Es ist das Meer, in das ich mich zuerst verliebe. Die Wellen rauschen an der Küste der Kapverden nicht, sie toben und wüten und werfen sich mit voller Wucht an den Strand. „Das liegt daran, dass ihnen nichts im Weg ist“, sagt mein Guide und deutet auf die Weite des Atlantiks. 

Es stimmt. Wenn du auf einer der Kapverdischen Inseln im Süden am Strand stehst und auf den Ozean blickst, siehst du nur das Meer, sonst nichts. Kein anderes Land, keine andere Insel, auf die die Wellen treffen könnten. Selbst, wenn du dir rasch eine Weltkarte ins Gedächtnis rufst: Hier kommt lange nichts.

Nur das Meer, mehr siehst du nicht.
Nur das Meer, mehr siehst du nicht. Foto: Jasmin Kreulitsch

Die nächste Landmasse, die sich den Wellen in den Weg stellen könnte, ist die Antarktis, aber die ist so weit weg, dass man sich das kaum vorstellen kann. Vielleicht ist die Brandung deshalb so ungezügelt.

Die Inselgruppe der Kapverden liegt etwa 570 Kilometer vor der afrikanischen Westküste und besteht aus 15 Inseln, von denen neun bewohnt sind. Insgesamt 500.000 Einwohnern leben auf einer Fläche von gerade mal 4.033 Quadratkilometern. Damit sind die Kapverden eines der kleinsten Länder der Welt.

Motto auf den Kapverden: No Stress.
Motto auf den Kapverden: No Stress. Foto: Jasmin Kreulitsch

Wo Afrika draufsteht, ist allerdings Portugal drin – oder zumindest beides. Schon 1456 entdeckten die Portugiesen die Kapverdischen Inseln und wollten die unbewohnte Inselgruppe direkt nutzen. Die Lage im Drehkreuz zwischen Europa, Amerika und dem indischen Ozean erschien ihnen ideal, um neue Handelswege zu erschließen und politische Häftlinge unterzubringen. 

Kapverden: Afrikanische Kultur mit portugiesischem Flair

Doch über die Jahrhunderte entwickelte sich eine andere Dynamik: „Freie“ und Sklaven lebten Seite an Seite – so entstand ein Mix der Ethnien und eine neue, kreolische Kultur. Der Inselstaat wurde übrigens erst im Jahr 1975 eine unabhängige Republik und war bis dahin portugiesisches Überseegebiet, deshalb triffst du auch noch heute auf afrikanische Kultur und portugiesisches Flair.

Es sind auch die Menschen, in die ich mich hier verliebe. Sie sind freundlich, humorvoll, hilfsbereit und relaxt, denn das Motto der Kapverdier lautet „no stress“. Vor allem aber sind sie aufgeschlossen. Das Land, das erst im Jahr 1991 die ersten freien Wahlen abhielt, gilt als nahezu visionär für einen afrikanischen Staat: Es gibt weiblich besetzte Ministerposten, Frauen in Führungspositionen, Familien ohne Trauschein – und Homosexualität ist von Gesetzes wegen erlaubt.

reisereporterin Jasmin hat sich in die unendlichen Weiten des Ozeans verliebt.
reisereporterin Jasmin hat sich in die unendlichen Weiten des Ozeans verliebt. Foto: Jasmin Kreulitsch

Ein Urlaub auf den Kapverden ist ein bisschen wie eine Zeitreise. So wie sich die Tage hier anfühlen, war das Leben vielleicht einst auf den Kanarischen Inseln, bevor der Tourismus kam. Eine raue Küste, von der Sonne verbrannte Erde mit tiefen Rissen, kleine, ursprüngliche Dörfer – und sonst nichts.

Alles geht ein bisschen langsamer. Touristen trudeln nicht in Strömen ein, von Overtourism keine Spur. Im Gegenteil: Auf den malerischen Stränden kannst du stundenlang spazieren gehen, ohne jemandem zu begegnen. Selbst auf den beiden Inseln Sal und Boa Vista, die touristisch am meisten erschlossen sind, ist das Leben entschleunigt und pur. Halt „no stress“. Das Motto der Kapverdier hat schon seine Gültigkeit.