Auf das Wetter in Tarifa, dem Kite- und Surfrevier im Süden Spaniens, ist Verlass. Jeden Morgen geht Jürgen Hinz mit seinen Schülern zum Strand, um nach dem Wind zu sehen. „Was fällt Euch auf?“, fragt der Kitelehrer. „Wind“, ruft Stephan Krüper (44) breit grinsend,. „Genau“, sagt Jürgen. Der Wind kommt aus Westen, leichte Schaumkronen kräuseln sich auf dem Wasser. Vorausgesagt sind drei bis vier Windstärken am Vormittag – also ideal für Anfänger. Und bis zu sieben am Nachmittag – die Könner freuen sich auf Windkraft für meterhohe Sprünge. Damit ist alles gesagt.
In der nächsten Stunde wird der Strand zur Spielwiese aus bunten Schirmen, die schon bald über dem Wasser tanzen „Locos por el viento“ – die nach dem Wind Verrückten – werden die Surfer und Kiter von den Einheimischen genannt.
 

Wind ist immer: Entweder Levante oder Poniente

 

Hier in Tarifa, am Südzipfel Spaniens, werden es immer mehr Windverrückte. Neben Ho’okipa auf Hawaii und Fuerteventura zählt die Stadt zu den weltbesten Kite- und Surfrevieren. Es sind unglaubliche Windstatistiken, die die Wassersportler ganzjährig in die Provinz Cádiz treiben. Bis auf ein paar Tage, meist im August, „kachelt“ es hier gewissenhaft. Zwischen vier und acht Windstärken sind an der Tagesordnung. Zwei Windsysteme belüften die Spots in Wechselschicht. Entweder bläst der von Osten, meist von der Sahara kommende warme Levante, der oft auch große Mengen Sand mitbringt und Strandlieger wie paniert aussehen lässt.

Der Starkwind bügelt die Wellen flach und macht Tarifa während der Ostwindperioden zu einem klassischen Speed- und Slalomrevier. Oder der kühle, meist schwächere vom Atlantik kommende Poniente, der als Folge von Tiefdruckgebieten auftritt und vor allem im Winter Sturmstärke erreicht. Diesen Winden verdankt die südlichste Stadt der Straße von Gibraltar mit ihren zehn Kilometern Sandstrand ihre Popularität. In Tarifa gibt es zahlreiche Windsurfspots, die je nach Windrichtung und Windstärke unterschiedlich gut funktionieren. Sie befinden sich alle im Umkreis von 60 Kilometern und liegen entlang der N 340 zwischen Algeciras und El Palmar.

Die Saison beginnt im September

 
Die Saison beginnt Mitte September und endet im Mai, weil es im Sommer zu voll an den Stränden ist und dann viele Buchten für die Wassersportler gesperrt sind. Obwohl es Anfänger bei Starkwind schwer haben, zieht es sie scharenweise nach Tarifa. Viele sind dann aber doch überrascht, wenn der Wind so richtig bläst. Dann müssen sich die Schüler gegenseitig festhalten, damit sie nicht plötzlich durch den Sand gezerrt werden.
 

Tarifa hat die meisten Surfschulen Spaniens

 
Einst florierende Hafenstadt, später Fischerdorf, ist Tarifa mit seinen rund 17.000 Einwohnern ganz und gar auf den Wassersport eingestellt. In der Stadt mit den meisten Surfschulen der Iberischen Halbinsel, reihen sich die Surfshops, in denen für die Materialschlacht auf dem Wasser hochgerüstet wird, wie Perlen an eine Schnur. Die Surfszene bestimmt auch am Abend das Straßenbild. Hinter den historischen Festungsmauern der Altstadt bevölkern braungebrannte Sportler in lässigen Sportklamotten, die bis ins hohe Alter getragen werden, die Pubs, Tapasbars und Diskotheken bis zum Morgen. Der Wind macht das Programm: Er steht erst am frühen Nachmittag auf und mit ihm viele Urlauber.
Nirgendwo sonst sind sich Europa und Afrika übrigens so nah, und wegen der kurzen Entfernung zur marokkanischen Küste (vom Strand aus sind es nur 15 Kilometer) ist Tarifa seit Jahren von Afrikanern, die versuchen, illegal nach Europa zu gelangen. Die starke Strömung, die Winde und der vielfach heftige Wellengang machen die Überfahrt auf den meist überladenen und untauglichen Booten jedoch zu einem gefährlichen Unterfangen – nicht selten mit tödlichem Ausgang.
 

Mit dem Katamaran nach Afrika

 
Für Besucher ist die Überfahrt ohne Gefahr möglich: Zwischen Tarifa und dem marokkanischen Tanger fahren mehrmals täglich Fähren, darunter Hochgeschwindigkeitskatamarane, die Touristen in wenigen Minuten zum anderen Kontinent bringen. Eine Gelegenheit also für einen lohnenswerten Ausflug ohne Surfbrett. Und, wenn der Wind mal schlapp macht. Das aber ist - wie gesagt - eher selten der Fall.