Abenteuertour in Jamaika: Spring jetzt, spring! | reisereporter.de

Spring jetzt, spring! Abenteuertour auf Jamaika

Wer an Jamaika denkt, dem fallen meist sofort Traumstrände und Cocktails ein. Es geht aber auch anders: reisereporterin Isabell hat sich an einer Abenteuertour in Jamaika probiert. Es war… abenteuerlich.

Buchenmischwald suchst du auf Jamaika vergebens. Hier bestimmen andere Bäume und Pflanzen die Landschaft.
Buchenmischwald suchst du auf Jamaika vergebens. Hier bestimmen andere Bäume und Pflanzen die Landschaft.

Foto: Isabell Prophet

Die Blume war ein Fehler. Irgendwas Exotisches hatte unser Guide mir gereicht, rot, mit spitzen festen Blütenblättern. Ich schob sie mir ins Haar – ganz blöde Idee. Aber fangen wir am Anfang an: Hallo! Ich heiße Isabell und war im Winter auf Jamaika. Dabei habe ich mich auf eine der dortigen Abenteuertouren eingelassen. Schön war’s. Blieb nur nicht ganz folgenlos.

Mein Abenteuer im jamaikanischen Randregenwald

Aktivtouren auf Jamaika kannst du dir etwas anders vorstellen als den Spaziergang durch den Heide-Park oder den Abenteuerpfad im deutschen Buchenmischwald. Buchenmischwald gibt’s da nicht. Unser Kleintransporter schlägt Palmenblätter zur Seite, der Gegenverkehr muss weichen und wir fahren steil bergauf, hinein in den jamaikanischen Randregenwald mit seinen Palmen, Zedern, Blauholz- und Mahagonibäumen.

Diese Straße dürfte ungefähr so entstanden sein wie der gemeine deutsche Trampfelpfad: Irgendwann hatte sich der Mensch einfach durchgesetzt, und dann legte daneben noch jemand eine Stromleitung.

Mit dem Kleintransporter geht es in den Randregenwald von Jamaika.
Mit dem Kleintransporter geht es in den Randregenwald von Jamaika. Foto: Isabell Prophet

Zeit zum Überlegen bleibt nicht, als wir bei einem kleinen Holzhaus in der Mitte von gar nichts ankommen. Ausziehen heißt die Order, Kameras weg, mitkommen und dann stehe ich aus irgendwelchen Gründen mitten in einem Wasserfall und soll runterspringen. Okay.

Durch den Dschungel ins Tal

Dazu muss man wissen: Ich bin eher so der mittelmutige Typ. Ich habe gern Spaß, ich probiere gern Sachen aus, aber wenn man sich bei etwas die Knochen brechen kann oder potenziell auf zwei mal zwei parallel angeordneten Rädern nach Hause kommt, bin ich in der Regel raus.

Zu meinen Knöcheln rauscht das Wasser. Ich stehe in geborgten Gummistoffschuhen auf Steinen und hätte gern meine stabilen Wandersandalen zurück. Vor mir geht’s ein paar Meter runter, und bis zum Blue Hole am Grunde der Schlucht ist es noch ganz schön weit. In der Ankündigung hatte es eher so ausgesehen, als würden wir hier ein bisschen planschen. Und wer sagt eigentlich, wenn ich da jetzt runterspringe, dass ich nicht hart auf einem Stein aufschlage? Oje.

Das Blue Hole klingt zwar unschuldig nach blauem Loch im Boden, ist tatsächlich aber nur der unterste Pool am Ende mehrerer natürlicher Kaskaden. Das Wasser entspringt einem Berg bei Ocho Rios und schießt angenehm kühl ins Tal. Viele Menschen sind hier morgens noch nicht, die meisten fahren zu den ebenfalls schönen Dunn River Falls, sie liegen näher an den touristischen Zentren. Das Blue Hole haben wir an diesem Dezembermorgen fast für uns allein, Hauptreisezeit hin oder her.

Aber am Blue Hole muss ich ja erst einmal ankommen. Ich lasse mich darauf ein, springe. Das Wasser hat tatsächlich keine Balken (und auch keine Felsen), ich gehe unter, tauche wieder auf, lebe noch und kann alle Körperteile weiterhin benutzen. Und ich bin auf den Geschmack gekommen. Über mir der grüne Dschungel, als die Panik vertrieben ist, höre ich Affen schreien, Vögel singen. Nein, Quatsch, Dschungelvögel singen nicht, Dschungelvögel kreischen ein exotisches Lied. Auch gut.

Das Blue Hole auf Jamaika macht seinem Namen alle Ehre.
Das Blue Hole auf Jamaika macht seinem Namen alle Ehre. Foto: Isabell Prophet

Wer sich entschieden hat, der kann auch springen

Ich springe von Pool zu Pool, klettere über Felsen, Frühsport ist das ja schon irgendwie. Die Pools sind tief und sicher, jedenfalls wenn ein Ortskundiger dabei ist. Ein Satz, der für so ziemlich jeden Ort im Inland der karibischen Inseln gilt. „Kids, don’t do this alone“ – auch wenn Instagrammer immer behaupten, auf eigene Faust wäre es viel cooler.

In Europa verpasst ihr nur ein paar Details, im Dschungel brecht ihr euch die Knochen. Ich war mit Chukka Tours unterwegs, ihr findet sie mit einer kurzen Internetrecherche, außerdem kooperieren sie mit Kreuzfahrt-Unternehmen wie Aida.

„Wenn du nachdenkst, springst du nie“, sagt der Guide zu mir. Ich trete zurück. Unter mir geht es zehn Meter runter (15, behauptet ein Mitreisender, aber so genau will ich es lieber nicht wissen). Ich lasse mir Zeit. Ich will ja da runter. Mein Körper ist nur noch nicht so weit. Ich stehe auf einer hölzernen Plattform, unter mir – endlich – das Blue Hole.

Einer der Einheimischen steht mit beiden Füßen im Wasserfall, nimmt ein paar Meter Anlauf, springt und segelt elegant an den Steinen entlang ins Wasserloch. Keine Ahnung, welche Art von Physik dahintersteckt, aber vielleicht können Jamaikaner ein bisschen fliegen. „Willst du?“, fragt der Guide und deutet nach unten. Was für ein Pool. Was für ein Blau. Ich muss nur springen, und ich hab das ganze Ding für mich allein.

Ich springe hinein in die Dschungelwelt, es lohnt sich. Als das Wasser über mir zusammenschlägt, habe ich eine Lektion gelernt. Klar will ich. Ich habe mich schon längst entschieden. Ich habe es nur noch nicht umgesetzt, wartend auf irgendeinen Impuls, der bitte aus mir selbst kommen soll. Zeitverschwendung. Ich werde nie wieder auf irgendwelche Impulse warten. Wer sich entschieden hat, der kann auch springen.

Das Blau des White River ist einfach unfassbar.
Das Blau des White River ist einfach unfassbar. Foto: Isabell Prophet

Nerven beruhigen – danke, reicht

Kennt ihr diese riesigen Gummireifen, auf denen Menschen sanft durch Flüsse gleiten? „Tubing“ nennt sich das. Es ist wirklich, wirklich sehr entspannt. Möglicherweise ein klein wenig öde, aber nach den Kaskadensprüngen ins Tal genau das Richtige. Der White River ist ein eher gemächliches Flüsschen. Von deutschen Flüssen unterscheidet er sich durch seine Farbe – unfassbar, dass dieses Blau echt sein soll – und durch seinen natürlichen Lauf. Auf Jamaika wird nichts begradigt. Hier darf der Fluss noch sein, wie er ist. Stahlseile spannen sich hier und da über das Wasser, aber dazu komme ich noch.

Erst mal also: Tubing. Was soll ich euch davon erzählen? Nichts eigentlich, denn es passiert auch nicht viel. Man sitzt in einem Reifen, wird nass und treibt flussabwärts. Beim Tubing gewonnen hat, wer die Kamera Kamera sein lässt und einfach mal nach oben schaut. Jamaika bedeutet Wildnis. Hier zwitschern Kolibriarten, Maskentölpel kreischen, kleine grüne Eidechsen flüchten vor uns Eindringlingen. Tubing ist prima, um Ruhe zu finden und die Gegend auf sich wirken zu lassen. Mit anderen Worten: leicht langweilig, aber sehr entspannend.

Ausgestattet mit Klettergurten, Helmen und Handschuhen geht es im Gänsemarsch durch den Regenwald.
Ausgestattet mit Klettergurten, Helmen und Handschuhen geht es im Gänsemarsch durch den Regenwald. Foto: Isabell Prophet

Du bist nicht zu schwer

Kaum sind wir alle unten, geht’s auch schon wieder rauf. Weit rauf. Wir schnüren uns gegenseitig in Klettergurte, setzen Helme auf und ziehen schwere Arbeiterhandschuhe an, dann laufen wir im Gänsemarsch durch den Matsch. „Canopy“ nennen sie das hier, wir werden an Stahlseilen von Baum zu Baum zurück ins Tal rasen. Deshalb die Handschuhe. Denn unsere Finger sind die Bremsen.

Das Gelände ist idyllisch schön, Palmen, viel Wasser, der stahlblaue White River. Falls ihr immer schon mal einen dieser #noedit- und #keinFilternötig-Orte besuchen wolltet: Das Hinterland von Ocho Rios auf Jamaika ist so einer.

Wir sind eine kleine Gruppe von Reisenden, die von diesen Fotos angelockt wurden. Die meisten: jung, sportlich, bereit. Eine: etwas älter, etwas fülliger. Nicht fett. Aber offensichtlich unsportlich. Unser Guide hängt sich in ein Stahlseil und streckt ihr die Hand entgegen.

„Ich kann das nicht“, sagt sie.
„Du kannst das“, sagt er.
„Ich bin zu schwer!“
„Das hält. Du bist nicht zu schwer.“

Sie tut es nicht. Sie stellt sich an den Rand und schaut uns zu. Ich habe noch etwas Energie vom Sprung ins Blue Hole übrig und stürze mich von der Plattform. Das ist genug Schwung, am Seil schieße ich durch den Dschungel, vorbei an hohen Palmen, uralten Bäumen, hinweg über Farne und den White River.

„No!“, schreit der Guide, als ich auf den nächsten Baum zuschieße und ich mache den größten denkbaren Fehler: Ich greife vor der Winde ins Seil. Idiot-ich. Er wollte mich nur ein wenig schocken, aber ich hätte mir beinahe ein paar Finger amputiert. Das wird mir im Bruchteil einer Sekunde klar und ich lasse wieder los. Wir tauschen einen „Okay, fast“-Blick, als ich sicher auf der Plattform im Baum stehe. Und er bringt den Gag nicht noch einmal.

„Canopy“ – an Stahlseilen von Baum zu Baum zurück ins Tal.
„Canopy“ – an Stahlseilen von Baum zu Baum zurück ins Tal. Foto: Isabell Prophet

Würde auch nichts bringen, denn um wirklich von Baum zu Baum zu flitzen, müsste ich wohl 20 Kilo schwerer sein. Leichte Menschen verhungern auf den weiteren Strecken kurz vor der Ankunft. Da hilft nur: umdrehen und am Seil weiterziehen. Ich bin mir sicher, ich sehe so cool aus wie Tom Cruise in „Mission: Impossible“. Ganz sicher. Angekommen ist am Ende jeder.

Auch unsere schwergewichtige Mitreisende. Am Schluss fasst sie Mut und springt. Und möglicherweise ist sie die glücklichste von allen, als sie mit uns im Schlamm steht und wir nach Atem ringen. Alle angekommen. Und ich bin ein bisschen verliebt in diese wunderbaren Jamaikaner, die keinen zurücklassen, jedem Mut machen und bei denen die Antwort auf alle Fragen immer „Ya man“ ist.

Am Ende gibt’s doch noch Rumpunsch

Zum Abschluss gibt’s Brathähnchen mit scharfer Soße und Rumpunsch – wer in die Karibik fährt, der kann dort sehr viel Rumpunsch trinken. Wer sich auf die Küche der Einheimischen einlässt, der landet oft genug bei Brathähnchen mit scharfer Soße, oder vielleicht ist das in seinen Variationen das heimliche Internationalgericht der Welt.

Was bleibt? Ach ja, die Sache mit der Blume. Die war nicht so schön. In der Blüte saßen nämlich kleine böse Flöhe, und die knabberten mein Gesicht an, rieselten auf meinen Bauch, meine Beine, wirklich überallhin. Und sie waren hungrig. Nahrungskreislauf erfolgreich geschlossen nennt man das wohl, wenn die Kleinsten anfangen, die Großen aufzuessen.

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