Kurische Nehrung: Urlaub mit dem Fahrrad | reisereporter.de

Kurische Nehrung: Auftanken im Fahrrad-Paradies

50 Kilometer lang keine Autos, keine Ampeln – nur Natur. Und menschenleerer feinster Sandstrand hinter einer Dünenkette. Herrlich, so ist das also: Fahrradfahren auf der Kurischen Nehrung in Litauen.

Ulrich Metschies
Ostseestrand an der kurischen Nehrung.
Sicher nicht ideal für Kette und Antrieb – aber meist ist der schnurgerade, oft menschenleere und feinsandige Ostseestrand der Kurischen Nehrung so fest, dass man ihn hervorragend mit dem Fahrrad erkunden kann.

Foto: Frauke Kähler

Die schmale Halbinsel, fast 100 Kilometer lang und je zur Hälfte russisch und litauisch, ist ein Paradies für Fahrradfahrer und von Schleswig-Holstein gar nicht so weit entfernt wie mancher denken mag.

19 Stunden Fährfahrt von Kiel nach Klaipeda sind kein Klacks, doch mit einem Buch, Käffchen und Ostseeblick vergeht die Reise erstaunlich schnell. Und zur Not gibt es ja Netflix. Serienjunkies sollten sich ihre Folgen zu Hause herunterladen, denn Streamen an Bord macht bekanntlich arm.

Für Russland müsstest du ein Visum beantragen

Natürlich kannst du auch über die gesamte Nehrung radeln, also 100 Kilometer. Doch hinter dem Grenzort Nida, auf der Haffseite der Nehrung, beginnt Russland, genauer: das zu Russland gehörende Gebiet der Exklave Kaliningrad.

Wer hier weiterfahren will, benötigt nicht nur ein Visum, sondern sollte sich auch auf schlechtere Straßenbedingungen einstellen. Seit Jahren schon soll ein Radweg auch auf der russischen Nehrungsseite gebaut werden, doch dieses Vorhaben stockt. Also empfiehlt es sich, Nida zu genießen.

Fahrradfahren auf der Kurischen Nehrung.
Natur pur und kein Auto in Sicht: Die 50 Kilometer zwischen Klaipeda und Nida bieten sich für einen Tagestrip an. Foto: Ulrich Metschies

Karge Lebensweise der Haff-Fischer

Dem Charme des früheren Fischerdorfes sind schon viele Gäste erlegen. In den 1900er-Jahren wurde das damalige Nidden zum Urlaubsziel und Wohnsitz zahlreicher Künstler. Lovis Corinth, Ernst Mollenhauer, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff ließen sich hier inspirieren. Auch Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann verbrachte von 1930 bis 1932 hier die Sommermonate.

Spannender jedoch als ein Besuch des Thomas-Mann-Hauses, in dem zwar Schriften zu sehen sind, aber nicht mehr das Original-Mobiliar, ist ein Abstecher ins Geschichtsmuseum, das einen Einblick in die karge Lebensweise der Haff-Fischer gibt. Am besten jedoch, man bleibt im Freien und erfreut sich am Anblick der kräftig-blauen Fischerkaten mit ihren liebevoll gepflegten Obst- und Blumengärten inmitten der weiten Dünenlandschaft.

Litauen, ein Land zum Radfahren

So schön sie ist: Irgendwann ist die Nehrung natürlich hinlänglich erradelt, doch diese bemerkenswerte Halbinsel ist nur ein Zipfel dessen, was Litauen Zweiradurlaubern zu bieten hat. Ob du eine größere Distanz mit wechselnden Unterkünften wählst oder sich eine feste Unterkunft suchst und auf Tagesausflügen die Umgebung erkundest, spielt keine große Rolle.

Der Ostseeküsten-Radweg (Euro Velo Nr. 10) verläuft über die Nehrung, durch Nida, Klaipeda und Palanga bis nach Lettland. Und es ist nicht nur die Küste, die lockt. Auch das Binnenland des größten der drei Balten-Staaten lässt das Herz des Erholungsuchenden höher schlagen: Das dünn besiedelte, von Flüssen und Seen durchzogene Memelland etwa bietet eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt und eine Ursprünglichkeit, die im Westeuropa kaum noch zu finden sind.

Kiel: Stadt mit Hafen – Klaipeda: Hafen mit Stadt

Aber es gibt ja noch Klaipeda, für Fährreisende sozusagen das Tor zum Fahrrad-Paradies. Wenn Kiel eine Stadt mit Hafen ist, dann ist Klaipeda ein Hafen mit Stadt. Kilometerlang reihen sich Kräne, Frachtschiffe, Lagerhallen, Öltanks, Erz- und Kohlehalden. Mehr als die Hälfte der 160.000 Einwohner lebt vom Hafen.

Wer Klaipeda mit dem Rad erkundet, braucht starke Nerven: Das mit EU-Hilfe sanierte Radwegenetz ist noch sehr lückenhaft. Gerade hast du dich an einen komfortablen Abschnitt gewöhnt, da naht schon der nächste potenzielle Felgenkiller in Form 20 Zentimeter hoher Bordsteine. Doch die Altstadt, die nach und nach restauriert wird und allmählich aus kleinstädtischer Verschlafenheit erwacht, ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Klaipeda ist zuallererst Hafenstadt und keine klassische Schönheit. Doch die Innenstadt des einstigen Memel hat viel maritimen Charme.
Klaipeda ist zuallererst Hafenstadt und keine klassische Schönheit. Doch die Innenstadt des einstigen Memel hat viel maritimen Charme. Foto: Konrad Bockemühl

Auch fast drei Jahrzehnte nach Ende des Sozialismus ist die Innenstadt mit ihren Kopfsteinpflasterstraßen weitgehend frei von westlichem Konsumüberfluss. Wer in Klaipeda shoppen will, fährt sowieso ins „Akropolis“, einen gigantischen Markentempel inklusive Eislaufbahn.

Moderne Architektur in Klaipeda

Nicht mehr sowjetisch, aber auch noch nicht ganz europäisch: Dieser Eindruck von Litauen drängt sich auch in Klaipeda auf. Modernisierte Gebäude und Ansätze vitaler Großstadtarchitektur neben Plattenbauten, deren Balkons zu verrotten drohen – eine ganz besondere Mischung.

„Man kann hier gut leben“, sagt Eberhard Arnold, der 2003 von Berlin nach Klaipeda übersiedelte, um dort mit seiner heutigen Ehefrau Rima zusammenzuleben, die aus Litauen stammt.

Eberhard und Rima Arnold
Litauisch-deutsches Paar: Eberhard und Rima Arnold aus Klaipeda. Foto: Privat

Er habe schon das Gefühl, dass bei den Älteren eine „gewisse Nostalgie in Bezug auf die jüngere Vergangenheit existiert“, sagt der Ruheständler, der in der Schifffahrtsbranche sein Geld verdiente. Dass Litauen wirtschaftlich zum Westen aufschließt, kann Arnold kaum erkennen.

Okay, bei der Digitalisierung sei das Land Spitze, doch die schlechten Einkommensperspektiven würden weiter junge Menschen ins Ausland treiben. Gerade 400 Euro verdient Rima als Angestellte im Amtsgericht – und das bei Lebensmittelpreisen, die sich von denen in Deutschland kaum unterscheiden. Entsprechend froh ist das Ehepaar, eine kleine Wohnung an Urlauber vermieten zu können. Und von denen kommen immer mehr.

Anreise nach Klaipeda:

Von Kiel mit der DFDS-Fähre täglich nach Klaipeda, Abfahrt: 21 Uhr (Check-In 18 Uhr), Ankunft: 17.30 Uhr. Ab 18 Euro im Ruhesessel.

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