich ein Hochtal voller Grün. Foto: Frank Schmiedel

Einige Orte auf der Insel kommen dem erstaunten Besucher vor wie aus „Jurassic Park“ oder „Lost“, andere Plätze würde man ohne Einheimische Kenner kaum entdecken. Eine gemeinsame Tour über die Insel bietet oft Überraschendes: Ein Trampelpfad hier, eine Weggabelung dort – und hinter mannshohen Farnen öffnet sich ein Hochtal voller Grün. Durch die Szenerie fließt ein breiter Bach, sein mineralisches Wasser ist so sauber und klar, dass man es bedenkenlos trinken kann.

Auf den Azoren ungezähmte Küste und die Kraft des Atlantiks erleben

Wenige Kilometer weiter kannst du auf Fischerbooten eine Fahrt entlang der ungezähmten Küste buchen, wer weiter draußen Wale und Delfine beobachten möchte, der besteigt eines der vielen Speedboote. Dafür soltest du allerdings seefest sein, der Nordatlantik fordert immer wieder seinen Tribut an der Reeling.

Boote im Hafen von Porto Formoso auf den Azoren.
Die Boote im Hafen von Porto Formoso warten auf seefeste Urlauber, die sich auf den Nordatlantik trauen. Foto: Frank Schmiedel

Wer dann wieder Appetit hat, kommt auf den Azoren nicht zu kurz: Der frische Fisch in den kleinen Familienrestaurants wie dem Maré Cheia in Porto Formoso schmeckt noch nach Fisch – etwas Zitrone drüber, etwas Öl und ab in den Mund. Ein echter Genuss dank Insellage.

Großer Genuss in kleinen Familienbetrieben

Steakfreunde haben auf der Hauptinsel São Miguel ihr Eldorado gefunden, die Qualität der Rindersteaks muss keinen Vergleich zu den Sorten vom Festland scheuen. Empfehlenswert ist der Familienbetrieb O Silva in Ribeira Grande, im hell gekachelten Gastraum schaut Besitzer Carlos Silva täglich selbst nach dem Rechten. Fleisch und Zutaten bezieht er von lokalen Erzeugern, Rinderzucht und Milcherzeugung sind Hauptwirtschaftszweige der Azoren, Milch und Käse sind frische Delikatessen.

Pasteten auf den Azoren.
Die köstlichen Pasteten sind nur ein Beispiel dessen, was auf den Azoren aus Milch gezaubert wird. Foto: Frank Schmiedel

Die Einheimischen sagen, dass es wohl fast so viele Kühe wie Menschen auf den Azoreninseln gibt, also knapp 250.000 schwarz-weiß gefleckte Insulaner. Mit immensem Durst. Jede Kuh braucht im Schnitt 100 Liter Wasser pro Tag – und der Sommer 2018 war auch auf den Azoren so regenarm wie seit 30 Jahren nicht mehr.

Die Insulaner wollen ihre einzigartige Natur auf den Azoren schützen

Selbst hier, mitten im Ozean, regelmäßig bedeckt von vielen Wolken, ist der Klimawandel sichtbar. Eine große Zahl der Inselbewohner hat erkannt, dass sie in einem Paradies leben, welches sie aber schützen müssen. So gibt es mittlerweile an den Zugängen zu fast allen Badestränden kleine kegelförmige Plastikdosen, in denen der Gast seine Zigarettenkippen sammeln kann. Eine Schutzmaßnahme auf niedrigem Niveau, aber dennoch wirksam. 

Die Vulkanstraße auf den Azoren im Nebel.
Trotz oftmals dicker Nebelschwaden macht sich der Klimawandel mit Dürreperioden auch auf den Azoren bemerkbar. Foto: Frank Schmiedel

Die großen Mengen von Plastikmüll spült aber der Atlantik an die Strände der Azoren. So auch gelegentlich an den breiten, dunklen Strand in Porto Formoso, an dem das Festival mittlerweile traditionell am frühen Sonntagmorgen mit dem Verbrennen von großen Holzscheiten und mit Livemusik zu Ende geht. 

Das „Bon Fire Beach Ritual“ am Strand.
Das „Bonfire Beach Ritual“ lädt zum Tanz auf dem Vulkan ein. Foto: Frank Schmiedel

Umweltbewusstsein bis zum Schluss: „Wir sammeln angeschwemmtes Holz ein und achten bei gekauftem Holz darauf, dass es unbehandelt ist, bevor wir es in die Feuerschalen legen“, erklärt Festivalchef Filipe Tavares. Ökologisches Denken und eine gute Party können Hand in Hand gehen. So wie in Porto Formoso. 

Tipss für deine Reise auf die Azoren

Flüge: Die Hauptinsel São Miguel wird vom europäischen Festland und auch von Deutschland aus angeflogen, beispielsweise von Ryanair, Air Azores oder TAP. Idealer sind Direktflüge, das Drehkreuz Lissabon ist derzeit wegen vieler Verspätungen nicht zu empfehlen. Es besteht hier die hohe Wahrscheinlichkeit, dass Anschlussflüge nicht immer geschafft werden können.

Unterkunft: Hotels und Ferienwohnungen gibt’s auf den Inseln in verschiedenen Klassen in ausreichender Anzahl. Auf den kleineren Inseln gibt es meist nur einfache Unterkünfte oder Gästezimmer. Private Wohnungen sind über Airbnb in vielen größeren Orten der Azoren anmietbar.

Mietwagen: Mietwagen sollten schon von Deutschland aus gebucht werden, Klein- bis Kompaktwagen mit Navigation sind zu empfehlen. Die Überlandstraßen sind dank EU-Geldern modern und sicher ausgebaut. Abseits der Schnellstraßen werden die Fahrwege schmaler, mit Vorsicht, Rücksichtnahme und viel Gelassenheit kommt man aber unfallfrei über die Insel. Wer abseits der geteerten Straßen unterwegs sein möchte, sollte unbedingt ein allradgetriebenes Fahrzeug anmieten.

Verständigung: Portugiesisch ist eine melodische Sprache, wird aber selten an deutschen Schulen gelehrt. Das sollte den Interessierten nicht vom Trip auf die Azoren abhalten, sehr viele der freundlichen Insulaner sprechen gutes bis sehr gutes Englisch. Das liegt daran, dass viele von ihnen während ihrer Ausbildung Englisch gelernt haben oder  lange in Nordamerika arbeiteten. Zudem ist man auf internationale Touristen eingestellt, Hotels und Reisebüros bieten Assistenz an.