Adults Only: Deutsche wünschen sich mehr kinderfreie Bereiche

Adults Only: Kinderfreie Zonen auch bei Reisen Trend

Hotels und Restaurants richten immer öfter kinderfreie Zonen ein. Unser Autor, selbst Vater zweier Töchter meint: Ein paar Kinderverbotsschilder könnten der Gesellschaft sogar guttun.

Thorsten Fuchs
Junge schaut über einen Zaun.
Kinder müssen draußen bleiben: Hotels und Restaurants richten immer öfter kinderfreie Zonen ein.

Foto: imago/imagebroker

Die Kellnerinnen brauchten gute Nerven und ein gewisses Geschick, das muss ich zugeben. Es war in einem Fischrestaurant an der Nordseeküste, Mittagstisch, alle Tische besetzt, etwa vier Jahre her: Ein Mädchen, knapp ein Jahr alt, seilt sich langsam vom Schoß seines Vaters ab und robbt sich dann mit sanfter Neugier durch die Gaststube.

Die Beine, die über sie hinwegsteigen oder sie umkurven, müssen ihr wie wandernde Bäume vorgekommen sein, auch die ihrer größeren Schwester, die mit ihrer Freundin ein Wettrennen zwischen Theke und Toilettentür machte, und wahrscheinlich fand sie diesen Anblick aus der Bodenperspektive ganz interessant.

Den Kellnern bleibt nur die Wahl zwischen Hürden- und Slalomlauf

Den Kellnerinnen mit ihren vollen Fisch-mit-Bratkartoffel-Tellern bliebt bei alldem nur die Wahl zwischen Hürden- und Slalomlauf. Dass da nicht ein einziges Schollenfilet auf dem Boden landete: sehr erstaunlich. Der Vater übrigens, der da in aller Ruhe weiter sehr innig mit einem guten Freund plauderte und entweder großzügig oder nachlässig darüber hinwegsah, wie seine Töchter den Kellnerinnen die Arbeit schwer machten: Das war ich.

Es ist mir heute noch unangenehm. Aber so war es. Als Entschuldigung kann ich nur anführen, dass ich den Freund lange nicht gesehen hatte. Das war es dann aber auch schon.

Im Nachhinein hätte es mich nicht gewundert, wenn die Besitzer unmittelbar, nachdem wir das Lokal verlassen hatten, ein „Kinder verboten“-Schild ins Fenster gehängt hätten. Oder ein „Achtlose Eltern verboten“-Schild, darum ging es ja wohl eher.

Wem gelten die Verbotsschilder als nächstes?

Diese Szene fiel mir jedenfalls wieder ein, als vor Kurzem ein Gas­tronom auf Rügen tatsächlich ein „Kinder verboten“-Schild vor seinem Restaurant aufbaute. Es stand etwas anders drauf, „Nur Erwachsene“, das klingt zumindest etwas freundlicher, und es gilt auch erst nach 17 Uhr, aber es ist schon das, was gemeint ist. Es begann eine hitzige Debatte, der Wirt wurde als Kinderfeind beschimpft, dabei ist er bei Weitem nicht der Einzige, der die Kleinen gern aussperrt.

Es gibt inzwischen kinderfreie Hotels, kinderfreie Kreuzfahrten, kinderfreie Wellnessoasen. Um den Rügener Wirt begann es gerade wieder ruhig zu werden, da verwies der Thüringer Landtag eine Abgeordnete des Hauses, die es gewagt hatte, mit Säugling zur Sitzung zu kommen. Ist das jetzt ein Trend?

Erfurt, 29.08.2018 124. Plenarsitzung am Mittwoch der 6. Wahlperiode im Thüringer Landtag. Zubeginn wurde die Sitzung für eine dreiviertel Stunde von Landtagspräsident Christian Carius unterbrochen um den Ältestenrat einzuberufen. Grund war, die Abgeordnete Madeleine Henfling (Bündnis90 / die grünen) kam mit ihrem Neugeborenen Baby in die Sitzung und es musste geklärt werden ob es zulässig ist das Kinder in die Landtagsitzung dürfen. Carius entschied dann, das es für die nächsten Sitzungen nicht zulässig ist, bis darüber entgültig beschlossen wird. *** Erfurt 29 08 2018 124 plenary session on Wednesday of the 6 electoral period in the Thuringian state parliament Zubeginn the meeting was interrupted for three quarters of an hour by president Christian Carius to convene the council of elders reason was the deputies Madeleine Henfling Bü  imago/pictureteam
Die Abgeordnete Madeleine Henfling (Bündnis90 /Grünen) kam mit ihrem Neugeborenen in die Sitzung des thüringischen Landtags und musste den Plenarsaal daraufhin wieder verlassen. Foto: imago/pictureteam

Wer die zornigen Kommentare über all das liest, könnte glauben, Deutschland sei auf dem Weg zu einer Kinderverbotszone. Ist das so?

Sind kinderfreie Bereiche jetzt Trend?

Ich kann mir nicht helfen: Sympathisch sind mir solche Schilder wahrlich nicht. Ich wäre da nicht gern Gast, auch ohne Kinder nicht. Wer diese Schilder aufstellt, mutet Menschen die demütigende Erfahrung zu, sich zu fühlen wie der Hund, der vor dem Supermarkt bitte leider draußen bleiben muss.

Ganz zu schweigen von der Frage, wem solche Schilder denn wohl als Nächstes gelten könnten. Was ist, wenn ein anderer Restaurantbesitzer findet, Menschen über 70 hätten sich in seinem Lokal bislang wirklich auffallend schlecht benommen? Oder Behinderte?

Aber gegen die krassesten Fälle gibt es glücklicherweise auch ein Gesetz. Was wiederum die Situation auf Rügen angeht: Da ist das nächste Restaurant ja meist nicht weit. Und wenn man ehrlich ist: So ganz unverständlich ist mir der Wunsch nicht, eine Weile vor uns Familien sicher zu sein.

Eine Kunstausstellung ist kein Streichelzoo und ein Klassikkonzert keine Mitsing-Arena.

Gelegentlich tragen wir ja auch selbst etwas zum Verdruss über uns bei. Nein, früher haben sich Kinder ganz sicher nicht besser benommen. Aber ein paar Regeln zur Wiederholung können wahrscheinlich trotzdem nicht schaden, also: Eine Kunstausstellung ist kein Streichelzoo, zum Beispiel. Ein Klassikkonzert ist keine Mitsing-Arena. Ein Fischrestaurant ist weder ein Sportplatz noch ein Pekip-Kurs.

Auch Eltern kennen das Bedürfnis, ab und zu mal seine Ruhe zu haben

Und das bei Kindern im Zug unfassbar beliebte Spiel, den Deckel des kleinen Metallmülleimers unablässig auf- und zuzuklappen und dazu mit den Füßen gegen den Sitz des Vordermanns zu treten, muss man auch nicht endlos tolerieren.

Unsere Kinder gehören zu den ruhigeren. Dennoch fühle ich mit jedem Reisenden in einem ICE der Deutschen Bahn, der zufrieden in den neuen Arne-Dahl-Krimi vertieft zu sein scheint – bis wir kommen, weil wir leider, leider die Plätze neben ihm reserviert haben.

Das Bedürfnis jedenfalls, ab und zu mal vor uns Ruhe zu haben, finde ich verständlich. Auch wenn es mir selbst eigenartig vorkäme, in ein Restaurant zu gehen oder in einem Hotel zu wohnen, in dem Kinder von vornherein ausgeschlossen sind. Aber wenn es viele gibt, die es gern wollen, sollen sie ihre Orte bekommen.

16 Prozent der Eltern wünschen sich kinderfreie Restaurants

Laut einer Umfrage von Ende August wünschten sich 37 Prozent der Erwachsenen, die keine Kinder haben, eine Sperrstunde für Kinder im Restaurant. Von den Befragten mit Kindern hätten immerhin noch 16 Prozent gern mal ein Menü garantiert ohne Geschrei. Stolze 27 Prozent der Kinderlosen hätten gern eine kinderlose Zeit im Kino. Immerhin 21 Prozent der Befragten wüssten ihre Bibliothek gern stundenweise kinderfrei. Es sind insgesamt erstaunlich hohe Zahlen.

Deutschlandweit wurden Erwachsene mit und ohne Kinder gefragt, wo sie sich Kindersperrstunden wünschen.
Deutschlandweit wurden Erwachsene mit und ohne Kinder gefragt, wo sie sich Kindersperrstunden wünschen. Foto: YouGov/RND

Es wirkt wie Notwehr, wenn Wirte ihr Kinderfrei-Schild aufstellen. Wie ein Akt des Widerstands gegen Tyrannenkinder und ihre Eltern. Aber das ist es natürlich nicht. Vor allem ist es ein wirtschaftliches Kalkül. Anzeigen braucht zum Beispiel der Rügener Wirt wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren nicht mehr zu schalten. Daneben bedient er eine Nische. Den Markt der Überdrüssigen – oder auch nur derer, die meinen, ein Abend garantiert ohne Kinder täte ihnen mal ganz gut.

Adults Only vermutlich auch in Zukunft kein Massenmarkt

Ich glaube nicht, dass dieser Markt so groß ist, dass Wirte künftig massenweise Kinderverbotsschilder aufstellen. Dazu wirkt dieses Konzept zu engherzig, das steht Wirten nicht gut. Aber im Grunde wäre es in Ordnung, wenn ein paar mehr Gastronomen und Hotelbesitzer solche Schilder aufstellten.

Da könnten dann alle hingehen, die sonst gern genervt mit den Augen rollen, wenn nebenan die Dreijährige ihre Fischstäbchen partout direkt vom Tisch essen will. Oder wenn die Fünfjährige vergessen hat, wozu dieses komische Ding mit den Zinken noch mal gut war.

Mit etwas Glück wären kinderfreie Zonen dann ein Beitrag zu mehr Frieden an den Tischen. Die Genervten hätten ihren eigenen Raum. Und umgekehrt könnten wir unser schlechtes Gewissen zurückfahren, wenn wir uns als wandelnde Belästigung mal wieder einem Restaurant nähern. Da hätten dann alle was davon, und man müsste dem Rügener Wirt sogar dankbar sein.

Für die Familienfreundlichkeit gibt es andere Indikatoren.

Als Zeichen einer neuen Kinderfeindlichkeit taugen die Schilder nicht. Ich habe mich mit unseren Kindern jedenfalls bislang fast immer willkommen gefühlt. Ich staune meistens eher, wie geduldig die meisten Wirte und Mitarbeiter sind. Wie sie Ketchupflaschen nachfüllen, Malstifte nachspitzen und glaubhaft versichern, es sei nicht schlimm, dass das Kartoffelpüree an der Wand gelandet ist. Für die Familienfreundlichkeit gibt es andere Indikatoren. Kita-Ausbau, Ganztagsbetreuung, marode Schulen, um mal ein paar Beispiele zu nennen. Aber darum geht es hier nicht.

Bei dem Restaurant vom Anfang übrigens habe ich mich nicht mal entschuldigt. Was nicht nett war. Ein Schild haben sie dennoch nicht aufgestellt. Kinder sind dort weiterhin willkommen.

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