Toulouse: Die rosarote Stadt der Luftfahrt I reisereporter.de

Toulouse: Die rosarote Stadt der Luftfahrt

Toulouse ist in diesem Jahr Europas Stadt der Wissenschaft. Im Grunde aber ist die südfranzösische Stadt Europas Zentrum der Luft- und Raumfahrt – und einer der schönsten französischen Orte ohnehin.

„La ville rose“ – die rosarote Stadt: Entlang der Garonne zeigt das südfranzösische Toulouse seine ganze Schönheit.
„La ville rose“ – die rosarote Stadt: Entlang der Garonne zeigt das südfranzösische Toulouse seine ganze Schönheit.

Foto: Florian Calas/jourdenuit

Am Beluga lässt sich am besten ablesen, wer in Toulouse wirklich zu Hause ist und wer nicht: Wenn das knubbelige Transportflugzeug von Airbus über der Stadt schwebt, um Teile neuer Maschinen aus den europäischen Werken in die Zentrale am Flughafen Blagnac zu bringen, zücken Besucher fix ihre Kameras. Solch einen Flieger siehst du andernorts nicht gerade jeden Tag – vielleicht vom Norden Deutschlands mit mehreren Airbus-Werken abgesehen. Für die Toulouser ist der Anblick hingegen Alltag. Was sollen sie da noch fotografieren?

Mittelalterliche Backsteinbauten prägen das Zentrum von Toulouse

Es klingt ein bisschen paradox: Toulouse ist zweifelsfrei eine der schönsten Städte Frankreichs. Das Zentrum am Fluss Garonne ist geprägt von mittelalterlichen Bauten aus Backstein. Das brachte der Stadt den Beinamen „la ville rose“ ein, die rosarote Stadt. Am deutlichsten wird dies vor dem prachtvollen Kapitol, dem Rathaus von Toulouse, wo ein rosarotes Backsteinensemble den großen Marktplatz umgibt. Und genau hier, in dieser Stadt, soll Europas Luft- und Raumfahrtzentrum liegen? Hier befindet sich Europas Stadt der Wissenschaft 2018?

Das prachtvolle Kapitol von Toulouse, also das Rathaus, steht an einem großen Marktplatz, der von einem rosaroten Backsteinensemble umgeben ist.
Das prachtvolle Kapitol von Toulouse, also das Rathaus, steht an einem großen Marktplatz, der von einem rosaroten Backsteinensemble umgeben ist. Foto: Dominique Viet

Wer das verstehen will, muss in der Geschichte ein bisschen zurückgehen, am besten bis ins Jahr 1919. Damals begann in Toulouse die Ära der Luftpost. Schon zuvor waren zwar in der Stadt Flugzeuge gebaut worden, nun starteten hier, aus dem Süden Frankreichs, Piloten, um Briefe nach Afrika und später auch nach Südamerika zu transportieren. Einen von ihnen kennt heute jeder: Antoine de Saint-Exupéry, Autor des Märchens „Der kleine Prinz“, stieß 1926 zur Luftfrachtgesellschaft Latécoère.

Wie viele seiner Kollegen bezog er damals im Hotel Le Grand Balcon Quartier, in einem Backstein-Eckhaus, gleich um die Ecke vom Kapitol. Auf diese Tatsache ist man heute in Toulouse schon ein bisschen stolz: Deswegen trägt inzwischen auch ein Zimmer Saint-Exupérys Namen, es ist passend mit Möbeln der Zwanzigerjahre ausgestattet.

Flugzeugmuseum zeigt Maschinen aus den Zwanzigerjahren

Wie waghalsig die Luftpostflüge in den Zwanzigerjahren gewesen sein müssen, lässt sich am besten im Aeroscopia am Flughafen im Vorort Blagnac erahnen: Das Flugzeugmuseum von Toulouse zeigt hier unter anderem eine Maschine aus der damaligen Zeit – die Piloten waren auf sich allein gestellt, denn es gab nur einen Platz für sie, keine echte Kabine, nicht mal einen Schutz vor Wind und Wetter, von einer winzigen Frontscheibe einmal abgesehen. Wer hier einstieg, muss ein echter Luftfahrtliebhaber gewesen sein. Das war Saint-Exupéry, der 1944 bei einem Flug ums Leben kam. Und das scheint bis heute ganz Toulouse zu sein.

Auch bei der Veränderung zur modernen Luftfahrt spielte die Stadt eine bedeutende Rolle: Der Airbus-Vorgänger Aérospatiale baute hier die französischen Maschinen der Concorde. Später entwickelte Airbus mit dem A300 den Grundstein für die heutige Flotte der europäischen Mittel- und Langstreckenmaschinen. Bis heute werden in dem Werk am Flughafen Blagnac die meisten Airbus-Modelle zu Ende montiert – auch wenn viele Bestandteile aus weiteren Werken in Spanien, Deutschland und Großbritannien stammen.

Im Museum Aeroscopia in Toulouse bekommen Besucher einen interessanten Einblick in die Welt der Luftfahrt.
Im Museum Aeroscopia in Toulouse bekommen Besucher einen interessanten Einblick in die Welt der Luftfahrt. Foto: Michael Pohl

Im Aeroscopia steht neben einem A300 unter anderem auch eine Concorde. Besucher können hindurchmarschieren und sehen, wie es unter anderem im Frachtraum aussieht, im Cockpit und in der ersten Klasse mancher Airline. 

22 Fußballfelder groß sind die Produktionsstätten.

Birgit Kirchner, Führerin im Aeroscopia

Wer noch mehr wissen will, kann eine der Airbus-Werksführungen buchen, die hier im Museum beginnen. „22 Fußballfelder groß sind die Produktionsstätten“, sagt Führerin Birgit Kirchner. Nur einen Bruchteil davon allerdings sehen Besucher, nämlich die Endmontage des A380, des größten Flugzeugs der Welt. Doch es gibt jede Menge Hintergrundinformationen über Tests, Produktion und Auslieferung der Airbus-Maschinen.

Wer höher hinaus will, muss weiterfahren in die Cité de l’espace. Rund um eine Ariane-Rakete ist in dem Raumfahrtzentrum von Toulouse Europas Weg in den Weltraum nachgezeichnet – so detailliert, dass Besucher gut und gern einen ganzen Tag hier verbringen können.

Die Cité de l’espace ist das Raumfahrtzentrum von Toulouse. Hier sehen Besucher zum Beispiel ein baugleiches Forschungsmodell der Raumstation Mir.
Die Cité de l’espace ist das Raumfahrtzentrum von Toulouse. Hier sehen Besucher zum Beispiel ein baugleiches Forschungsmodell der Raumstation Mir. Foto: L. Garcia/Cité de l'espace

In einem baugleichen Forschungsmodell der Raumstation Mir erleben sie, auf welch beengtem Raum Astronauten im All zurechtkommen müssen. Wer in der ausgestellten Sojus-Kapsel Platz nimmt, wird die ganzen Strapazen des Hinfluges zumindest in Teilen nachvollziehen können. Es ist eng und unbequem – kaum vorstellbar, hier gut sechs Stunden still sitzen zu müssen.

Wissenschaftscafé ist Spielwiese für Junggebliebene

Samuel Julliot bleibt ohnehin lieber auf dem Boden der Tatsachen, mitten in der Toulouser Altstadt. Der gerade einmal 27-Jährige ist Doktor der Biotechnologie und nach Studien- und Arbeitsaufenthalten in Paris und Freiburg wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt – nicht, um zu forschen, sondern um sich einen Traum zu verwirklichen.

Gemeinsam mit seinem Schulfreund Arnold Oswald gründete er das Eurêkafé, ein Wissenschaftscafé. Eigentlich ist es weniger ein Café im herkömmlichen Sinne als vielmehr eine Spielwiese für ewig Junggebliebene.

Samuel Julliot spannt in seinem Wissenschaftscafé Eurêkafé in der Altstadt von Toulouse den Bogen zur Wissenschaft.
Samuel Julliot spannt in seinem Wissenschaftscafé Eurêkafé in der Altstadt von Toulouse den Bogen zur Wissenschaft. Foto: Michael Pohl

Ein Computer mit Flugsimulatorsoftware steht bereit, es gibt Spiele, WLAN und zwei Besprechungsräume. Und natürlich Kaffee und Getränke. „Wir berechnen nichts für Speisen und Getränke“, sagt Julliot, „bei uns bezahlt man für die Zeit, die man hier verbringt.“ Die erste Stunde kostet 5 Euro, jede weitere 3 Euro. Dafür können Gäste ohne Beschränkung spielen, essen und trinken. Und wer will, dem führt Julliot auch noch ein Experiment vor – wie jenes, an dem er DNA-Forschung anhand einer zerdrückten Banane erklärt.

Wir berechnen nichts für Speisen und Getränke. Bei uns bezahlt man für die Zeit, die man hier verbringt.

Samuel Julliot, Besitzer des Wissenschaftscafés Eurêkafé

Wenn ihre Zeit abgelaufen ist, treten Gäste wieder vor die Tür, direkt in die Altstadt von Toulouse. Wissenschaft hin oder her – hier gibt es schließlich auch immer etwas zu sehen. Und wer zwischendurch nach oben in den Himmel über den rosa Backsteingebäuden schaut, wird ihn garantiert früher oder später wieder erblicken: den knubbeligen Beluga. Auf ein weiteres Foto? Jetzt nicht mehr – in Toulouse fühlt man sich einfach viel zu schnell zu Haus.

Tipps für deine Reise nach Toulouse

Anreise: Mit dem Flugzeug mehrmals täglich direkt ab Frankfurt am Main und München (Lufthansa) sowie ab Berlin-Schönefeld (Easyjet, Ryanair). Von anderen Flughäfen mit Umsteigen, meist in Frankfurt am Main oder Paris.

Beste Reisezeit: Eine Reise nach Toulouse ist ganzjährig möglich, wobei es im Winter frisch werden kann und öfter regnet, die Sommer können heiß werden mit Temperaturen deutlich über 30 Grad Celsius.

Unterkunft: Zentral und frisch modernisiert: Mercure Hotel Wilson, 7 Rue Labeda, 31000 Toulouse.
Zentral und edel, direkt am Kapitol: Hotel Le Grand Balcon, 8 Rue Romiguières, 31000 Toulouse.
Zentral und oft günstig: Ibis Styles Toulouse Gare, 13 Boulevard de Bonrepos, 31000 Toulouse.

Sehenswertes: Cité de l’espace, Raumfahrtmuseum, Avenue Jean Gonord, 31500 Toulouse.
Aeroscopia, Luftfahrtmuseum, 1 Allée André Turcat, 31700 Blagnac.
Die Airbus-Werkstour ist nur mindestens zwei Tage vorab buchbar, Zugang über das Aeroscopia.
Eurêkafé, 24 Rue Léon Gambetta, 31000 Toulouse.
 

Die Reise wurde unterstützt von Toulouse Tourismus. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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